Nina Pauer | Autorin

August 23, 2010

IM STEUERPARADIES

Filed under: 2010 — N.P. @ 1:09 am

Mit dem 18. Geburtstag kommt der Führerschein. Aber was kommt dann? Die erste freie Fahrt.

ZEITmagazin, 19. August 2010

»Das ist der Hammer!«, ruft Miriam, als sie aus dem Haus ihrer Eltern in die Sonne tritt.

In der Hamburger Vorstadt Schenefeld, kurz vor Pinneberg in Schleswig-Holstein, sind Sommerferien. Schäfchenwolken stehen regungslos über Mövenpickfahnen, Hagebuttenbüsche vor Pferdeweiden, Gartenzwerge vor Baumärkten. Idylle und Langeweile sind eins. Außer man ist hier 18. Und alles ist neu. (more…)

DER PRODUZIERTE PROLET

Filed under: 2010 — N.P. @ 12:59 am

Bei aller Kritik an den öffentlich-rechtlichen Sendern – den neuesten Tiefpunkt der Privaten haben sie noch nicht erreicht: Das sind die Doku-Soaps, frei erfundene Elendsreportagen auf RTL.

ZEIT Feuilleton, 5. August 2010

Die Kamera zoomt auf Elli. Die 38-jährige Hartz-IV-Empfängerin liegt im Bademantel auf dem Sofa vor dem Fernseher und stopft Kartoffelchips in sich hinein. Zaghaft betreten zwei Kinder die Szene. »Mama, wir haben Hunger«, druckst Kevin. »Watt is?!«, herrscht die Mutter ihn mit vollem Mund an. »Mein Gott, dann geh doch nach McDonald’s und hol dir watt! Und jetzt geh mir aus’n Bild!« Dramatische Popmusik setzt ein. Ellis Geschrei wird von der Melodie des Trailers überblendet.

Es ist einer der typischen Einstiege von Familien im Brennpunkt, der zurzeit erfolgreichsten Sendung im Nachmittagsprogramm des deutschen Fernsehens. In der Episode »Unzufriedene Mutter ist mega-aggressiv« wird der Fall einer arbeitslosen, kaufsüchtigen, ihre Kinder hungern lassenden und ihren Mann krankenhausreif schlagenden Frau vorgestellt. Die Geschichte ist frei erfunden. (more…)

Juli 16, 2010

ICH SEH‘ NUR SO AUS

Filed under: 2010 — N.P. @ 12:31 pm

Was ist ein deutsches Gesicht? Der Migrationshintergrund im Praxistest

ZEIT Feuilleton, 1. Juli 2010


»Nina, deine Zukunft sieht finster aus.« Vernichtender hätte der erste Satz, den ich zum Abschluss meines Studiums zu hören bekam, nicht sein können. Überbracht wurde mir die schlechte Nachricht von meinem Patenonkel Wolfgang, einem graubärtigen Soziologieprofessor. »Du musst dir da einfach mal etwas vor Augen führen«, sagte Wolfgang ernst, »du bist ’ne Frau, dein Einkommen liegt seit Jahren unter der Armutsgrenze. Und dann haste auch noch Migrationshintergrund«, er seufzte erst, doch dann prustete er los und rief: »Theoretisch!« Wenn ich mich in die demografischen Tabellen einordne, die Jahr um Jahr die Gesellschaftsstruktur der Bundesrepublik abbilden, dann spricht die Statistik klar gegen mich. Vor allem der »Migrationshintergrund«. Denn den hab ich tatsächlich.

Theoretisch zumindest. Eigentlich sehe ich nämlich nur so aus. Und genau deshalb kann ich es mir leisten, mit einem alten, frenetisch kichernden Soziologen über meine finster prophezeite Zukunft zu lachen. (more…)

WIR HABEN KEINE ANGST

Filed under: 2010 — N.P. @ 12:18 pm

Ironie und Panik: Warum die Apokalypse junge Erwachsene nicht mehr erreicht. Eine Inspektion

ZEIT Feuilleton, 10. Juni 2010

Während dieser Tage alle Welt bangend das Ende Europas kommen sieht, freuen wir uns auf den Sommerurlaub. Am Strand von Mykonos werden die Sorgen von heute längst verschwunden sein. Vergessen im Endlager der falschen Alarme, wie alle anderen Bedrohungen der letzten Jahre. Von den vermeintlich großen Zerstörern sind uns nur die Namen im Gedächtnis geblieben. Sie hießen internationaler Terrorismus, Linkspartei, H1N1, Facebook, Schweinegrippe oder Finanzkrise. Am Ende hat uns keiner auch nur ein Haar gekrümmt. Niemand hat uns in die Luft gesprengt. Das Internet hat ebenso wenig unsere Seelen gestohlen, wie unsere Körper von mutierten Viren dahingerafft worden sind. Und aus dem EC-Automaten kamen immer ein paar Scheine.

Wir, die heute jungen Erwachsenen, kennen keine Angst. Gegen die Furcht vor apokalyptischen Katastrophen sind wir immun. (more…)

Juni 19, 2010

DU BIST NICHT DEUTSCHLAND

Filed under: 2010 — N.P. @ 5:47 pm

Menowin darf kein Superstar sein

ZEIT Feuilleton, 22. April 2010

Der Zweikampf um die öffentliche Gunst ist vorüber. Gesiegt hat die Reinheit.

Unfreiwillig exemplarisch hat das wochenlange Duell zwischen Menowin Fröhlich, Finalist der RTL Castingshow Deutschland sucht den Superstar, und Lena Meyer-Landrut, die das Land im Mai beim Eurovision Song Contest vertreten darf, ein kleines soziales Drama des deutschen Selbstverständnisses erzählt. (more…)

April 4, 2010

ZUM BEISPIEL WITTENBERGE – Forschungsprojekt in Ostdeutschland

Filed under: 2010 — N.P. @ 12:00 am

Wittenberge besaß mal internationale Bedeutung. Hier stand das modernste Nähmaschinenwerk der Welt. Nach der Wende kam für Viele der Absturz – für manche eine Chance. Wie gehen die Menschen damit um? 28 Soziologen und Ethnologen haben Ihnen beim Leben zugesehen

ZEITmagazin, 4. März 2010

Das Gefühl, auf unerklärliche Weise plötzlich aus der Zeit gefallen und in eine verlassene Theaterkulisse eingetreten zu sein, setzt gleich bei der Ankunft am Bahnhof ein. Wer in Wittenberge, auf halber Strecke zwischen Berlin und Hamburg, aus dem Zug steigt und das Zentrum der Kleinstadt sucht, findet zunächst nur ein riesenhaftes, leer stehendes Gebäude. Mit der Wende ist das einstige Bahnhofsrestaurant der Mitropa außer Betrieb gesetzt worden. Als hätte man den architektonischen Koloss schockgefroren, hängt in seinem Inneren abgeblättert der Putz von der prunkvollen Stuckdecke, die große Uhr an der Wand des alten Speisesaals zeigt immer Punkt elf Uhr.

Nur kurz hatten im Oktober etwa 30 Menschen den ewigen Stillstand am alten Bahnhof unterbrochen. Sie waren aus Berlin, Hamburg, Leipzig und anderen Großstädten angereist, nicht wenige von ihnen trugen Hornbrillen. Es war ihr letzter Besuch in Wittenberge, sie hatten hier im alten Speisesaal ihre Stühle aufgestellt, auf kleinen Pulten standen ihre Namensschildchen neben Gebäcktellern und Wassergläsern. Zwei Tage lang debattierten sie, mit welchen soziologischen Kategorisierungen man diese Stadt, den »Untersuchungsraum Wittenberge«, am besten zu fassen kriegen könnte. (more…)

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