Nina Pauer | Autorin

Oktober 25, 2011

WENN IRONIE ZUM ZWANG WIRD

Filed under: 2011 — N.P. @ 1:18 pm

Die Flucht ins Extrapeinliche und in den schlechten Geschmack verrät eine große Unsicherheit 

ZEIT Feuilleton, 20. Oktober 2011      

„Die Erinnerung an Torre di Venere ist atmosphärisch unangenehm“, beginnt Thomas Mann seine Erzählung Mario und der Zauberer. Ein merkwürdiger Widerstand war es, den der Erzähler bei einem außergewöhnlich peinlichen Spektakel, der Aufführung des dämonischen Zauberers Cipolla, verspürte und der es ihm unmöglich machte, die Veranstaltung zu verlassen. »Zu entschuldigen ist es nicht, dass wir blieben, und es zu erklären fast ebenso schwer«, hadert er mit sich selber, als der Magiker unter dem Johlen des Publikums seine hypnotisierten Opfer auf unerträgliche Weise vorführt. Verlegen ist schließlich das Eingeständnis: Der schaurig-schöne Bann, den das peinliche Spiel auf der Bühne ausübte, war einfach zu stark gewesen, um zu gehen. Eine unangenehme Selbsterkenntnis – damals noch bei Thomas Mann.

Denn heute ist es mit der Verlegenheit vorbei. Die Lust am Peinlichen, das bewusste Zelebrieren der »Fremdscham«, dieses selbstquälerischen Genusses der Lächerlichkeit anderer, hat einen festen Platz im Gesellschaftlichen gefunden. 

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Oktober 14, 2011

DIE UTOPIE IST DA

Filed under: 2011 — N.P. @ 10:44 pm

„Timeline“, das neue Angebot von Facebook, macht es möglich: Das Leben und das Leben im Netz verschmelzen.

ZEIT Feuilleton, 29. September 2011

Als Mark Zuckerberg vor die Öffentlichkeit tritt, wirkt auf den ersten Blick alles wie immer. Wie jedes Jahr steht der Gründer des Sozialen Netzwerkes Facebook vor seiner PowerPoint-Leinwand, um auf der alljährlichen Entwicklerkonferenz F8 die technischen Novitäten seines Unternehmens zu präsentieren. »Ihr werdet euch verändern, euer Leben wird nicht mehr dasselbe sein«, so lautet auch dieses Mal sinngemäß die Verheißung, die man von ihm erwartet. Schließlich war es diese Botschaft, die Zuckerberg noch jedes Mal überbracht hatte, wenn er mit beachtlicher Farblosigkeit und gönnerhaftem Selbstbewusstsein die neuen kommunikativen Räume des Internets vorstellte, die er und seine Firma sich ausgedacht hatten. (more…)

Oktober 3, 2011

NICHT VON DIESER WELT

Filed under: 2011 — N.P. @ 11:36 pm

Das grandiose Ergebnis einer Pause: Feist ist zurück und hat mit „Metals“ ein neues Album mitgebracht – eine Begegnung

ZEIT Feuilleton, 22. Oktober 2011

Leslie Feist scheint lieber Wolken zählen als noch einmal ihr neues Album erklären zu wollen. Die 35-jährige Kanadierin blickt müde in den weiten Kreuzberger Herbsthimmel, der sich über der Dachterrasse des abgeranzten Szeneclubs wölbt, in dem die Sängerin seit zwei Tagen pausenlos Journalisten und Fernsehteams empfängt. „Hörbar“, bestenfalls „elastisch“ nennt sie ihre Songs in den endlosen Interviews, die sie besonders gerne im Schneidersitz führt. Vier Jahre lang hat Feist, wie sie sich als Sängerin nennt, pausiert. (more…)

Juli 22, 2011

OHNE RÜCKSICHT AUF CHAGALL

Filed under: 2011 — N.P. @ 12:09 pm

Was mache ich hier? 

ZEIT Feuilleton, 30. Juni 2011

Imi Knoebel wendet sich ab. Der Düsseldorfer Maître, dessen Werk soeben unter allgemein andächtigem Schweigen enthüllt wurde, fährt sich durch die silbrig schillernde Pomadenfrisur und schaut in die Höhe. Während am Rednerpult salbungsvoll die Liste der Gäste verlesen wird, schauen die goldumrahmten Künstleraugen abwesend gebannt nach links, nach rechts und wieder nach links. Knoebels Blick versinkt in seinen eigenhändig erschaffenen farbigen Funkenmeeren, den sechs Kirchenfenstern, die von heute an nach dreijähriger Arbeit in der Apsis der großen Kathedrale von Reims in die Ewigkeit sprühen. (more…)

Mai 2, 2011

IM REICH DER LORDS UND LADIES

Filed under: 2011 — N.P. @ 12:43 pm

In welche Kreise heiratet Kate Middleton eigentlich ein? Unserer Autorin ist es gelungen, in die Clubs des Londoner Adels eingelassen zu werden.

ZEITmagazin, 28. April 2011

Das Café Peggy Porschen ist ein kleiner pastellfarbener Palast mitten in London. In einer Vitrine stehen wohlgeordnete Cupcakes neben kunstvoll verzierten Torten. Ringsum, in den Straßen des Stadtteils Belgravia, ist vom Lärm der Stadt nichts zu hören, als wäre diese Gegend von einer Mauer aus Watte umgeben. Still, glänzend stehen die Häuser da, als wären sie gerade von einer Putzkolonne geschrubbt, poliert und bis in die kleinste Ecke mit einem Pinsel entstaubt worden. »Trage Turnschuhe«, simst Victoria als Erkennungszeichen, sie sei in einer Sekunde da. Für meine Suche nach der Londoner Upperclass, diesem mythischen, seit Jahrhunderten weit über der Gesellschaft schwebenden Kokon der Privilegierten, schien die 28-Jährige auf Anhieb der unwahrscheinlichste Glückstreffer zu sein. »Klar, kein Problem«, antwortete die Enkelin zweier Lords, die Tochter eines ehemaligen Staatssekretärs, das Patenkind von Johannes Prinz von Thurn und Taxis, die Schwester eines alten Schulfreundes von Prince William sofort in lässigem Kurzmitteilungsenglisch auf meine übervorsichtige, durch leo.org und alte Englischlehrer mehrfach korrigierte, gestelzte Anfrage. Gerne würde sie mir London zeigen, danach könnten wir ja noch auf eine Cocktailparty gehen. Looking forward, stand unter ihren vom Blackberry gesendeten Nachrichten. (more…)

März 5, 2011

DR. NO!

Filed under: 2011 — N.P. @ 6:26 pm

Ein Appell an alle, die überflüssige Dissertationen schreiben.

ZEITmagazin, 3. März 2011

Die Partyfrage, was man »so macht«, wird, wenn es eine Party der Um-die-30-Jährigen ist, seit einiger Zeit sehr oft mit dem Satz beantwortet: »Ich schreib grad an meiner Diss.« Und fast immer wird der Satz eher so dahingenuschelt, als sei er dem, der ihn sagt, ziemlich unangenehm.

Früher promovierten die besten Absolventen, die klügsten und fleißigsten, und wenn sie es taten, waren sie stolz auf diese Etappe in ihrer akademischen Laufbahn. Heute promovieren viele Absolventen aus Verzweiflung und in Ermangelung besserer Ideen. (more…)

Januar 19, 2011

IST DEUTSCH DOCH SCHÖN?

Filed under: 2011 — N.P. @ 8:06 pm

Darauf hört unser Herz: Zum neuen Album „Nur fort“ und zum Start der Deutschland-Tournee der Sängerin Lisa Bassenge.

ZEIT Feuilleton, 13. Januar 2011

Lisa Bassenge singt vom Fortgehen. Vom kopflosen Verschwinden, vom Davonlaufen, dem polnischen Abgang, ohne Ankündigung, ohne Plan.

Nur fort, so hat sie ihre neue Platte genannt. Doch die riesigen Luftballons, die sich die Berliner Sängerin auf dem Coverfoto an die Füße gebunden hat, wollen sie keinen einzigen Millimeter weit in die Ferne tragen. Und auch der Ankündigungstext auf der Rückseite erzählt nicht vom Aufbruch, sondern von der Heimkehr. Fliehen und Stehenbleiben, Gehen und Nachhausekommen, hin und weg zugleich – Lisa Bassenge macht diese unwahrscheinliche Synthese nicht nur denkbar. Sie hört sich auch noch sehr schön an. (more…)

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