Nina Pauer | Autorin

Juli 2, 2013

DIE UNFÄHIGKEIT ZU WÜTEN

Filed under: 2013 — N.P. @ 2:02 pm

NSA, na und? Im Netz geben sich viele User cool statt aufgeregt. Das muss aber nicht so bleiben

DIE ZEIT, 27. Juni 2013

Ob die Behörden auch politische Profile erstellen? Wie sieht er dann wohl aus, der Akteneintrag des braven Durchschnitts-Users im Internet? Womöglich steht darunter die Kundenempfehlung: „Bürger, die nicht vom Abhörskandal geschockt sind, ließen sich auch nicht schocken von…“ Und die Liste wäre lang. Ungeschützte Daten im Sozialen Netzwerk, Gesichtserkennung auf Facebook, Standortbestimmung via Smartphone, die Unmöglichkeit, eigene Profile endgültig zu löschen, Nutzung privater Informationen aus E-Mail- und Chat-Nachrichten für kommerzielle Zwecke, das alles ist Alltag. Skandalös normal.

Wer in einer E-Mail an einen Freund über die bevorstehende Japanreise schrieb, wunderte sich vielleicht beim ersten Mal noch über die Werbung für grünen Tee auf der Startseite beim nächsten Einloggen; andere werden sich nach dem Online-Kauf eines vegetarischen Kochbuches noch Wochen später über hartnäckige Annoncen der Weight Watchers geärgert haben. Am Ende entsprach der Empörungszustand jedoch eher einem genervten Augenrollen, wie beim Setzen des Häkchens unter ungelesenem Kleingedruckten – „Ja, ich habe die Bestimmungen zum Datenschutz gelesen und wahrgenommen“. Die Spielregel wird schon seit langer Zeit akzeptiert, massenweise: Daten sind Freiwild. Was geschrieben wird, das wird auch mitgelesen.

Die gegenwärtigen Bespitzelungsskandale haben eine Größenordnung erreicht, die bei Weitem das übertrifft, was wir von personalisierten Werbeanzeigen und dergleichen kennen. Die meisten haben dies wohl begriffen. Doch wie viele berührt es emotional?

Auf Twitter und Facebook, den Erregungsnetzwerken, in denen mit unermüdlichem Eifer über alles und jeden geschimpft wird, gibt es derzeit zwei getrennt voneinander existierende Lager. Die einen empören sich, bei vielen anderen jedoch herrscht heitere Gelassenheit. Prism, Tempora – als hätte man all das kommen sehen, winken sie jede neue Nachricht einfach durch, allenfalls ergänzt um ironische Spielereien. „Liebe NSA“, so begannen in der vergangenen Woche viele Einträge auf Twitter, wahllos streute man Wörter wie „Hisbollah“ mitten in die Sätze, nur um sich daraufhin bei einem imaginierten Geheimdienstmitarbeiter höhnisch dafür zu entschuldigen, dass er sich nun durch eine Masse an ebenso endlosen wie harmlosen Datenmassen klicken musste. Viel Spaß mit meinen Daten!, schienen die Postings den Geheimdiensten zuzurufen.

Doch woher rührt diese selbstsichere Unbekümmertheit? Vielleicht ist es ein bestimmtes Gefühl, womöglich das Gefühl einer Generation, das sich auf Twitter so ausdrückte: „NSA und der britische Geheimdienst spionieren mich aus? und was wollen sie mit meinen Daten tun? meiner Mama erzählen? wuoh! ich zittere.“ Das Gefühl, doch beschützt zu werden. Wie von einer Mama. In Deutschland heißt sie Mutti, Angela Merkel.

Die Epoche, in der Volkszählungen aufgebrachte Menschen auf die Straßen trieben, gehört der Vergangenheit an. Die Kinder der Demonstranten von damals, die nun so stillen digitalen Grenzgänger, also jene, die noch ohne das Internet aufwuchsen, heute aber heavy user sind, scheinen über ein schier unerschütterliches Urvertrauen in den Rechtsstaat und seine Institutionen zu verfügen. Zumindest könnte man diesen Eindruck gewinnen: Wer nicht protestiert, der vertraut.

War für die Eltern der heute jungen Erwachsenen das Misstrauen gegen den Staat ein Generationenmerkmal, so ist es bei den Nachgeborenen andersherum. Schließlich werden sie, seit sie denken können, geleitet und regiert von jenen, die damals demonstrierten – einer Eltern- und Politikergeneration, stets bemüht, fürsorglich und in ihrer Schutzhaltung den Jüngeren gegenüber eher überengagiert. Einer Kohorte, die es von jeher gut meinte, die schützte und unterstützte, wo sie nur konnte, so lange, bis man sie regelrecht dazu zwingen musste, den Dauerauftrag aufs Konto ihrer bereits erwachsenen Kinder einzustellen. Das prägt. Wie die Eltern, so die Politiker – sie werden uns doch vor bösen Spitzeln schützen.

Auch der Verweis auf vergangene Diktaturen erschüttert die gegenwärtige Unfähigkeit zu wüten nicht. Ihre Präsenz im Bewusstsein ist verblasst, was von ihnen bleibt, sind Berichte. Das, was unsere Mütter, unsere Väter erzählen, ist ein Erbe, keine Realität, eine Mahnung, aber keine Handlungsanweisung oder gar eine Aufforderung zur Rebellion – etwa gegen Überwachung. Die staatliche Willkür der DDR ist gleichfalls im Begriff, in kulturell vermittelten Formen – der melancholische Spitzel mit menschlichem Antlitz: Ulrich Mühe – festzufrieren. Zwischen den analogen Regimen der Vergangenheit und der digitalen Welt von heute, in der drohnenartige, subjektlose Rechner über menschliche Daten bestimmen, ist kein Zusammenhang zu erkennen.

Hinzu kommt die Anästhesie durch das Sicherheitsdenken: 9/11 als kollektiv geteiltes Großtrauma, ein deutscher Geheimdienst, der rechten Terror vor der Haustür nicht verhinderte – klingt es da wirklich noch so unplausibel, harmlose Facebook-Dialoge durchscannen zu lassen? Wer nichts verbrochen hat, wird hier schon nicht belangt werden. Lieber NSA als NSU. Und zur Not ruft man Mutti und die Datenschützer.

Doch liegt noch ein anderes Moment in der Luft. Wochen beispielloser, per Internet koordinierter Fluthilfe, virtuelle Solidaritätswellen für Istanbul und Brasilien: Wenn auch nicht als Gegenmacht zum Staat, so haben viele sonst Unbeteiligte doch damit begonnen, ihre Möglichkeiten zur Machtausübung auszutesten. Der Rhythmus, in dem sich die vereinzelte Masse vor den Smartphone- und iPad-Brettchen verbunden hat, gar als Hilfe organisierender, sich formierender Schwarm fühlen durfte, war enger getaktet denn je. „Wir sind viele“, so drückt sich das noch vage Gefühl eines ungeformten Mutes zur Gestaltung aus, eines neuen, vielleicht nur schlummernden Selbstverteidigungsmechanismus, schon bald bereit zuzuschlagen. Hinter Stille kann sich schließlich große Energie sammeln. Auch so ließe sich vielleicht erklären, warum bisher nur wenig Wut zu sehen ist: Sie ist die Reserve.

Ein doppelter Back-up, gewissermaßen. Wenn es Angie nicht richtet, dann muss die Crowd ran.

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