Nina Pauer | Autorin

Juli 20, 2012

„BIN ENDLICH DA!“

Filed under: 2012 — N.P. @ 4:56 pm

Warum in aller Welt schreiben Eltern E-Mails aus der Sicht ihrer neugeborenen Kinder?

ZEITmagazin, 9. März 2012

»HALLO, ALLE! ICH BIN DA!!!«, so oder so ähnlich lauten die Betreffzeilen, an Großbuchstaben und Ausrufezeichen wird nicht gespart. Was sich liest wie eine Spam-Werbebotschaft oder die Facebook-Statuszeile eines narzisstisch Gestörten, ist nichts Gerin- geres als die offizielle Verkündung einer gut verlaufenen Geburt. So schrieb zum Beispiel vor einigen Monaten scheinbar eine gewisse Hannah_Sophie_2011@gmx.de: »Heute um Punkt 3:20 Uhr bin ich, Hannah Sophie, auf die Welt gekommen! Mami und ich sind wohlauf. Auch Papa bekommt langsam wieder Farbe. Er grüßt euch natürlich alle ganz lieb, Eure Hannah«.
Heute wird der Perspektiventausch, den früher nur singend Rolf Zuckowski wagte – »Hallo, Mama, hallo, Papa, die Zeit ist um, und ich bin da« –, von den Eltern selbst übernommen. Nicht nur werden schon Wochen vor der Geburt bei Facebook schwangere Bäuche von allen Seiten gezeigt, Ultraschallbilder hochgeladen (»ganz die Mutter, oder?«) und Programme wie »My baby’s progress« installiert, das automatisch postet, welche Wachstumsstadien der Embryo soeben durchlaufen hat. Anstelle der einige Tage nach der Geburt geschriebenen Karte posten Mütter und Väter heute bereits auf der Geburtsstation mit ihren vor Glück und Erschöpfung zitternden Fingern das Bild ihres verschrumpelt in die Welt blinzelnden Neugeborenen – und richten auch gleich schon mal den ersten E-Mail- Account für ihr Kindchen ein. Der Originalität sind keine Grenzen ge- setzt. Beliebt bei den Ghostwriter-Eltern ist die Umzugsmetapher: »Da ich meine alte Wohnung offenbar doch sehr gerne leiden mochte, habe ich meinen Umzug bis zuletzt herausgezögert …« Außenstehenden – also allen, die nicht selber Mami und Papi sind – mag eine solch heitere Bildsprache befremdlich erscheinen. Aber wo Kinder zur Welt kommen, ist es mit der freien Meinungsäußerung vorbei. Eine Baby-Mail zu kritisieren käme dem Tabubruch gleich, ein Neugeborenes als hässlich zu bezeichnen.
Dabei ist die Frage, die sich den Empfängern der Baby-Mails stellt, sehr berechtigt: Warum tun die das? Wieso kann ein gerade Vater gewordener Mensch nicht einfach, überwältigt angesichts des kleinen Wesens in seinen Armen, schweigen? Warum diktiert er den Namen dieses Wunders nicht nur der Krankenschwester ins Formular, sondern tippt ihn dem E-Mail-Anbieter in den Profilfragebogen? Und warum wird, kaum dass die junge Familie aus dem Krankenhaus zurückgekehrt ist und wieder besserer Internetzugang besteht, ein Baby-Blog gestartet, das erst wieder eingestellt wird, wenn der vermeintliche Blogger selber sprechen gelernt hat?
Die Mütter und Väter verweisen gerne auf die praktischen Vorteile ihres offentlich zugänglichen Berichtes – ähnlich wie Weltreisende könnten sie sich in ihrer neuerdings so knapp bemessenen Zeit beliebig vielen Adressaten gleichzeitig mitteilen.
Doch zeugen diese Blogs und diese E-Mails nicht nur vom berechtigten Stolz der Autoren. Sie zeugen auch von der elterlichen Dominanz der kindlichen Existenz. Das Baby wird von seinen Eltern von Anfang an als vollwertiger Mensch wahrgenommen. Und damit auch alle anderen dies tun, präsentieren sie es als solchen. In Form der E- Mail, des Blogs und des täglichen Facebook- Updates versorgen die Eltern ihr Kind bereits mit dem, was der erwachsene Mensch hat: einem Namen, den jeder googeln kann, einer eigenen Sprache und eigenen virtuellen Freunden. Vielleicht versuchen die Eltern mit der lustig daherkommenden Baby-Mail ja nur ernsthaft das zu tun, was gute Eltern tun: ihre Kinder in die Welt einführen. Das frühere Set an lebensvorbereitenden Maßnahmen – ein Sparbuch mit zehn Mark Startgeld, eine Anmeldung im Fußballklub des Herzens oder ein im Garten der Großeltern gepflanzter Obstbaum – wäre dann nur noch Kinderkram gegen die Vorbereitung eines kompletten Online-Ichs, das das Kind sowieso früher oder später und bis in alle Ewigkeit begleiten wird.
Es ist schön, dass die frischgebackenen Eltern sich dabei so viel Mühe geben. Doch vielleicht sollten sie ihren Eifer ein wenig zurückschrauben. Eine Geburt ist schon für sich Wunder genug. Man muss dieses Wunder nicht verdoppeln.

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