Nina Pauer | Autorin

April 30, 2013

DER HEISERE ENGEL

Filed under: 2013 — N.P. @ 7:51 pm

Mit dem Song „One Day“ landete der israelische Sänger Asaf Avidan einen Welterfolg. Jetzt tourt er durch Europa. Eine Begegnung mit einem Künstler, der das Bild vom Star radikal erneuert

ZEIT Feuilleton, 18. April 2013

Asaf Avidan schaut wie ein ernstes Kind. Er lehnt seinen Kopf schräg an die Wand, als könne er, hier in einem Café irgendwo in den Niederlanden, einen Anker werfen und andocken. Die Hotelbar ist an diesem Nachmittag kein Ort, der sich aufdrängt. Es gibt keine Gäste, nur vereinzelt klappern Teller von irgendwoher, Imagine von John Lennon klingt aus der Ferne der Lobby nebenan. Die Frau, die Avidan hier abgegeben hat, ist nach leiser Begrüßung und wenigen Worten Hebräisch, die sie wie kurze Codes einer Geheimsprache mit ihm gewechselt hat, wieder in der Kälte draußen verschwunden. Während zu Hause in Israel heute Pessach gefeiert wird, herrscht in Eindhoven noch tiefer Winter. „Israel ist nicht mein Zuhause“, die Korrektur klingt freundlich, aber absolut. Avidan spricht sanft, es ist angenehm, ihm zuzuhören. „Ich habe kein Zuhause“, sagt er entschuldigend, wenn auch nicht bedauernd. „Ich habe kein Zuhause“ – in immer neuen Worten wird dieser Satz die Antwort auf jede Frage sein, die man ihm stellt. Sein Anker habe noch nie gehalten, nirgendwo, kein einziges Mal, solange er denken kann.

„No more tears / My heart is dry / I don’t laugh / And I don’t cry“, so beginnt das Lied, mit dem er im Sommer 2012 in Deutschland, Österreich, der Schweiz und in unzähligen anderen Ländern sensationell erfolgreich war. Bei YouTube ist der Clip zum Song inzwischen mehr als 90 Millionen Mal geklickt worden.

Reckoning Song, so heißt das Lied in seiner Originalversion von 2008, es war eigentlich ein Stück mit schlichter Akustikgitarrenbegleitung, das Avidan und seine alte Band The Mojos in ihrem ersten Repertoire hatten, mit dem sie durch Israel und kleine Bars in Europa tourten. Bis ein Fan, der bis dahin unbekannte Berliner DJ Wankelmut, sich das Stück nahm und elektronisch daran herumexperimentierte. Wankelmut unterlegte Avidans melancholisch-markante Stimme mit House-Musik, Beats, die tanzbar waren. One Day, wie er den Remix nannte, verbreitete sich online wie ein Virus. Von unten stürmte er innerhalb weniger Wochen die internationale Clubszene und, als er schließlich offiziell bei Sony herausgebracht wurde, auch die Charts – ein kometenhafter, ein unfreiwilliger Erfolg.

Plötzlich war Asaf Avidan ein Star, es gab Videos, die Menschenmassen zeigten, die zu seinem Lied tanzten, Frauen wie Männer schrieben dem israelischen Sänger mit der androgynen Wahnsinnsstimme Liebes- und Fan-Mails aus aller Welt, aus Europa kamen ebenso begeisterte Reaktionen wie aus China, Indien und den arabischen Ländern, von Dubai bis zum Libanon. Den „heiseren Engel“ nannte man ihn, „Bob Dylan and Janis Joplin made a baby together!“, hieß es über seine Stimme. Und doch blieb Avidan als Künstlerfigur jemand, der nie ganz zuzuordnen war, zu wenig wollte er in die Clubwelt passen, die ihn aus der Geheimtippecke auf die internationale Bühne katapultiert hatte.

Wenn man Asaf Avidan gegenüber sitzt, hat er nichts von einem DJ. Er wirkt überhaupt nicht hip, und man kann ihn sich auch nicht hinter einem Mischpult vorstellen. Immer noch an der Wand lehnend, schaut er mit klaren blauen Augen über den Tisch, ein Blick, der ans Tageslicht gehört, nicht in die Dunkelheit zwischen flüssigen Stickstoff, in die vom Tanzen aufgeheizte Luft, in das Blitzlichtgeflimmer von Diskokugeln. Sein Hemd, die Hosenträger, die ruhige, fast allzu aufmerksame Art, einen Raum wahrzunehmen – all das würde in zappeligen Tanzschuppen nicht funktionieren. Genauso wenig wie seine Undercut-Irokesenfrisur, die man im Augenblick überall in den Cafés, Bars und Galerien der Metropolen von Berlin bis Tokio besichtigen kann. „Das war einfach nicht mein Stil“, sagt Avidan über den Wankelmut-Remix, der ihm noch immer nicht gefällt und dessen Veröffentlichung er zunächst verhindern wollte. Die Verfremdung seiner Musik war ein Kontrollverlust, der nicht das Urheberrecht, sondern seine Gefühle verletzt hat.

Wer auch nur einige Minuten seiner Live-Videos auf YouTube ansieht oder ein Konzert besucht hat, weiß, warum. Hier sieht man niemanden, der für ein Massenpublikum spielt, sondern einen, der allein bleibt. Avidan singt eigentlich nur sich selbst vor. Es sei eine „Therapie“ ganz wie bei Freud, sagt er, der gesungene Texte forme ein „Narrativ“, ein „Kreislauf“ entstehe, vom ersten Ausspucken der eigenen Wörter über das Wiederaufnehmen, Verdauen bis zum erneuten Hervorbringen. „Ein Werkzeug“ sei ihm die Musik dabei, ein „Herauslassen“, um bei Verstand zu bleiben – und genau so hört es sich an.

Vor der Heftigkeit der seelischen und physischen Entäußerung, der Avidan sich überlässt, wenn er seine Stimme benutzt, schreckt man instinktiv zurück, nicht eingreifen möchte man in diesen irritierenden, fast kreatürlichen Prozess. Mehr Organ als Mensch, krümmt sich Avidan über das Mikrofon, selbstvergessen folgt er der eigenen Melodie, aus der heraus er sich aufbäumt, bis es mehr nach Urschrei- als nach Gesprächstherapie klingt.

Die Töne, die dabei entstehen, muss man nicht mögen. Man muss nicht entscheiden, ob seine Stimme schön, angenehm oder zu intensiv, weiblich oder männlich klingt. Sie rührt bis auf die Knochen, und allein darum geht es. Denn hier schreit, bettelt, sucht, hofft, tröstet, explodiert etwas aus dem Tiefsten heraus. Singen als Therapie – das hat bei Avidan nichts von einer Allüre oder von romantisch-esoterischer Heilung, dafür passiert es zu unvermittelt. Dies ist keine psychologisch gepolsterte, professionell begleitete Reise rückwärts, die in wohlportionierten Etappen zur Versöhnung mit dem inneren Kind führte. Bei ihm scheint es nichts auszugraben und hervorzuholen zu geben, es ist vielmehr immer da, direkt unter der Oberfläche, als etwas Rohes, das durch keine Erlebnisschichten verdeckt werden konnte und nur durch die Stimme direkt abgeleitet werden kann.

„My life is like a wound / I scratch so I can bleed“, singt es dann aus ihm heraus. Über seine Kindheit spricht Avidan wie über ein permanentes Neu-in-die-Welt-geworfen-Sein. Früh wurde dem in Jerusalem geborenen Sohn eines Diplomatenpaares Hochbegabtheit und damit einhergehende Hypersensibilität attestiert, eine Durchlässigkeit in der Wahrnehmung, die das Reisen rund um den Globus für den Sechsjährigen zur überfordernden Reizüberflutung machte. Vier Jahre verbrachte die Familie auf Jamaika, bevor die Eltern sich trennten, unzählige Umzüge innerhalb Israels folgten. Ständig reiste Avidan seinem Vater hinterher, der sein Leben in israelischen Botschaften zwischen den Kontinenten fortsetzte. Wieder klingt es, als würde Avidan sich entschuldigen, jemand anderes, sagt er, hätte das stetige Hin und Her der Länder, Sprachen, Schulen, Menschen, sicher besser weggesteckt, ein sanftes „Aber so ist das nun einmal“ klingt bei seinen Worten mit. Für ihn war es nun einmal so: Das Gefühl einer profunden Zerrissenheit entstand, hervorgerufen durch abwechselnde Unruhe und Isolation in der gated community von Kingston, in der das Diplomatenleben stattfand und in der es keine Gleichaltrigen gab.

Es hat später viele Schichten gegeben, die sich über die kindliche Verlorenheit hätten legen können. Zurück in Israel, synchronisierte Avidan als Jugendlicher Cartoons, begann, Animation zu studieren und Filme zu drehen. Mit 18 kam er zur Armee in eine Kampfeinheit, aus der er nach Monaten der Albträume und Schlaflosigkeit vom Militärpsychologen ausgemustert wurde. Die symbiotische Beziehung zur ersten Freundin zerbrach, mit 21 erkrankte er an Lymphdrüsenkrebs. Geheilt, verrannte er sich jahrelang suchtartig in immer neue, kurze, intensive Beziehungen, „eine Suche nach Antworten in den Körpern anderer Menschen“, die kein Ankommen versprach. Am Ende half nur das Singen, vor sechs Jahren hat er es entdeckt, damals konnte er nur vier Akkorde auf der Gitarre.

Die Einzigartigkeit seiner Stimme verhalf ihm schnell zu Auftritten, im Vorprogramm spielte er für Bob Dylan, Ben Harper, Morrissey und Lou Reed, heute reist er als Solokünstler, monatelang, ohne Pause. Wie er einem so gegenübersitzt, wirkt Avidan wie jemand, der sich beim besten Willen nicht einlassen kann auf den Ort, an dem er sich gerade befindet. Er werde nicht mehr vor die Tür gehen heute, sagt er, im Café mag er nichts bestellen, dreimal muss der Kellner kehrtmachen, erst nach einer Stunde stürzt Avidan ein Glas Wasser hinunter, als würde er die Möglichkeit offenhalten wollen, jederzeit weiterziehen zu können.

Different Pulses, so heißt die aktuelle Platte, mit der er gerade in Europa auf Tour ist. Nach drei Alben mit den Mojos ist es das erste, das er allein herausgebracht hat. Die Akustikgitarre, die Mundharmonika, das Rockige, Folkige hat Avidan dabei komplett fallen gelassen. Different Pulses ist eine anspruchsvolle Musikgalerie, mit elektronischen Einflüssen, kosmischen, melancholischen Klängen, die sich mit starken, energetischen Stücken ablösen. Mal singt Avidan allein, im Falsett kann er seine Stimme wie einen Motor aufheulen lassen, sich selbst begleiten, wobei er sich nie verirrt oder auch nur ein einziger Ton kippt. Chorelemente tauchen auf, Orgelklänge, Trompeten, es sind hymnische, kitschige, ozeanisch flutende, traurige, grandiose Stücke, zu denen er alle Texte selbst geschrieben hat. „It’s five in the morning where ever you are / You’re learning a language / Beginning with ›far‹“, singt er aus seiner Blase hinaus. „Baby, I am lost“, ruft er im Refrain nach Hilfe, „would you save this little boy?“ Auch Israel taucht mit biblischen Figuren in seinen Texten auf. Von einem „tired Abraham“ geht die Erzählung sowie die Klage „Cry, oh Angel, cry / Your favorite disciple / Is tearing out his eyes“, wobei Avidan offen lässt, ob er damit wirklich den Staat, dessen Pass er trägt, meint. Nationale Grenzen hasse er, ihren „fiktiven Charakter“ sowie jede Art von geschlossenen Gruppen. Differenzen zu suggerieren sei lächerlich, wo doch alle Menschen gleich sterblich und heilsbedürftig seien.

Jetzt lächelt Avidan einfach nur. An Gott zu glauben, ja, das könnte für ihn natürlich alles einfacher machen. Doch sein Vater ist nun einmal in einer quasikommunistischen Kibbuzgemeinschaft aufgewachsen, auch die Mutter stammt aus einer atheistischen Familie, wie solle er da glauben können? Avidan schüttelt den Kopf, auch die Religion ist leider keine Lösung für diese Geschichte, soll das heißen. Zum ersten Mal löst er sich von der Wand, bei der er die ganze Zeit über Halt gesucht hat. Der Glaube, das sei das Pathetischste und gleichzeitig das Schönste, was die Menschheit sich ausgedacht habe, nur könne er dabei leider einfach nicht mitmachen.

Als frei schwebendes, ankerloses, offenes Subjekt, als Kind einer Welt, die postsakral, postnational, postideologisch und postgender geprägt ist, scheint Asaf Avidan der Prototyp eines kosmopolitischen, neuartigen Künstlers zu sein. Sein größter Hit entstand im Netz, seine maximal distinkte Stimme berührt über alle Kulturen hinweg, seine Themen bleiben universell. Herumreisend zwischen den Welten, mit ordentlichem Kindheitstrauma im Gepäck und immer auf der Suche, so könnte es ewig weitergehen. Doch was bedeutet diese Offenheit für eine Biografie? Droht sie nicht irgendwann zur Pose zu verkommen?

Er habe die Suche nach der „ultimativen Heilung“ hinter sich gelassen, sagt Avidan. Die junge Frau, die ihn vorhin hier abgeliefert hat, ist zurückgekommen. Dieses Mal reicht ein Handzeichen aus, um anzudeuten, dass es an der Zeit sei, zum Schluss zu kommen. Doch, ja, das sei seine Freundin, jetzt, ganz am Ende des Gesprächs, erwähnt Avidan sie zum ersten Mal. Er hat sie zur Tourmanagerin gemacht, mehrere Jahre hält die Beziehung nun schon, sie reist mit ihm. Ein mobiles Konzept, nichts, das heilt, aber etwas, das hält. Drei Wochen im Jahr ziehe er sich zurück auf eine kleine Pazifikinsel, sagt Avidan, hier schreibt er seine Songs – eine räumliche Trennung von Komponieren und Performen, die beides zulassen soll: Therapie und Kunst. Durch den großen Erfolg von One Dayhabe er an einem extremen Beispiel lernen müssen, dass ein Lied nur ganz kurz allein ihm selbst gehört. Es sei wie bei einem Kind, das man irgendwann nach draußen in die Welt ziehen lassen müsse. „Ich habe meine Geschichte mit ihnen, danach gehören sie allen“, sagt er jetzt über seine Stücke. „It was a beautiful thing to learn.“

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