Nina Pauer | Autorin

Juni 28, 2013

ZUM SANDSACK, ZUR FREIHEIT!

Filed under: 2013 — N.P. @ 2:15 pm

Im Netz solidarisieren sich die Deutschen mit den türkischen Protesten und der Fluthilfe. Steckt dahinter ein Hunger nach Realität?

ZEIT Feuilleton, 13. Juni 2013

Von all den Plastikwörtern der Moderne schillert eines zuverlässig am grellsten. Social Media, so die omnipräsente Chiffre, vor der seit Jahren kein Lebensbereich mehr sicher ist, steht vage für die allmächtige Kraft des Internets, grob für die Macht der Masse, vor allem aber für das weitestgehend unangetastete und unausgetestete politische Potenzial junger Menschen. Transparenz, Schwarmintelligenz, Liquid Democracy – auch wenn sich darunter bislang niemand so richtig etwas vorstellen kann, scheint ausgemacht: Ohne das Internet, das sollte auch der letzte Analoge begreifen, geht gar nichts mehr. Mit dem Netz allerdings – so ließe sich speziell für Deutschland und die hiesigen jungen Nutzer sagen – auch nicht.

Ein Blick in die Accounts von Facebook, vor allem aber in die des weniger verbreiteten Twitter genügt, um festzustellen: Deutschland, das ist ein digitales Absurdistan. Ein Ort, an dem sich Massen von Menschen, körper- und namenlose „Avas“, Avatare, so benehmen, als seien sie endlos in einem Warteraum eingesperrt, der eigens und allein dazu gemacht ist, Lebenszeit mit gesenktem Kopf vor Smartphones zu verplempern und Scharen von fremden Menschen in SMS-langen Nachrichten unablässig darüber zu informieren, dass man wieder einmal nicht einschlafen kann, die Laune am Montagmorgen wie erwartet grottig und die Milch im Kühlschrank abgelaufen ist.

„Mimimi“, so lautet die von Twitterern erfundene selbstironische Bezeichnung für die endlosen Alltagsnörgeleien, ein infantiler Code für den infantilen Charakter der virtuellen Sphäre und den kindlichen Eifer der User, die Sprüche der anderen in dadaistischer Merkwürdigkeit („Die Selbsthilfegruppe für eingebildete Selbsthilfegruppen findet genau jetzt in Ihrer Einbildung statt“), Nichtigkeit („War gerade ohne iPhone auf dem Klo“), Obszönität („Ich glaube, ich hab unser Schaf geschwängert“), Laienpoesie („Und wenn du alt und schwach bist, werde ich da sein und dein Handy halten“) oder schlichter Indifferenz der gesamten äußeren Welt gegenüber („In einer sehr gemütlichen, im Stil der Sechziger eingerichteten Ecke meines Herzens glimmt die Gleichgültigkeit“) zu übertreffen.

Doch nun das: Als hätten sich die Twitterer und Facebook-Nutzer in diesen Tagen zu einer Menschenkette aufgestellt, wie man sie von Umzugshelfern im Treppenhaus kennt, zischen auf einmal Nachrichten durch die Timelines, wie man sie dort noch nie gesehen hat: „7 kräftige Jungs suchen noch einen Einsatzort zur Fluthilfe. Wo werden wir gebraucht??“, „300 Brötchen – wo sind hungrige Helfer?“, so sprechen plötzlich die Menschen hinter den Avataren ihre Unterstützung aus. Und parallel dazu: „Eine große Gruppe marschiert gerade in Richtung Bağdat-Straße in Kadiköy, gegen Erdoğan…“, „Solidemo für Istanbul!“ oder auch nur „Resistanbul!“.

Zeitgenau haben sich gleich zwei Fronten eröffnet, an denen sich endlich einmal etwas tut und die im Zusammenspiel perfekt ineinandergreifen: Während der deutsche Sandsack zum praktischen Resonanzraum wird, dient die Solidaritätsbekundung mit dem türkischen Protest dem ideellen Statement – jahrelang hatte man beides schmerzlich vermisst. Nun ist der Anschluss auf einmal ganz leicht: Vom Smartphone aus lassen sich fernab vom Geschehen durch Tweets und Postings sowohl die Helfer am Deich koordinieren wie auch türkische Demonstranten orchestrieren, indem man ihre Nachrichten wie aus einer logistischen Funkzentrale vom eigenen Account aus weiterverbreitet, damit sie sich auf den Straßen finden. Widerstand – eigentlich würde ein einziger Hashtag genügen, um zusammenzuschnüren, was jetzt begeistert aufgenommen wird und scheinbar nahtlos ineinanderfließt: der Kampf. Hier gegen Wassermassen, dort gegen Wasserwerfer – eine Konstellation, die man bisher für absolut unwahrscheinlich gehalten hätte.

Denn das politische Twitter, es war immer anderswo. Der Arabische Frühling, dieser bestechende Präzedenzfall, in dem das Soziale Netzwerk sich als unabdingbares Tool einer jungen Zivilgesellschaft bewiesen hatte, war fern und einzigartig geblieben. Twitter in Deutschland schien gelähmt von einem Kreislauf aus Privatismen und Eigen-PR, den weder die traditionellen Parteien noch die sich selbst zerfleischende Piratenpartei aufzubrechen vermochten. Nicht nur weitestgehend apolitisch, sondern gar destruktiv gab sich der Nachrichtendienst hierzulande. Zusammenschlüsse führten zu negativ aufbrausenden Reflexen, den viel gefürchteten Shitstorms (ZEIT Nr. 21/13) oder Empörungswellen wie #Aufschrei, die zwar medial relevante Themen setzen konnten, inhaltlich aber schnell zu pedantischen Orgien der Political Correctness verkümmerten. Auch wenn auf Twitter mehr als bei Facebook aktuelle Tagespolitik und Informationen geteilt wurden, eines verspürte man auch hier so gut wie nie: Solidarität.

„Zu ich, um wir zu sein“, so die nüchterne Einsicht des Autors Peter Glaser in einem Tweet inmitten der üblichen Schimpfereien auf das Fernsehprogramm oder das Wetter.

Latent jedoch gab es ihn, muss es ihn gegeben haben, den politischen Partizipations-, Gefühls- und Proteststau. Wie groß die Sehnsucht geworden war, es endlich einmal denen gleichzumachen, die in der Ferne (Kairo) oder der Vergangenheit (den ewig romantisierten 68ern) gemeinsam für eine Sache zusammenstanden, zeigt sich nun in der nahezu arrangiert wirkenden Verdichtung der Ereignisse.

Vorbei das Gefühl der Ohnmacht gegenüber gesichtslosen Strukturen wie der Finanzkrise und globaler Ausbeutung, bei denen man nie wusste, an wessen Kopf man Kritik oder gar Steine hätte werfen sollen. Endlich ist der Aggressor einfach auszumachen – an der zerstörerischen Kraft der Natur besteht ebenso wenig Zweifel wie an der despotischen Haltung von Erdoğan, der sich spätestens mit den Äußerungen und seinem Vorgehen gegen Twitter in die Reihe der Putins, Berlusconis, Assads und Kim Jong Uns dieser Welt gestellt hatte. Nicht Schlaflosigkeit und schlechte Laune, Überleben, Freiheit, Zusammenhalt scheinen im Netzwerk nun unmittelbar erfahrbar. Gierig retweeten die User Informationen aus Istanbul. Blockupy, Anonymous, die Piraten, alle helfen mit – wodurch stellenweise schon so viele Fluthelfer organisiert wurden, dass mitunter die absurde Situation eintrat, zu viele Freiwillige zu haben, die die Arbeit der professionellen Helfer behinderten.

Zweifellos: Dass sich die Sozialen Medien in diesen Tagen solidarisch wie nie zeigen, dass sie so konkret wie nie ins Geschehen eingreifen, könnte für viele junge Menschen wie ein bleibendes politisches Erweckungserlebnis wirken. Vermutlich ist es dafür sogar gut, dass zwischen Flut und Übermut komplexere Tweets zur Kontextualisierung des Geschehens wie „Merksatz des Tages: #occupygezi ist nicht gleich #blockupy ist nicht gleich #s21 ist nicht gleich Arabischer Frühling…“ im Nichts verhallen, weil es schlichtweg so schön ist mitzumachen. Und so überfällig – war es doch gerade die Mischung aus Pathos und Partizipation, die bislang fehlte, um bei der ironieversessenen, vor sich hin brütenden Kohorte an jungen Usern einen ansteckenden Willen zum Aktionismus zu generieren, ohne den politische Praxis undenkbar ist.

Doch nicht immer wird Engagement so einfach sein wie das Weiterleiten einer Statusmeldung, die in blinder Euphorie die Versammlungsfreiheit feiert oder in der jemand anbietet, Kuchen für Flutopfer zu backen.

Könnte der neue Aktionismus nur ein Anfall von „Realitätshunger“ sein, wie der amerikanische Autor David Shields die übermäßige Sehnsucht nach realen Ereignissen beschreibt, die unsere Zeit prägt? Was bleibt vom gemeinsamen Aufflammen, wenn der Wasserpegel gesunken und der Protest am Taksim-Platz verebbt ist? Wie wird sich langfristiges Interesse an der Politik auch im RL – bei Twitter die Abkürzung für real life, das echte Leben – denken lassen? Das sind die Fragen, die sich eröffnen. Oder, im Netzwerkjargon wie dem des Users @nouveaubeton gesprochen: „Geil politisch sein mit Akku alle, wie geht das?“

Anmerkung der Redaktion: In der gedruckten Ausgabe des Artikels wurde der Urheber des zitierten letzten Tweets nicht genannt. Die betreffende Stelle wurde nun geändert.

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