Nina Pauer | Autorin

Juli 20, 2012

KNALLHARTE ZWEISAMKEIT

Filed under: 2012 — N.P. @ 5:01 pm

Warum ereifert sich nur jeder über den Softporno „Shades of Grey“? Warum kaufen Millionen ein todlangweiliges Sado-Maso-Buch? Weil der Sex wieder eine Utopie geworden ist.

ZEIT Feuilleton, 12. Juli 2012

Harry Potter und der Da Vinci Code? Längst abgehängt! Kein Buch wurde in den ersten Wochen öfter verkauft als dieses. Fünfzehn Millionen Exemplare waren es nach nur eineinhalb Monaten allein in Nordamerika. Die Filmrechte sind schon verkauft, für fünf Millionen Dollar. In 37 Sprachen wird sie übersetzt: die Softporno-Trilogie Shades of Grey, die in den USA nur noch »das Buch« genannt wird. Der Bestseller aller Bestseller, die neue Anti-Blümchensex-Bibel mit der rosa Orchideenblüte auf dem Cover. Nun kommt sie also auch über Deutschland und setzt hier ihren Erfolg fort. Alle reden darüber, von der Bild bis zu den Feuilletons. Muss dieser Triumph als Enthüllung gelesen werden? Outet sich hier, in der Masse begeisterter Leserinnen, eine Armee moderner Schmerzensfrauen? Frauen also, die, zumindest in der Theorie, also beim Lesen, den Lustgewinn durch die masochistische Unterwerfung unter den Mann suchen? Und wenn ja, ist dies nun als Rückschritt, Fortschritt oder schlichte Privatsache zu sehen?

Dass der Hype nichts, aber auch gar nichts mit Literatur zu tun hat, dürfte spätestens mit der nun erschienenen Übersetzung des ersten Bandes Geheimes Verlangen (Goldmann, 608 S., 12,99 €) bewiesen sein (die eigentliche sadomasochistische Erfahrung, dies sei nur am Rande bemerkt, besteht sonst in der qualvollen Lektüre von geschlagenen sechshundert schlecht geschriebenen, über lange Strecken todlangweiligen Seiten). Wir haben es mit einem andersartigen Phänomen zu tun.

Anders als viele ihrer historischen Vorgänger von Sacher-Masochs Venus im Pelz bis zu Pauline Réages Geschichte der O. beschreibt E. L. James nie eine wechselseitige Dominanzausübung. Bei der britischen Autorin, die, bevor sie von ihren Fans zur Sex-Prophetin geadelt wurde, ausschließlich Fangeschichten zur Vampirsaga Twilight online publizierte, bleibt es bei einem klaren Schema. Im Gegensatz zu Marquis de Sades 120 Tagen von Sodom kennt diese arztromanartige Story zwischen der 21-jährigen Literaturstudentin »Ana«, Anastasia Steele, und dem düster-unnahbaren Multimillionär Christian Grey (»Christian ist reich, reich wie Bill Gates«) kein Hin und Her der Rollen. Es ist ausschließlich Ana, die Reine, Naive, die sich ihrem pedantischen Herrscher unterordnet und seine Bestrafungen dafür, dass sie wieder einmal so sinnlich an ihrer Lippe gekaut hat, erwartet.

In einem unerträglich mädchenhaften Tagebuchstil à la Bridget Jones dokumentiert die Protagonistin fortan in ewiger Selbstbeobachtung ihre Gefühlswallungen für den angebeteten »Adonis«, ihren »Mr. Grey«, den »schwarzen Ritter«, der sie in ominöser Düsterkeit sogar noch vor seiner eigenen Gefährlichkeit gewarnt hatte (»Lass die Hände von mir, ich bin nichts für dich«). Doch es ist viel zu spät, um Ana, die noch nie einen Freund hatte, noch nie Händchen mit jemandem gehalten oder jemanden geküsst hat, vor sich selbst zu retten.

Die Obsession der beiden nimmt ihren Lauf. Grey (»Ich schlafe nicht mit jemandem. Ich ficke… hart«) legt Ana einen akribischen Vertrag vor (»Wir haben noch eine Menge Papierkram vor uns«), in dem ihre Intimbeziehung von erlaubtem Sexspielzeug über eine strikte Kleiderordnung bis hin zu den Reisekosten (er übernimmt sie) bürokratisch geregelt wird. Die perplexe, laufend zwischen angeturnter Euphorie und ängstlichem Zweifel oszillierende Ana (»Mein Unterbewusstsein fächert sich hektisch Luft zu, während meine innere Göttin in einem lustvollen Rhythmus vor Erregung zu zucken beginnt«) wird in das »Spielzimmer«, eine biedere Lustgrotte mit Reitgerten und Peitschen, gelockt. Und Grey, der im Alter von fünfzehn Jahren einer Freundin seiner Mutter selbst als Sexsklave diente und aufgrund seiner »abgefuckten« Kindheit nur lieben kann, wenn er dominiert, überredet sie zum Ausprobieren. Während er ihr noch hilft, das sadomasochistische Fachvokabular seines Vertrages zu googeln (»Man fängt immer bei Wikipedia an«), kauft er bereits Kondome und reibt seine Untergebene, nachdem sich diese schon beim allerersten Geschlagenwerden durch ihren »Sir« einem Orgasmus nach dem anderen hingegeben hat, fürsorglich mit Babyöl ein, damit sie auch am nächsten Tag wieder »fit« für ihn und seine dunkle Welt ist. Die naive Jungfrau und der böse Schläger, es ist das uralte Motiv.

Und trotzdem kann die Annahme, dass es sich bei dem Erfolg von E. L. James’ Wiederauflage weiblicher Unterwerfungsfantasien um Retrosex und damit um einen gefährlichen Rückfall in den Präfeminismus handelt, bei der Analyse dieses neuen SM-Erfolges getrost übersprungen werden.

Denn Sex ist nun einmal Sex. Und kein Raum der Geschlechterpolitik. Im Gegenteil: Es ist ein Raum des freiwilligen und freien Spiels mit den Rollen. Und dass die Fantasien von formaler Unterwerfung bei gleichzeitigem Lustgewinn gerade zu historisch paradoxen Zeitpunkten Konjunktur erfahren, ist ebenso wenig empörenswert wie neu. Luis Buñuels Kultfilm Belle de Jour, in dem die bürgerliche Séverine (Catherine Deneuve) sich nach Fesselspielen sehnt und deshalb ein Doppelleben im Freudenhaus beginnt, in dem sie dominiert und benutzt wird, bevor sie abends wieder zu ihrem braven Ehemann ins Bett kriecht, feierte 1967 parallel zur Frauenbewegung seinen größten Erfolg. Dass sich heute, in einer Zeit, in der Frauen Männer in Ausbildung und Arbeitspensum abhängen und Familien ernähren, der Topos des ausgepeitschten Managers um den der ausgepeitschten Managerin erweitert, ist nur plausibel.

Doch erklärt das schon das ganze Faszinosum? Taugt Shades of Grey wenn schon nicht durch seine extreme Rollenzuschreibung zum Tabubruch, dann wenigstens wegen seiner Schilderung von Sex zu einem Skandal? Anders als Catherine Deneuve pafft Anastasia Steele nicht in lasziver Beiläufigkeit eine Zigarette. Stattdessen wachst sie sich anständig die Achselhaare. Sie steigt nicht mutig hinab in eine abseitige Bordell-Welt, sondern wie verzaubert hinauf, in die Penthousewohnung, das Segelflugzeug, den Helikopter. Es ist keine Horde lüsterner gewaltbereiter Männer, die sie dort oben trifft, sondern immer nur ihr fürsorglicher Angebeteter, der sie schick ausführen will. Und das tut er nur, wenn Ana einwilligt, jeden Tag genug und gesund zu essen, viermal pro Woche Sport zu machen und mindestens acht Stunden zu schlafen. An keiner einzigen Stelle kommt SM bei E. L. James in seiner schmutzigen Form daher. De Sadesche Orgien mit Urin, Kot und Nekrophilie sind bei ihr undenkbar, und anders als in der Geschichte der O. endet die Quälerei, lange bevor Blut fließt oder Brandnarben entstehen könnten.

In Shades of Grey spiegelt sich der Zeitgeist vielmehr in einer sauberen, nach Seife riechenden Gegenutopie mit yogisch-ayurvedischen Wellness-Werten, die Christian Grey mit seinen Imperativen »Entspann dich!«, »Vertrau mir!« bis hin zur ewig nervtötenden Frage »Hast du genug gegessen?« verkörpert. Es wird vorbildlich verhütet, immer schön geduscht, und sobald die Zeit im »Spielzimmer« vorbei ist, legt der unnahbare, dominante »Dom« Christian sich ins Bett neben Ana, umarmt sie und wispert fürsorglich »Schlaf gut«.

Ist es also wirklich die Schilderung des Verhauenwerdens, die die Massenwirksamkeit dieses Buches ausmacht? Jein. Denn was in Shades of Grey geboten wird und fasziniert, ist weniger die alleinige Praxis des SM. Es ist vielmehr die exzessive Zweisamkeit, die diese Praxis mit sich bringt.

Im erotischen Spiel mit den Rollen, die in straffen, vorher ausgehandelten Grenzen gemeinsam festgelegt werden, müssen Grey und Ana maximales Vertrauen und die Bereitschaft zur Verletzlichkeit aufbringen, sonst würde es von Anfang an nicht funktionieren. Es ist der Kosmos aus Codes und Regeln, ihr alternatives Zeichensystem zur sonstigen Welt, das hier die völlige Hingabe zweier Menschen zulässt. Zur Entgrenzungserfahrung kommt es nicht trotz, sondern aufgrund der festgelegten Grenzen, zur Kontrolllosigkeit gerade durch die Kontrolle, zur Bedingungslosigkeit durch die Bedingungen.

Was uns als Liebende heute noch zusammenhalten kann, fragt dieses Buch. Und antwortet: Das hier!

Exemplarisch wird im subspace, dem im Sadomasochismus angestrebten Zustand der temporären Grenzenlosigkeit und Auflösung der eigenen Person, nun noch einmal das Ideal der romantischen Zweierkonstellation aufgerollt: Grey und Ana leben in der rauschartigen Sucht des einen nach dem anderen. Ihr Universum ist das einer einzigen Großaufnahme vom Ich und Du, ein Ort, der nur noch aus dem Blick aufs eine, vergötterte Gegenüber besteht und den Rest der Welt – in diesem Falle das ganze reale Amerika – außen vor lässt.

Was E. L. James mit dieser Paargeschichte in der Spielart des SM einmal mehr vorlegt, ist damit nichts als die Utopie von Sex an sich: der Selbstvergessenheit im Körper. Dem Spüren des Moments. Der Pause vom Denken, vom Kontrollieren, Funktionieren, Organisieren, Optimieren. Dem Ende der Verantwortlichkeit fürs Ich. Und dem Aufgehen in einer Zweisamkeit, die so intensiv ist, dass sie die Option der Aufkündbarkeit nicht mehr kennt. Den Traum der verbindlichen Bindung in total deregulierten Zeiten, Ana und Grey leben ihn. Diese beiden – so die ewige Utopie jedes Liebesmärchens – könnten nie im Leben einfach voneinander lassen und weiterziehen. Dafür halten ihr System, ihr »geheimes Verlangen«, ihr erotischer Kosmos, ihr Rollenspiel, ihr Sex sie viel zu fest zusammen.

Dass von dieser Utopie auch im Sommer 2012 gern gelesen wird, stellt am Ende weder eine Überraschung noch ein Politikum oder gar einen Skandal dar. Skandalös ist allein, dass sie dieses Mal in der Form von literarischem Müll vor uns treten musste.

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