Nina Pauer | Autorin

Oktober 15, 2012

„MAMA, MIR IST LANGWEILIG“

Filed under: 2012 — N.P. @ 12:28 am

Facebook hat nun eine Milliarde Mitglieder. Dabei krankt die Plattform längst an einer Implosion der Informationen. Jetzt soll man dafür auch noch bezahlen – frisst das Netzwerk sich selber auf?

ZEIT Feuilleton, 11. Oktober 2012

Eigentlich ist die Sache mit dem Teilen keine schlechte Idee gewesen. Wie eine stille, pastellfarbene Utopie avancierte dieser Begriff zum Kern jener Kohorte an jungen Menschen, die gerne als Generation Facebook betitelt wird. Studien und Statistiken malen das Bild einer netten, verantwortungsbewussten Gruppe junger Erwachsener, die lieber nicht Chef werden wollen, sondern in Teams arbeiten, die kein eigenes Büro haben, sondern nur mehr coworking spaces bilden: junge Menschen, die kein Eigenheim und kein Auto anstreben, sondern ihre Wohnung fürs Couchsurfing bereitstellen, die lieber Ausflüge mit dem geliehenen Stadtrad machen, Carsharing betreiben, die nicht mehr shoppen, sondern Klamottentauschpartys besuchen.

Es ist die Suche nach dem kleinen Resonanzraum in einer Umwelt zunehmender Komplexität: Wenn wir schon die Welt nicht verstehen können, dann teilen wir immerhin unsere Autos, schonen damit die Umwelt und werden von Fremden zu Freunden, so könnte man ihr schüchtern-kommunitaristisches Motto zusammenfassen, hinter dem nicht nur ein verändertes Empfinden von Statussymbolen steckt, sondern auch die Sehnsucht nach einem Wir. Wie in einem offenen WLAN kann jeder sich am großen Ganzen beteiligen, lose hängen alle zusammen, jeder kann teilhaben, sich bedienen oder auch weiterziehen, wann es ihm passt, aber immerhin gibt es einen Zusammenhang, einen Rahmen, eine Art schwebende Gemeinschaft.

Eine solche Gemeinschaft versprach einst auch Facebook zu sein.

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August 5, 2012

BITTE EIN MANIFEST

Filed under: 2012 — N.P. @ 3:37 pm

Wofür stehen die Piraten? Welche Werte sind ihnen wichtig? Eine Begegnung mit Christopher Lauer, Fraktionschef der Partei in Berlin

Die ZEIT, 19. Juli 2012

Der Pirat und ich schweigen uns an. Hier, im Garten der Berliner Festspiele, den stickigen Veranstaltungsraum hinter uns, sind wir froh, nicht mehr reden zu müssen. Zwei Stunden lang haben wir zusammen auf einem Podium zum Thema Die Politik der Dreißigjährigen diskutiert. Ernüchtert habe ich meinen Eindruck von unserer Generation, den politisch Hilflosen, wiedergegeben: Weil wir nicht wissen, wie politisches Engagement heute funktionieren könnte, ziehen wir uns in unsere Lebenswelten, unsere Freundeskreise zurück, um uns dort unseren Karriereängsten und Facebook-Accounts zu widmen. Nur um uns insgeheim zu wünschen, dass uns dort irgendwer abholt. Die Welt sei zu komplex geworden, hatten mir junge Zuhörer resigniert bestätigt, Themen wie die Finanzkrise erscheinen zu groß, um sie anzugehen, gleichzeitig bleibt der Wunsch, nicht nur im kleinen, privaten Radius zu verharren, sondern etwas zu bewegen. Mutlos haben das Publikum und ich uns das Lamento über die eigene Politikferne hin- und hergereicht.

Und dann saß da Christopher, Fraktionsvorsitzender der Piraten, einer Partei, die aus ebendieser internetaffinen, politikfernen Generation geboren wurde. Könnte er vielleicht unser Hoffnungsträger sein, derjenige, der uns abholt und aus der politischen Apathie reißt? Oder ist er nur der Partei gewordene Beweis unseres kollektiven Schulterzuckens? (more…)

Juli 20, 2012

KNALLHARTE ZWEISAMKEIT

Filed under: 2012 — N.P. @ 5:01 pm

Warum ereifert sich nur jeder über den Softporno „Shades of Grey“? Warum kaufen Millionen ein todlangweiliges Sado-Maso-Buch? Weil der Sex wieder eine Utopie geworden ist.

ZEIT Feuilleton, 12. Juli 2012

Harry Potter und der Da Vinci Code? Längst abgehängt! Kein Buch wurde in den ersten Wochen öfter verkauft als dieses. Fünfzehn Millionen Exemplare waren es nach nur eineinhalb Monaten allein in Nordamerika. Die Filmrechte sind schon verkauft, für fünf Millionen Dollar. In 37 Sprachen wird sie übersetzt: die Softporno-Trilogie Shades of Grey, die in den USA nur noch »das Buch« genannt wird. Der Bestseller aller Bestseller, die neue Anti-Blümchensex-Bibel mit der rosa Orchideenblüte auf dem Cover. Nun kommt sie also auch über Deutschland und setzt hier ihren Erfolg fort. Alle reden darüber, von der Bild bis zu den Feuilletons. Muss dieser Triumph als Enthüllung gelesen werden? Outet sich hier, in der Masse begeisterter Leserinnen, eine Armee moderner Schmerzensfrauen? (more…)

„BIN ENDLICH DA!“

Filed under: 2012 — N.P. @ 4:56 pm

Warum in aller Welt schreiben Eltern E-Mails aus der Sicht ihrer neugeborenen Kinder?

ZEITmagazin, 9. März 2012

»HALLO, ALLE! ICH BIN DA!!!«, so oder so ähnlich lauten die Betreffzeilen, an Großbuchstaben und Ausrufezeichen wird nicht gespart. Was sich liest wie eine Spam-Werbebotschaft oder die Facebook-Statuszeile eines narzisstisch Gestörten, ist nichts Gerin- geres als die offizielle Verkündung einer gut verlaufenen Geburt. So schrieb zum Beispiel vor einigen Monaten scheinbar eine gewisse Hannah_Sophie_2011@gmx.de: »Heute um Punkt 3:20 Uhr bin ich, Hannah Sophie, auf die Welt gekommen! Mami und ich sind wohlauf. Auch Papa bekommt langsam wieder Farbe. Er grüßt euch natürlich alle ganz lieb, Eure Hannah«.
Heute wird der Perspektiventausch, den früher nur singend Rolf Zuckowski wagte – »Hallo, Mama, hallo, Papa, die Zeit ist um, und ich bin da« –, von den Eltern selbst übernommen. (more…)

Januar 29, 2012

NIE MEHR ZUM FRISÖR

Filed under: 2012 — N.P. @ 1:22 pm

Noch ein Junge mit Gitarre. Aber was für einer! Max Prosa ist die erste Songwriter-Entdeckung des neuen Jahres

ZEIT Feuilleton, 12. Januar 2012

Das mit Bob Dylan war nicht seine Idee. Sich mit den Größten zu messen – das weiß Max Prosa besser als seine Kritiker, die von Anfang an den Vergleich anstellten – birgt große Gefahren. Naiv, größenwahnsinnig, arrogant, so die vernichtenden Adjektive, die jemand herausfordert, der sich mit 22 Jahren eine Akustikgitarre um den Hals hängt, über Fantasie singt und sich anschickt, der neue deutsche Dylan zu werden. Selbst wenn es sich bei diesem Anwärter um ein Talent handelte – der große Weichspülwaschgang aus PR, Charts und Bravo würde ihn mitreißen, noch bevor es sich entfalten könnte. Der Junge mit der Gitarre? Tausendmal gesehen, tausendmal vergessen. Im Fall von Max Prosa spricht aber einiges dafür, dass es ausnahmsweise anders kommen könnte.

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Januar 6, 2012

DIE SCHMERZENSMÄNNER

Filed under: 2012 — N.P. @ 3:58 pm

Heute tragen die jungen Männer Bärte und spielen Gitarre. Sie sind lieb, melancholisch und sehr mit sich selbst beschäftigt. Für die Frauen wird das zum Problem.

ZEIT Feuilleton, 5. Januar 2012

Es könnte alles so einfach sein. Vielversprechend bricht das neue Jahr an und wartet auf nichts anderes, als ausgekostet zu werden – champagnerbeschwipst, Hand in Hand schlendernd. Doch irgendwie klappt es nicht. Einer kneift. Der junge Mann von heute feiert nicht trunken vor Glück mit seiner neuen Liebsten – er steht abseits und fröstelt. Verkopft, gehemmt, unsicher, nervös und ängstlich ist er, melancholisch und ratlos. Er hat seine Rolle verloren.

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