Nina Pauer | Autorin

August 5, 2012

BITTE EIN MANIFEST

Filed under: 2012 — N.P. @ 3:37 pm

Wofür stehen die Piraten? Welche Werte sind ihnen wichtig? Eine Begegnung mit Christopher Lauer, Fraktionschef der Partei in Berlin

Die ZEIT, 19. Juli 2012

Der Pirat und ich schweigen uns an. Hier, im Garten der Berliner Festspiele, den stickigen Veranstaltungsraum hinter uns, sind wir froh, nicht mehr reden zu müssen. Zwei Stunden lang haben wir zusammen auf einem Podium zum Thema Die Politik der Dreißigjährigen diskutiert. Ernüchtert habe ich meinen Eindruck von unserer Generation, den politisch Hilflosen, wiedergegeben: Weil wir nicht wissen, wie politisches Engagement heute funktionieren könnte, ziehen wir uns in unsere Lebenswelten, unsere Freundeskreise zurück, um uns dort unseren Karriereängsten und Facebook-Accounts zu widmen. Nur um uns insgeheim zu wünschen, dass uns dort irgendwer abholt. Die Welt sei zu komplex geworden, hatten mir junge Zuhörer resigniert bestätigt, Themen wie die Finanzkrise erscheinen zu groß, um sie anzugehen, gleichzeitig bleibt der Wunsch, nicht nur im kleinen, privaten Radius zu verharren, sondern etwas zu bewegen. Mutlos haben das Publikum und ich uns das Lamento über die eigene Politikferne hin- und hergereicht.

Und dann saß da Christopher, Fraktionsvorsitzender der Piraten, einer Partei, die aus ebendieser internetaffinen, politikfernen Generation geboren wurde. Könnte er vielleicht unser Hoffnungsträger sein, derjenige, der uns abholt und aus der politischen Apathie reißt? Oder ist er nur der Partei gewordene Beweis unseres kollektiven Schulterzuckens? Die Diskussion auf dem Podium hat auf diese Fragen keine Antworten geliefert. Zu scharf waren die Angriffe der Zuhörer auf die Piraten, zu chaotisch die Wortmeldungen, als dass eine wirkliche Diskussion hätte entstehen können.

Ein Gewitter braut sich zusammen, die ersten Blitze zucken am Himmel. Christopher und ich stoßen mit kühlem Bier an. Während er auf seinem Telefon eine SMS schreibt, klicke ich mich durch zu meinen Nachrichten, um meiner besten Freundin zu sagen, dass es später wird. Kurz lächeln wir einander an. Dann schauen wir hinunter auf unsere iPhones. Wir haben das gleiche Modell.

»Bringt es denn Spaß, jetzt so richtig Politiker zu sein?«, frage ich Christopher nach einer Weile. Mein Handy macht das komische saugende Geräusch, das es immer macht, wenn eine SMS versendet wird. Christopher nickt langsam. Abgeordneter zu sein sei aber auch viel Arbeit. Er klingt wie alle Leute in unserem Alter, die ihren ersten richtigen Job angetreten haben. Ich nicke verständnisvoll.

Christopher und ich sind fast gleich alt, Ende zwanzig. Wir sind uns nicht unsympathisch. Und die Welt, aus der wir kommen, scheint tatsächlich eine ähnliche zu sein. »Warum wähle ich dich eigentlich nicht?«, frage ich ihn. Auf einmal kommt es mir absurd vor, zwei Stunden lang auf einem Podium darüber zu klagen, wie unpolitisch wir alle sind, wenn ich doch einen Politiker aus den eigenen biografischen Reihen, noch dazu deren Chef, direkt vor mir sitzen habe. Wie kann es sein, dass er weder mich noch einen meiner Freunde mit seinem Engagement angesteckt hat?

Christopher legt sein Telefon weg. »Wir haben es geschafft, eine gemeinsam empfundene politische Unzufriedenheit zu bündeln und uns dafür wählen zu lassen«, hat er eben einer Frau aus dem Publikum auf die Frage geantwortet, was die Piratenpartei denn bislang eigentlich Großartiges geleistet habe. Auch mir hatte diese Leistung kurzzeitig imponiert. Aber sie allein ist noch kein Plan. Spätestens jetzt, da die Piraten gezeigt haben, dass sie in der Lage sind, Wählerstimmen an sich zu binden – sollten sie da nicht endlich eine ernst zu nehmende Partei werden?

»Ihr braucht ein Manifest«, sage ich. Ein Programm, Inhalte für die Fragen, mit denen wir, die Jungen, uns so schwer tun, weil sie so schnell pathetisch klingen: Wie wollen wir leben? Was heißt Gesellschaft, was Gerechtigkeit? Welche Werte sind uns wichtig? Wenn über den Grünen Umwelt steht, über der SPD sozial, über der CDU Tradition, über der Linken links und über der FDP liberal, was wäre dann die Headline der Piraten? WLAN? Transparenz? Ratlose aller Länder, verkabelt euch?

Christopher ist ein professioneller Zuhörer. Obwohl er nun wieder auf sein iPhone hinunterschaut, nickt er. »Ja. Ja«, sagt er, es ist ein Stakkato, das glaubhaft signalisiert, dass er wirklich zuhört. Es ist die Welt des Multitaskings, in der ich auch lebe. »Ihr wisst doch besser als alle anderen Parteien, wie man mit uns spricht!«, rede ich weiter auf ihn ein. »Ihr seid doch die Einzigen, die checken, wie man auf Facebook kommuniziert. Warum schreibt ihr dann nicht ein Manifest, zehn Punkte wenigstens, irgendetwas, das die Leute liken können?«, werfe ich ihm vor.

Ein junger Mann tritt vor uns auf den Rasen. Schüchtern steht er vor uns. »Ich bin auch Pirat«, sagt er, es klingt süddeutsch. Er wolle sich nicht einmischen, aber er frage sich halt auch, wie man sich besser organisieren könne. Die Kommunikation auf den Mailinglisten und Stadtteilsitzungen der Piraten sei noch viel zu chaotisch. »Ja. Ja«, sagt Christopher. Er scheint um all diese Probleme zu wissen. Wir gehen nach drinnen und stoßen an. Es ist heiß im Raum. Draußen regnet es in Strömen.

Plötzlich erscheint mir die Lage dramatisch. Da stehen wir, die junge Generation, der eine, der voller Tatendrang ist und keine Antwort auf die Frage bekommt, wofür er ihn nutzen soll, und ich, die Sehnsucht nach einer politischen Idee hat und ebenfalls keine Antwort bekommt. Weil Christopher, einer der wenigen in unserer Generation, die es geschafft haben, sich politisch zu betätigen, sich offensichtlich nicht zuständig dafür fühlt.

»Warum schreibst du nicht das Manifest?«, fragt er mich. Ungläubig schüttele ich den Kopf. Die Stimmung zwischen uns ändert sich. Christophers Do-it-yourself-Einstellung macht mich auf einmal aggressiv. »Aber du bist doch der Politiker!«, entgegne ich, es klingt heftiger, als ich gewollt hatte. Der süddeutsche Berliner sieht erschrocken aus. Entnervt von meiner Antwort schaut Christopher an die Decke. »Das ist diese typische Einstellung«, regt er sich auf. »Die Piraten machen das schon. Hauptsache, man selber muss nichts tun.« Empört kippe ich mein Bier hinunter. Warum sollte ich etwas tun, bevor ich überhaupt weiß, wofür?

»Alles, was ich dir versprechen kann, Nina«, sagt Christopher überhöflich, er hebt die Hand, die nicht die Flasche hält, »ist, dass, wenn du gute Ideen hast, ich dir Kontakte geben werde. Ich sorge dafür, dass das, was du schreibst, Widerhall findet…« – »Ich will deine Kontakte aber nicht!«, explodiere ich. »Ich will eine Partei und kein besseres Facebook!« – »Soll ich dir jetzt auch noch einen roten Teppich ausrollen, oder was?«, brüllt Christopher durch die Musik des DJs, der die Anlage aufdreht.

»Du sollst mir mal ein Angebot machen!«, brülle ich zurück. »Sag mir doch erst mal, warum und wofür ich dich wählen sollte, warum ich dir vertrauen sollte, sonst schreib ich dir gar nichts!« Resigniert schüttelt Christopher den Kopf. Entgeistert blicken wir einander an.

Stehen sich also hier am Ende doch zwei Menschen aus ganz unterschiedlichen Welten gegenüber? Repräsentiert Christopher einen ganz neuen Typus Politiker, jemand, der keine Idee mehr haben muss, keinen Inhalt, nur eine Methode, eine Sammelstelle für Einzelfragen bietet, in die sich jeder je nach Kompetenz einbringen soll? Aber wäre eine »Politik«, die es ablehnt, Kampagnen und Programme für die Wähler zu ersinnen, nicht einfach nur eines: unpolitisch?

Der Regen hat aufgehört. Für unser letztes Bier gehen wir zurück in den Garten. Der Ortswechsel beendet den Streit, Christopher gibt mir seine Karte. Während wir auf unser gemeinsames Taxi warten, sprechen wir nicht mehr über Politik. Kurz lächeln wir uns an. Dann schauen wir wieder hinunter auf unsere iPhones. Ich schreibe meiner Freundin, dass ich jetzt endlich komme. Christopher wählt eine Nummer und wartet auf das Freizeichen. Wir sind fast gleich alt. Wir sind uns nicht unsympathisch. Die Welt, aus der wir kommen, scheint nun doch wieder eine ähnliche zu sein. Aber das allein reicht offenbar nicht, um gemeinsam politisch zu werden. Es reicht dazu, sich gegenseitig den Spiegel vorzuhalten. Und zusammen darauf zu warten, dass irgendwer einmal ein Manifest schreibt.

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