Nina Pauer | Autorin

Oktober 3, 2011

NICHT VON DIESER WELT

Filed under: 2011 — N.P. @ 11:36 pm

Das grandiose Ergebnis einer Pause: Feist ist zurück und hat mit „Metals“ ein neues Album mitgebracht – eine Begegnung

ZEIT Feuilleton, 22. Oktober 2011

Leslie Feist scheint lieber Wolken zählen als noch einmal ihr neues Album erklären zu wollen. Die 35-jährige Kanadierin blickt müde in den weiten Kreuzberger Herbsthimmel, der sich über der Dachterrasse des abgeranzten Szeneclubs wölbt, in dem die Sängerin seit zwei Tagen pausenlos Journalisten und Fernsehteams empfängt. „Hörbar“, bestenfalls „elastisch“ nennt sie ihre Songs in den endlosen Interviews, die sie besonders gerne im Schneidersitz führt. Vier Jahre lang hat Feist, wie sie sich als Sängerin nennt, pausiert. Die Alben Let It Die, Open Season und The Reminder hatten ihr weltweite Erfolge gebracht, sieben Jahre hatte sie ununterbrochen auf Tour gelebt, ihre gesamte Zeit in Flugzeugen, bei Videodrehs und Presseterminen verbracht, etliche Awards und Grammy-Nominierungen eingesammelt. Ihre Stimme hatte die Apple-Werbung geschmückt, sie war in Talkshows und in der Sesamstraße aufgetreten. Bis sie abtauchte. Sich zurückzog, um wieder das Mädchen mit den Ponyfransen aus irgendeiner kanadischen Kleinstadt zu werden, die wieder in einer alten Garage hinter ihrem Haus in Toronto an einem Song bastelt.

Der Blick kommt aus den Wolken zurück. Wie die Stille war? „Wunderbar“, Leslie Feist strahlt. „Guck mal, die zwei da!“, sie winkt den Bauarbeitern auf dem gegenüberliegenden Gebäude zu. Feist ist noch nicht wieder richtig angekommen in der Welt hier draußen, die sie daran erinnert, dass sie eigentlich ein Superstar ist. Dass ihre Musik die Garage längst verlassen hat, um erneut die Charts aller Länder zu stürmen und sie mit der hohen Erwartung konfrontiert, dass Metals eine der größten Platten des Herbstes werden würde.

Sie ist es geworden. Metals spannt den Bogen weiter als die bisherigen Feist-Alben. Wie eine riesige Diashow von Panoramabildern ziehen die Klangfarben von Leslie Feists einzigartiger Stimme vorbei, entwerfen und füllen weite Landschaftsaufnahmen. Nicht in das Du und das Ich fließt die emotionale Wucht von Feists großer Stimme in ihren zwölf neuen Stücken. Dieses Mal besingt sie den Himmel, das Meer, den Ausblick vom hohen Berg aus. I Caught A Long Wind, berichtet sie in ihrem stärksten neuen Song und erzählt in Bittersweet Melodies die Geschichte dieses Windes weiter, der im Gras flüstert, sich aufbäumt, wirbelt, stürmt, und später die Bäume im „slow dance“ wiegt, aus denen der Gesang eines Vogels ertönt. Von süßem Mädchencharme hat diese neue Naturbeschreibung allerdings nichts. Dafür ist sie viel zu ernst. Denn die Wetterzustände sind Weltzustände, vom seichten Wind geht es ins große Gewitter, Feist meint den Menschen. „Für jeden mentalen Zustand findet man in der Natur ein Abbild“, sagt sie.

Kanada, das Heimatland, in dem nicht die Städte, sondern der weite „unerzählte“ Raum zwischen ihnen zählt, hat auf diese Songs abgefärbt. Genau wie das Studio in Big Sur in Kalifornien, hoch auf den Klippen über dem Pazifik, in dem sie mit ihrer Band die Songs im Februar innerhalb von zwei Wochen aufgenommen hat. Schonungslos scheint Feist dort oben alles mitgenommen zu haben, was der Himmel ihr geschickt hat. Metals klingt, als wäre sie, das schmale Persönchen, nie zurückgewichen, als habe sie sich allem ausgesetzt, bis zum Äußersten: den Stürmen, dem störrischsten Wehen, den Strahlen der aufgehenden und untergehenden Sonne, dem frischen Regen, der behutsamen blauen Stunde. Monumentaler sind deshalb ihre neuen Stücke, weniger verspielt als auf dem letzten Album, das Feist und ihre Bandkollegen Gonzales und Mocky 2007 in einer alten Landhaus-WG außerhalb von Paris im Pyjama aufnahmen. Das Klimpernde ihres Welthits 1234, das Triumphierende, mit der sie der Welt I Feel It All! zurief sind einer tieferen, belastbareren Melodik gewichen. Geblieben ist das Typische, das Intime, das Pure, das ihre Stimme ausstrahlt, wenn sie sich auf den Vokalen ausruht, zwischen selbstbewusster Stärke und plötzlicher Verletzlichkeit changiert. Geblieben ist der eine, spezielle Sound, der ohne künstliche popmusikalische Effekte arbeitet, der lieber nur mit der Gitarre und dem Klavier geht und genau damit ihre Fans weltweit in stille Euphorie ersetzt.

Massentauglichkeit muss nicht laut und hässlich sein, Pop nicht platt, lehrt Feist mit Metals einmal mehr. Ihre Ästhetik ist filigran, sie schmeckt nicht wie ein Becher Cola, sondern wie ein stiller grüner Tee, zu ihr wippt man nicht wie in einer Großraumdisco, sondern wie in einem stylishen kleinen Club, sie wirkt nicht wie ein schriller Blockbuster, sondern wie das melancholische Vibrieren nach Sofia Coppolas Lost in Translation. Ihre Kunst schmeckt nicht wie Cola, sondern wie ein stiller grüner Tee Und wenn Feist auf den iPods ihrer Hörerschaft, der stilbewussten kosmopolitischen Boheme aus gestressten Jungmenschen zwischen Berlin, Toronto, Tel Aviv, Tokyo und New York, erklingt, dann nicht, wie es von außen so oft scheint, um die Welt auszuschließen, sondern um sie wiederzufinden.

Für ihre Fangemeinde ist Leslie Feist durch ebensolche Anachronismen zur Stellvertreterin geworden. Eine, die tut, wonach sie sich sehnt. Eine, die offline geht, in die Stille, weit weg von den Geräten, weg vom Lärm. Die dort draußen ausharrt, geduldig, schutzlos. Die beobachtet, sammelt, formt. Und die am Ende etwas Kostbares zurückbringt. Metals ist genau das: ein wertvolles Mitbringsel. Das Ergebnis einer Pause. „Mein Geist ist für mich heiliger Boden“, hat Leslie Feist einmal verkündet. Das besessen Rezipierende, auf die Sinne Einprasselnde, Konsumierende, das Schnelllebige, Haschende, Abrufende, Einspeisende hasst sie. Einen Fernseher besitzt sie bis heute nicht, Soziale Netzwerke verachtet sie. „Seit einigen Wochen schreibe ich nur noch Briefe“, gibt Feist unter dem Himmel von Berlin bekannt. Dass das Postamt bei ihr um die Ecke schließen musste, weil kaum noch jemand irgendetwas analog verschickt, konnte sie schlicht nicht ertragen. Spätestens mit diesem Album liefert Feist die Antithese zum Multitasking: Wer ihre Stimme hört, will alle anderen Tätigkeiten liegen lassen und nur noch hören.

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