Nina Pauer | Autorin

Mai 3, 2013

CHRONIK EINES ABSCHIEDS

Filed under: 2013 — N.P. @ 11:20 am

Seine Frau hat Krebs, er fotografiert ihren Kampf, die Fotos stellt er ins Internet: Eine beispiellose Liebeserklärung

ZEITmagazin, 2. Mai 2013

Für Angelo Merendino scheint Zeit keine Rolle zu spielen. Beim Erzählen wechselt er zwischen Momenten, die zwei Tage, einige Monate oder mehrere Jahre zurückliegen, als sei alles Erlebte gleich lange her. Als wäre es gestern gewesen, schildert er den Augenblick, in dem er Jennifer vor acht Jahren das erste Mal aus ihrem schwarzen Käfer aussteigen sah, unvermittelt spult er zwei Jahre vor bis zum Tag ihrer Hochzeit im Central Park, überspringt noch einmal vier, bis er bei dem Moment anlangt, in dem seine Frau in seinen Armen stirbt, zu Hause im Wohnzimmer in Manhattan, am 22. Dezember 2011.

Jennifer. Wenn der New Yorker Fotograf Merendino ihren Namen ausspricht, macht er danach eine Pause. Sekunden dauert es, bis er den Satz weiterführt, gerade wenn man sich fragt, ob die Telefonleitung vielleicht gekappt worden ist, spricht er weiter. „Jennifer … war einer dieser Menschen, die immer das Beste aus dem Leben machten, Jennifer … hat immer das Gute in allem gesehen.“ Wer mit Merendino über seine Frau redet, trifft auf die Obsession, mit der sonst nur akut Verliebte den Namen des anderen in Dauerschleife denken und aussprechen. „Jennifer war die Liebe meines Lebens, mein bester Freund, ich werde immer in sie verliebt sein“ – es ist der verzweifelte Trotz von jemandem, der nicht zulassen will, dass sich irgendetwas auf die Wunde legt, weil schon die dünnste Schicht ein Stück Heilung und damit Abstand bedeuten würde. Merendino will das nicht zulassen. Deshalb erzählt er von seiner Frau, unermüdlich, deshalb bedankt er sich während des Gespräches immer wieder fürs Zuhören, ermuntert, neue Fragen zu stellen. Und klingt bei seinen Antworten heute, auch nach eineinhalb Jahren, noch so, als käme er gerade erst von Jennifers Sterbebett.

The Battle We Didn’t Choose – My Wife’s Fight With Breast Cancer (in etwa: „Die Schlacht, die wir nicht wollten – Der Kampf meiner Frau gegen den Brustkrebs“), so heißen Merendinos Foto-Blog und die dazugehörige Facebook-Seite, auf der der 40-Jährige seine Geschichte erzählt. Eine Geschichte, die in diesen Tagen um die Welt geht. Amerikanische Medien, englische, französische, portugiesische, finnische, norwegische, spanische, italienische, brasilianische Zeitungen, dazu unzählige Blogs und Onlineportale berichten über Merendino, die Fanzahl seiner Seiten explodiert, über 60.000 sind es im Moment, jede Minute kommen neue dazu, täglich sind es Hunderte, manchmal Tausende von Menschen, die sich neu einloggen in das, was man einen Livestream der Trauerarbeit nennen könnte.

My Wife’s Fight With Breast Cancer ist das virtuelle Tagebuch einer Krebserkrankung, die erste umfassende, intime digitale Dokumentation des Alltags zweier Menschen, die gemeinsam beschlossen haben, bis zum Schluss gegen die Krankheit Brustkrebs zu kämpfen – und die den Kampf am Ende verlieren. Merendino hat das Internet gewählt, um nicht nur das tägliche Leben mit seiner unheilbar kranken Frau, sondern auch ihren Tod und die Zeit danach zu teilen. Schonungslos stellt er seine Gefühle ins Netz, online kehrt er sein Inneres nach außen. Ebenso wenig wie seine Erzählungen am Telefon folgt die Zeitleiste dabei einer Chronologie, auch bei Facebook fallen die Zeitebenen durcheinander, gerade das ist das Besondere an seiner Bildergalerie.

Die Köpfe aneinandergelehnt, Bierflaschen an den Lippen, der Blick direkt in die Kamera – Angelo und Jennifer: das erste Bild auf der Seite. Die beiden sitzen auf den Stufen eines Hauses, es sieht nach Sommer aus, ein selbst geknipster Schnappschuss, ein kurzer Ausschnitt aus dem Überfluss eines Tages voller beiläufigem, leichtem Glück, das, wenn man ein paar Bilder weiterklickt, wie das größte erscheint, das es überhaupt geben kann. Schon drei Aufnahmen später hält Jennifer, die um Jahrzehnte gealtert scheint, zwischen Schläuchen, Pflastern, einem Tropf und Tablettenschachteln in einem Krankenhauskittel den kahlen Kopf in ihren Händen; gezeichnet von der Krankheit, ist sie immer noch hübsch, auch wenn sie müde aussieht, ihr Gesicht sich vor Schmerz verzieht. Mit seiner Kamera folgt Merendino dem Körper seiner Frau von der Zeit vor der Erkrankung bis ins Endstadium, begleitet die Veränderungen, die zunehmende Schwäche, vor allem aber fängt er ihre Blicke ein, ihr Lächeln. Die Botschaft dabei scheint immer dieselbe zu sein: Hier, das ist Jennifer, seht ihr, wie hübsch sie ist? Und: Wenn wir alle sie sehen, kann sie doch nicht wirklich weg sein, oder?

Dabei hat Merendino den Beweis ihres Todes selbst hochgeladen. Ein leeres Bett hat er fotografiert, „Jennifer hat ihre Schönheit, ihre Anmut und ihre Liebe an einen höheren Ort mitgenommen“, postet er einen Tag nach ihrem Tod im Dezember 2011 auf der Facebook-Seite. Täglich veröffentlicht Merendino seitdem neue Bilder. Zehntausende entstanden über die Jahre, die meisten schwarz-weiß, Großaufnahmen, Porträts, Alltagsszenen. Immer neue Alben stellt er zusammen, versieht sie mit dem Datum, an dem sie aufgenommen worden sind, ergänzt sie um eine Anekdote, ein Zitat oder auch nur ein schlichtes „Ich vermisse Jen“.

Das Facebook-Tagebuch, das er bis zum heutigen Tag führt, ist die Verlängerung dessen, was er und seine Frau einmal gemeinsam begonnen haben. Eigentlich waren die Bilder nur für Freunde und die Familie gedacht, Angelo Merendino stellte sie online ausgewählten Menschen zur Verfügung. Als Jennifer im Februar 2008, fünf Monate nach ihrer Hochzeit, im Alter von 36 Jahren die erste Krebsdiagnose bekommt und damit die „Reise“, wie die beiden die Zeit der Krankheit oft genannt haben, beginnt, erfährt das Paar eine Welle der Unterstützung. Freunde, Familie, Kollegen aus der Kosmetikfirma, in deren Marketingabteilung Jennifer arbeitete, stehen hinter ihr, als der Krebs ihr die Brüste, die Eierstöcke, die Lymphknoten nimmt und sie ihre erste Chemo- und Bestrahlungstherapie antritt.

Zwei Jahre später, als sie gerade dabei sind, sich auf ein Leben nach der Krankheit einzurichten, kehrt der Krebs zurück. Er ist chronisch geworden, hat gestreut, Leber und Knochen sind betroffen, später auch Jennifers Gehirn. Die Zeit, die das Paar ohne den Krebs hatte, war kürzer als die Jahre mit der Krankheit. „Ihr habt das ja schon einmal geschafft, da wird es auch dieses Mal gut laufen“, das sind Worte, die sie nach der zweiten Diagnose hören. Viele der Bekannten scheinen die Situation nicht ernst zu nehmen, Freunde finden keine Zeit für einen Besuch, andere wollen nicht wahrhaben, dass der Krebs zurückgekommen ist, oder haben Berührungsängste und wenden sich ab, weil sie nicht wissen, was sie sagen sollen. „Es hat Jennifer das Herz gebrochen, wenn Menschen, die uns einmal nahestanden, einfach aus unserem Leben verschwanden“, erzählt Merendino. „Ihr müsst nichts sagen, seid einfach da!“, steht unter einem Bild auf seiner Seite. Wie aber sollten die Menschen wissen, wie der Alltag mit der Krankheit aussieht, was für einen Kampf er bedeutete, aber auch, wie viel Nähe die Krankheit ihnen gab? Die Fotos bringen Freunde und Verwandte in der Tat wieder näher zueinander. Nach einigen Wochen stellt Merendino sie auch der Öffentlichkeit zur Verfügung, seine offizielle Facebook-Seite, jetzt mit uneingeschränktem Zugang, entsteht. „Ich will, dass die Welt dich kennenlernt“, sagt er damals zu seiner Frau. Sie ist einverstanden.

„Wir wollten dem Krebs ein Gesicht geben“, sagt Merendino, noch immer sei das tägliche Leben mit der Krankheit etwas, über das nicht genug gesprochen werde und das deshalb wie etwas wirke, von dem man Abstand halten müsse. „Wir wollten allen Menschen, die jemanden kennen, der Krebs hat, dazu aufrufen, diese Person weiterhin normal zu behandeln, sie nicht zu vergessen.“

Für die Merendinos wird das Internet ein Ort des Zuspruchs. Der Respekt und die Emotionalität, die man aus den mittlerweile in allen Sprachen der Welt verfassten Kommentaren herausliest, zeugen von einer Anteilnahme, wie sie im Internet selten ist. „Wir kennen uns nicht, aber“ beginnen die Einträge, stundenlang kann man sich durch sie hindurchklicken, es sind Dankesbekundungen, viele Betroffene schreiben in den Kommentarspalten ihre eigenen Geschichten auf, die meisten Einträge drücken aber schlichte Bewunderung aus für die Beziehung, die die beiden führten. „Die Leute lesen es als Liebesgeschichte“, sagt Merendino. „Das macht mich stolz.“ Hatte er nie Angst, dass diese Geschichte verfremdet wird, weil Bilder seiner sterbenden Frau überall auf der Welt weitergetwittert und zehntausendfach geteilt werden?

„Wir hatten nichts zu verstecken“, sagt Merendino. Der Schritt in die Öffentlichkeit sei ein rein intuitiver gewesen, von dem er nicht wusste und immer noch nicht weiß, wohin er führen wird, den er aber zu keinem Zeitpunkt bereut hat. Auch wenn sich damit die Grenzen der Intimität in seinem Leben verschoben haben. Es sind gerade die kleinen Dinge im Privaten, die Merendino groß im Netz ausstellt. Man sieht die vergilbten Bilder, die er von seiner Frau im Portemonnaie mit sich trägt, den Kochtopf in der Küche, in dem er für sie immer Popcorn machte, den Screenshot von seinem iPhone, der einen Erinnerungsalarm zeigt, den Jennifer auf Ewigkeit für ihn für jeden 22. Tag im Monat, angefangen mit seinem Geburtstag am 22. Oktober, eingerichtet hat: „Jennifer findet Angelo sexy“. Merendino lädt Fotos direkt vom Friedhof hoch, fotografiert den Grabstein, auf dem neben Jennifers schon sein eigener Name eingraviert ist, in knalligem Rot kann man das Herz sehen, das er auf seinen Oberarm tätowieren ließ, zusammen mit ihrem Namen und ihren Lebensdaten.

Am meisten aber postet Merendino aus der gemeinsamen Zeit, in der sie noch lebte: Jennifer am Meer, mit einem Sonnenhut, geschwächt von der Chemo, aber glücklich, dass die Beine sie noch bis in die Wellen getragen haben. Bilder von ihr im Krankenhaus, zwischen ihren Freundinnen, die beim letzten Besuch an ihrem Sterbebett ihren kahlen Kopf küssen, Jennifer im Auto, erschöpft von der Behandlung, angelehnt an ihre Mutter, ihre Hände in Großaufnahme, die gerade ausgefallene Haare in die Kamera halten, ihre dünnen Arme am Gehwagen, draußen auf den Straßen von New York, die Blicke der Passanten – es sind Bilder maximaler Verletzlichkeit, die Merendino jetzt auch als Fotograf zu Bekanntheit verhelfen.

Mittlerweile sind seine Fotos in Ausstellungen zu sehen, und er arbeitet an einem Buch. Noch wurde Merendino der Vorwurf, das Leiden seiner Frau zu seinem eigenen Nutzen zu vermarkten, nicht gemacht. Vielleicht liegt das auch daran, dass er auf seiner Facebook-Seite regelmäßig auf ein anderes Blog hinweist: Es ist das Blog einer krebskranken Frau, zunächst schreibt sie im Rahmen einer virtuellen Selbsthilfegruppe über ihre Krankheit, dann auf einem eigenständigen WordPress-Account. Hier lud auch sie Bilder hoch, von sich, dem kahlen Kopf, ihren Freundinnen und ihrem Mann.

Es war Jennifer, die 2008, viel eher als ihr Mann, begann, ihr gemeinsames Leben ins Netz zu stellen. „Ange“ sitzt dort neben der Katze auf dem Sofa, zwischen Verwandten, im Krankenhaus, immer wieder schreibt Jennifer darüber, wie dankbar sie für seine Begleitung ist. Und auch sie berichtet regelmäßig über das Voranschreiten ihrer Krankheit. Exakt einen Monat vor ihrem Tod, am 22. November 2011, postet sie den Eintrag, der ihr letzter sein wird. „Gestern war ich in der Lage, Chemo zu bekommen.“ Es ist ein knapper Kommentar, nur ein kurzes Update aus dem Krankenhaus, sie wolle die Dinge nun langsam angehen lassen. „Ich halte euch auf dem Laufenden, wie’s weitergeht“, steht noch unter dem kurzen Absatz. Danach endet das Blog. Und das ihres Mannes beginnt.

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