Nina Pauer | Autorin

Januar 26, 2013

NEUES AUS DEM HÖRSAAL

Filed under: 2013 — N.P. @ 3:08 pm

20 Jahre Texte, Töne, Theorie: Ein Geburtstagsgruß an Tocotronic, die deutscheste Band der Welt.

ZEIT Feuilleton, 24. Januar 2013

Der erste Eintrag im Tagebuch der Band ist ein Diagramm. Eine riesige Zeichnung, hochkomplexe Kritzelei, »SCHEMA« steht dort in Großbuchstaben über Kreisen, Pfeilen, Kästen und Unterkategorien wie »Fußnoten«, »ADG Wohlklang«, »Umschaltung«, »Geklimper«, »Ende«.

Sieht so die Anatomie eines Hits aus?

Im Falle von Tocotronic zeigt sich an der wirren Grafik sogar noch mehr. Nämlich der Grundsatz, dass Musik mehr Theorie als Praxis sein kann. Das »strukturalistische Diagramm«, wie die Band die Skizze von 1993 im Rückblick, quasi als nachgeschobene Metaebene betitelte, sollte den Grundstein ihrer Karriere bilden. Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein hieß der Song, der aus dem theoretischen Gerüst entsprang und als ewiger Slogan in die deutsche Musikgeschichte einging. Das »unauthentischste Stück Rockmusik«, wie die Band selbst befand, entstand – »es ist leider wahr« – weder »im Straßenkampf noch im Schwange einer exzessiven Rockshow, sondern während einer langweiligen Vorlesung auf einem Stück Papier«.

Tocotronic sind nie aus dieser Vorlesung herausgekommen. Die Hamburger Studenten von damals sind zwar keine herausragenden Magister oder Doktoranden geworden, aber doch Akademiker geblieben. »Diskursrock« nennt sich ihre Musik, statt »heiße Riffs« zu proben, »schmökerten« sie nun einmal seit je lieber »in Merve-Bändchen«. Anstatt, wie es für Rock- und Indie-Bands üblich ist, nur bei Festivals wie Rock am Ring aufzutreten, geben Tocotronic ebenso selbstverständlich Konzerte bei der Ernst Bloch Gesellschaft, studentische Hausarbeiten widmen sich ihren Songs, Soziologieprofessoren dienen sie als sichere Zitatgeber bei Vorträgen. Wie von keiner anderen Band wird von dieser abgeleitet, wie es um den Zustand einer Generation, des Zeitgeistes, vielleicht sogar des ganzen Landes bestellt ist.

Tocotronic sind Textbesessene. Und damit vermutlich die deutscheste Band der Welt. Sie produzieren die genauesten, durchdachtesten, verkopftesten, verschrobensten und genialsten Texte – Stücke, die sogar ganz ohne Musik konsumierbar sind, die Wörter klingen von alleine.

Zielsicher verstehen Tocotronic sich darauf, das einzufangen, was Begriffe, Phrasen und Satzfolgen nicht nur typisch, sondern nahezu penetrant deutsch klingen lässt. »Wir haben uns unterhalten und festgestellt, dass es uns hier gefällt«, so klingt bei ihnen ein Kompliment. Hier fächert er sich auf, der sound of Germany, der sich nie in andere Sprachen übersetzen ließe: das ungelenk Sachliche, das überflüssig Komplizierte, damit unfreiwillig Lächerliche, das nur verkrampft Selbstbewusste, Ich-Erkundende, Hadernde, pathetisch Aufblühende oder Vergehende. Beiläufig, humorvoll, oft auch gnadenlos anstrengend und überfrachtet, aber immer absolut sicher in ihrem Sprachgefühl arbeiten die vier Popakademiker sich an diesem Material ab, zwanzig Jahre nun schon.

Während dieser Zeit ist eine beachtliche Textteilgalerie entstanden: Vertonte Gedichte (Im Zweifel für den Zweifel) stehen neben Hymnen (Let There Be Rock),Lieder, die wie Durchsagen (Bitte oszillieren Sie), Dialoge (Wir sind hier nicht in Seattle, Dirk), Manifeste (Pure Vernunft darf niemals siegen) und immer wieder wie Eingeständnisse über die eigene Unzulänglichkeit (Über Sex kann man nur auf Englisch singen) klingen. Der Inhalt ihrer Tagebücher, wie Tocotronic ihre Alben nennen, ist ein regelrechtes Archiv, von Digital ist besser (1995) bis zum Nummer-eins-Erfolg Schall & Wahn (2010).

Und nun, 2013, also: Wie wir leben wollen.

Siebzehn neue Songs haben Dirk von Lowtzow, Jan Müller, Rick McPhail und Arne Zank aufgenommen, nur zehn Tage verbrachten sie dafür in einem Studio im ehemaligen Berliner Flughafen Tempelhof, wo sie mit einer Telefunken-Vier-Spur-Tonbandmaschine arbeiten konnten, Originaltechnik von 1958. Musikalisch also ein Experiment, eine Anleihe bei der Vergangenheit. »Vor den Aufnahmen zu diesem Album wurden Beatles- und Beach-Boys-Platten auf ihren psychedelischen Pop-Appeal hin geprüft«, heißt es dazu im kauzigen Duktus wissenschaftlicher Quellenverweise. »Räume werden geöffnet, Diversität zugelassen, Kontrollverlust erlaubt« steht in der Infomappe zum Album, traditionell verquast mit Passiv-Konstruktionen, als wollten sie sich bloß absichern bei dem, was man im Folgenden zu hören bekommt.

Dann, nach all der Theorie, endlich der erste Song: »Hey«, erschallt es in mehreren Sound-Etagen, überraschend hell die Gitarre, überraschend hell die Stimme, im dreifachen Echo klingt sie tatsächlich wie ein Stück Bewusstseinserweiterung aus dem Beatles-Universum. Es ist dieses Hallen, mit dem das Album einsteigt und damit gleich das Neue der gesamten Platte vorführt. Hoch und heiter wie nie wird hier gesungen, wobei Hör- und Texterlebnis nicht ferner auseinanderliegen könnten. Mehr denn je bedienen sich Tocotronic auf Wie wir leben wollen eines ihrer charakteristischen Kniffe, dessen, was man als Ton-Text-Schere bezeichnen könnte: Je fröhlicher die Stimme, desto fataler die Botschaft. Was schon in den Neunzigern funktionierte – damals begleitete eine Final Countdown-artige Fanfare Sänger Dirk von Lowtzows triumphierende Verkündung: »Die Ausbeutung des Menschen erreicht eine neue Qualität« –, klingt 2013 noch gefälliger. Auf die Spitze getrieben wird die neue tocotronische Heiterkeit im Stück Chloroform. Zum Beat eines Kinderliedes wird hier die indifferente, watteweiche Konsensdiktatur der Gegenwart durchdekliniert und damit eine Welt beklagt, die keine wahren Konflikte, nur noch seichtes Feedback anstelle von Kritik, nur noch »Gefällt mir« statt Meinungen kennt. »Alles ist entschuldigt / Es wird nicht debattiert«, freut sich der Singende zu grenzdebil gleichmäßigem Teletubby-Rhythmus. Stolz preist sich an anderer Stelle ein moderner Arbeitssklave an: »Ich bin ein Neutrum / Mit Bedeutung / Im Hornissenstaat / Mit einer langen Leitung / Direkt ins Sekretariat«, und gelobt in zweifelhafter Hingabe: »Ich will für dich nüchtern bleiben / Unaufhörlich Berichte schreiben«.

Groß geworden im linksalternativen Milieu der Hamburger Rote-Flora-Szene, beharrt die Band auch auf Wie wir leben wollen politisch auf mehr als einem verschüchterten »Man müsste mal«. Zum einen durch explizite Texte – »Wir kommen, um uns zu beschweren«, »Stürmt das Schloss«, nun: » Ich will Steine schmeißen« –, zum anderen durch konkretes politisches Engagement. 1996 lehnen Tocotronic einen Fernsehpreis ab, der sie als »jung, deutsch und auf dem Weg nach oben« ehren will. »Wir sind nicht stolz darauf, jung zu sein. Und wir sind auch nicht stolz darauf, deutsch zu sein«, heißt es in ihrer Begründung. Immer wieder fordern sie das fehlende Wir ein. »Ich möcht mich auf euch verlassen können«, verlangen sie schon 1993, damals als 20-Jährige, »Verschwör dich gegen dich / Und deine Schmerzen lindern sich«, so ihre Prophezeiung von 2010. Heute, mit 40, klingt die Abkehr vom hedonistisch überfrachteten Ich weniger parolenhaft: »Ich habe mich inwendig verrannt«, »Ich möchte mich selbst verdauen«. Doch auch 2013 leuchtet die große gesellschaftliche Veränderung hoffnungsvoll am Horizont: »Sag mir, ist es wirklich wahr / Was man sich erzählt? / Wenn das beginnt / Singt dann die Welt? / Und dass wer sich verlassen fühle / Und in Einzahl vegetiert / Fortan im Plural existiert?« Auf dem neuen Album mischt sich das Singen von der Revolution mit einer neuen Bildsprache. Bedrohlich, mit der raunenden Stimme eines Märchenonkels, erzählt Dirk von Lowtzow von Kometen, Pflanzen, Körpern, Tieren, fremden Welten: »Worte werden Waffen sein / In Grenzgebieten / Für Parasiten / In Grotten / Unter Stalaktiten / In den Gängen / Der Termiten«.

Wie bei den Vorläufern weicht auch auf Wie wir leben wollen das Konkrete (»Europas Mauern werden fallen«) sofort wieder dem Rätselhaften (»An die Anemonen und Korallen«), wobei alles zusammen stellenweise ins allzu Mächtige kippt. Die Momente, in denen die E-Gitarren sich unangenehm verdichten (Höllenfahrt am Nachmittag), die Sprache sich verhebt (»Geißel der Menschheit / Erfolgreiche Freunde / Pest der Existenz / Leuchte mir! / Feuer der Furcht«) oder sich allzu gewollte Fremdwörteranhäufungen stauen (»Ein Antidot für Anekdoten / Könnte ich zusätzlich verkraften«), werden nur wahre Fans zu schätzen wissen.

Doch immer wieder ergänzt der neue, helle, psychedelische Sound perfekt die Poesie der Sprache. Ungewohnt, aber wunderbar schmachtend, hallt von Lowtzows Stimme in Warte auf mich auf dem Grund des Swimmingpools nach, kunstvoll wirft sie ihre Bilder an die Wand: »In der Strömung / Stellen wir uns vor / Eine Versöhnung / In Glanz und Chlor«. Verlässlich stehen berüchtigte Tocotronic-Wortfindungen – »Wir haben weiche Ziele / Wir sind Plüschophile« – neben legendär eigenartigen Liebeserklärungen: »Ich such ne Begleitung / Möchtest du mich begleiten? / Als lebenswichtiges Organ«.

Zwei Jahrzehnte feiert die Band schon ihre Erfolge. Hat sie dafür ein Geheimnis? Ihre besten Beobachter waren schon immer Tocotronic selbst, der Drang zur offenen Selbstbeschreibung begleitete sie von Anfang an. Bereits nach vier Jahren Bandgeschichte, 1997, bekommen sie es mit der Angst zu tun. »An der Schwelle zur Selbstwiederholung« wähnen sie sich, tief sitzen Furcht und Abscheu, »euer Seitenscheitel-Trainingsjacken-Typ auf Lebenszeit« zu werden.

Das Bild zur neuen Platte zeigt vier Männer in Oberhemden. Die Jacken sind verschwunden, die Cordhosen auch, nur der Seitenscheitel ist geblieben. 99 Thesenliegen den Songs dieses Mal als Sekundärliteratur bei. »Täglich anders heißend«, »Beginnend mit einer Häutung« steht dort unter der Überschrift Wie wir leben wollen. Mitten zwischen den Thesen und Texten findet sich ein kleines Sternchen. »Das Manuskript endet hier«, erklärt die Fußnote. Mehr Theorie als Praxis, das ist ihr offenes Geheimnis. Seit dem ersten Diagramm.

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