Nina Pauer | Autorin

Oktober 14, 2011

DIE UTOPIE IST DA

Filed under: 2011 — N.P. @ 10:44 pm

„Timeline“, das neue Angebot von Facebook, macht es möglich: Das Leben und das Leben im Netz verschmelzen.

ZEIT Feuilleton, 29. September 2011

Als Mark Zuckerberg vor die Öffentlichkeit tritt, wirkt auf den ersten Blick alles wie immer. Wie jedes Jahr steht der Gründer des Sozialen Netzwerkes Facebook vor seiner PowerPoint-Leinwand, um auf der alljährlichen Entwicklerkonferenz F8 die technischen Novitäten seines Unternehmens zu präsentieren. »Ihr werdet euch verändern, euer Leben wird nicht mehr dasselbe sein«, so lautet auch dieses Mal sinngemäß die Verheißung, die man von ihm erwartet. Schließlich war es diese Botschaft, die Zuckerberg noch jedes Mal überbracht hatte, wenn er mit beachtlicher Farblosigkeit und gönnerhaftem Selbstbewusstsein die neuen kommunikativen Räume des Internets vorstellte, die er und seine Firma sich ausgedacht hatten.

Dieses Mal kommt es anders. »Schaut«, so lautet seine veränderte Botschaft im September 2011, »ihr habt euch schon verändert, ich zeige euch nur, was ihr sowieso macht«, Zuckerberg gibt damit die Rolle des Prognostikers auf. Mit »Timeline« tut Facebook dieses Mal nichts anderes, als das in Form zu bringen, was ein großer Teil seiner Mitglieder schon praktiziert: den eigenen Alltag so genau wie möglich virtuell zu dokumentieren, alles abzubilden und zu speichern, was den einzelnen Tag, die Stunde, den Moment ausgemacht hat. Timeline setzt die Idee einer Echtzeitübertragung, einer vollständigen, fortlaufenden Kopie des gelebten Alltags in die virtuelle Sphäre, auf umfassende und leicht zu bedienende Art um. Der Facebook-Chef schafft damit ein nie da gewesenes Lebensarchiv für jede einzelne Person in seinem Netzwerk. Der Prophet wird damit zum Menschen, der Weltveränderer zum schlichten Techniker. Und die Utopie zur Realität: Die Gleichzeitigkeit vom Leben und seinem Abbild im Netz ist möglich.

Timeline soll in den nächsten Wochen und Monaten die bisherige Form des Sozialen Netzwerkes ablösen. Viel näher noch als bisher soll das Virtuelle dadurch an den analogen Menschen rücken. Noch viel näher, das bedeutet: in Direktübertragung. Nicht mehr Minute für Minute und nur dann, wenn der User es will, soll das Leben des Einzelnen künftig übertragen werden. Sondern ständig, laufend, fließend, im Live-Stream. Das Profil, so wie es jetzt ist, muss kaum verändert, es muss nur ergänzt werden, um das eigene Leben auf den Funkmodus zu erweitern. Für viele User wird dies fast von selbst passieren, zunächst indem Facebook alle Daten, die er bislang online gestellt hat, eigenständig ordnet und das ständige Angebot liefert, diese zu ergänzen. Nicht das Eintrittsdatum ins Soziale Netzwerk, sondern die Geburt wird nun zum Startpunkt eines jeden Profils. Die Seite des Mitgliedes wird durch einen Zeitstrahl bestimmt, der alles Bisherige chronologisiert. Jeder kleinste Kommentar, jeder Dialog, jede Statusangabe, jedes Bild, jeder veröffentlichte Link, jeder Schnappschuss, jede virtuelle Regung der letzten Jahre übernimmt das Netzwerk und bereitet diese Vergangenheit sogar so auf, dass das vermeintlich Wichtigste in großen Bildern, als »major life event« exponiert ist. Was der Algorithmus als eher trivial errechnet hat, schiebt er an die Seite, wo es allerdings ebenfalls jederzeit abrufbar und für immer gespeichert ist. Nicht mehr Spuren der Existenz werden hier ins Netz gelassen, sondern der gesamte Verlauf des Lebens.

Wo leere Stellen sind, soll der User seine Timeline jederzeit ergänzen können. Fotos der Kindheit, Dokumente wie Schulzeugnisse oder sonstiges Material zu bedeutenden oder unbedeutenden Erlebnissen können eingefügt werden, um das Leben möglichst vollständig abrufbar zu machen. Der Zeitstrahl wird laufend in die Gegenwart verlängert. Das gelingt mithilfe von Applikationen auf dem Smartphone und diversen Internetdiensten. Der Aufenthaltsort des Mitgliedes wird auf den Punkt genau geortet, halb automatisch, halb in Eigenregie durch Informationen, Bilder, Video- und Tonaufnahmen ergänzt. Wer die passende App hat, muss nicht mehr selber schreiben, ob er sich nach rechts, nach links, geradeaus oder gar nicht bewegt, welche Musik er dabei hört, wann er um welchen See joggen war, wie schnell sein Herz in diesem Moment geschlagen hat, ob es geregnet hat oder die Sonne schien. »Freunde« können außerdem sofort interagieren: sich in das vom virtuellen Bekannten gehörte Lied einklicken, dort mithören, wo der andere es gerade hört, den Film an der Stelle mitsehen, an der der andere eben gerade gelacht hat.

Timeline umgibt zu Recht die Aura der großen technischen Innovationen der Moderne. Einst lösten die Anfänge der Atomkraft und der Gentechnik beim Menschen instinktive Abwehr, atemberaubende Faszination, Fluchtimpuls, aber auch Hoffnung und Fortschrittsdrang aus. Heute entspringt die Lustangst der radikalen Exhibition im Netz, die Timeline befördert. Irgendwer wird es ganz sicher ausprobieren. Einfach weil es geht. Selbst wenn bei den meisten Vernunft oder Angst über die verführerische Anziehungskraft des Neuen überwiegen – diejenigen, die es ausprobieren, werden etwas Irreversibles, einen neuen point of no return für alle schaffen. »Lieber doch nicht« ist dann nicht mehr nur für jene Einzelnen, sondern kollektiv, für alle, keine Option mehr. Weil die Veränderungen, die die Innovation brachte, nichts Geringeres als unsere Vorstellung vom Leben an sich berühren.

Lange schon geht es nicht mehr um die Sorge analoger Eltern darüber, was ihren ewig vor sich hin klickenden Kindern im Netz passieren könnte. Facebook ist kein pubertäres Stadium jüngerer Generationen mehr, sondern eine neue Realitätsstufe. Eine saubere Trennlinie zwischen den Usern und allen, die sich aus Skepsis zurückhalten oder entziehen wollen, wird es nicht mehr geben. Schon jetzt reicht der Arm des Virtuellen weit in den analogen Raum, auch für diejenigen, die nicht registriert oder nur selten online sind. Schon jetzt ist es unwahrscheinlich, nie im Netzwerk aufzutauchen, schließlich reicht dafür der Kontakt zu einem Mitglied, das online alles nachvollziehbar macht, was es tut, das Fotos veröffentlicht, ohne die darauf Abgebildeten zu fragen. Schon jetzt werden Menschen bei Veranstaltungen schlichtweg vergessen, weil sie kein oder ein wenig aktives Profil haben, auf dem man sie einladen könnte.

Wer beim Einstellungsgespräch gut ankam, auf Facebook allerdings ein ganz anderes Gesicht zeigt, kann sich nicht mehr sicher sein, den Job zu bekommen. Wer sich mit einer kleinen oder großen Lüge gegenüber Arbeitgebern, Freunden, Partnern, Eltern oder Bekannten behalf, fliegt schon heute öfter auf. Schon jetzt fällt es schwer, Missverständnisse und Streitereien zu vergessen, wenn nichts davon gelöscht wird oder heilsame Kommunikationspausen nicht mehr möglich sind. Schon jetzt mag das Durchsuchen eines Profils, das sich alles gemerkt hat und alle Interaktionen dokumentiert, eine Liebe töten, bevor sie entsteht. Schon jetzt ist kaum auszumalen, was passieren würde, loggte sich jemand anderes ins eigene Profil ein.

All dieses wird durch Facebooks neue Möglichkeit eines Lebens im Liveticker-Modus zugespitzt. Ein Experiment mit noch offenem Ausgang: Was wird mit unserem Gefühl für den einzelnen Moment? Für die einzelne Biografie? Verliert nicht das an Gewicht, was pausenlos abgefilmt, aufgenommen und kommentiert wird? Nivelliert ständige Beschreibung nicht das Besondere? »Erzähle dein Leben!«, fordert Facebook mit Timeline seine User auf. Doch erzählt man so, durch die simple Aufzählung einer jeden vollzogenen Tätigkeit, sein Leben? Erzählen ist etwas völlig anderes als Chronologisieren. Eine Biografie ist mehr als ein Protokoll. Und der Kern des Sozialen besteht gerade nicht im totalen Erfassenkönnen, sondern in der Kontingenz. Also in dem, was jede Situation an Überraschendem, Unplanbarem, Ungesagtem, Angedeutetem birgt. Welchen Weg wird das Intime, das Geheimnis, das Verplante, das Vergessene finden, wenn die Räume dafür immer kleiner werden?

Total Recall, so hieß die Schreckensvision des österreichischen Juristen und Kommunikationsforschers Viktor Mayer-Schönberger. Die negative Utopie sei die Existenz eines Menschen, der sich an restlos alles erinnert, der all das zu besichtigen vermag, was hinter der soeben verronnenen Sekunde der Gegenwart liegt. Das Nicht-vergessen-Können lähme das Jetzt, es verhindere Entscheidungsmöglichkeiten und die Offenheit für Neues. »Delete!« war sein Imperativ, löschen solle man in der virtuellen Welt, um die so wichtige Balance aus Erinnerung und Vergessen zu halten.

Löschen ist in Facebooks Timeline nicht mehr vorgesehen. Und damit auch kein Vergessen. Darin liegt das anthropologische Neuland, vor dem wir stehen.

Es geht bei der Facebook-Reform um größtmögliche Transparenz. Information wird als Gewinn, maximale Nähe als erstrebenswert gedacht. Zunächst im kleinen, dann aber auch im großen Kreis der Freunde werden durch die neu gewonnene Intimität die Zonen des Unwissens verkleinert. Ein derartiges Beziehungsgeflecht hat letztlich die empfindsame Kleinfamilie zum Vorbild. In ihr sollte der nur schwer zu bändigende Eros mithilfe zarter Nähe gebannt werden – was die Partner in der Regel allerdings nicht daran hinderte, in der Kneipe, im Kaffeehaus, im Großstadtgewimmel der Nestwärme zu entfliehen und die Ehemoral eher großherzig auszulegen. Der Traum der Puritaner wäre es gewesen, ein Mittel zu finden, mit dem sich jeder Schritt und Tritt des Ehemannes und guten Freundes lückenlos protokollieren ließe. Dieser Liebesutopie sind wir sehr nahe gekommen.

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