Nina Pauer | Autorin

Juli 22, 2011

OHNE RÜCKSICHT AUF CHAGALL

Filed under: 2011 — N.P. @ 12:09 pm

Was mache ich hier? 

ZEIT Feuilleton, 30. Juni 2011

Imi Knoebel wendet sich ab. Der Düsseldorfer Maître, dessen Werk soeben unter allgemein andächtigem Schweigen enthüllt wurde, fährt sich durch die silbrig schillernde Pomadenfrisur und schaut in die Höhe. Während am Rednerpult salbungsvoll die Liste der Gäste verlesen wird, schauen die goldumrahmten Künstleraugen abwesend gebannt nach links, nach rechts und wieder nach links. Knoebels Blick versinkt in seinen eigenhändig erschaffenen farbigen Funkenmeeren, den sechs Kirchenfenstern, die von heute an nach dreijähriger Arbeit in der Apsis der großen Kathedrale von Reims in die Ewigkeit sprühen.

Hundertachtundzwanzig Quadratmeter Kirchenfensterglas hat Knoebel, Beuys-Schüler, Minimal-Art-Vertreter, Abstraktionskünstler und vor allem: Deutscher, in Auftragsarbeit für die Kathedrale von Reims zusammengesetzt. Ein großes Symbol in der Stadt, die im Ersten Weltkrieg von den Deutschen nahezu komplett zerbombt wurde. Eine historische Geste in der Kathedrale der Notre Dame de Reims, jenem geschichtsträchtigen Ort, an dem seit dem Mittelalter Frankreichs Könige gekrönt und die deutsch-französische Versöhnung durch Adenauer und de Gaulle besiegelt wurde.

»Mon Excellence«, kündigt die Bürgermeisterin andächtig den nächsten Redner an. Mächtig, mehrfach mikrofonverstärkt hallt das Wort durch den Chorbereich bis nach draußen, an den Eingang der gotischen Krönungskirche, zu den berühmten lächelnden Engelsstatuen und den Touristen, die sich vor deren amüsiert gekräuselten Kalksteinlippen fotografieren lassen. Die einsetzende Orgel übertönt die Stimme der pausbäckigen Übersetzerin, die erklären will, wer jetzt die Bühne betritt. Einen Moment lang darf das Publikum auf den Holzstühlchen im Chorbereich also grübeln. Die Exzellenz? Der Künstler, Gott, Frankreich? Eine verirrte Taube fliegt ihre Runden durch das alte Gemäuer. Imi Knoebel setzt die Goldbrille ab, testet den verschleierten Blick auf sein Werk. Die Kameras filmen die Exzellenz, den Erzbischof, der hinter das Mikro tritt.

»Nun ist aber per definitionem in einer Kathedrale nichts mehr weltlich«, spricht der Geistliche entschieden. »Alles strebt nach dem Göttlichen«, erklärt er die metaphysische Botschaft Knoebels, der davon nichts wissen will.

Nüchtern, mitleidig schüttelt der Künstler auf die Frage, ob es ihm angesichts der hypnotischen Farbkraft seiner Fenster nicht wenigstens möglich ist, auch nur einen leichten Hauch Transzendenz, wenigstens einen klitzekleinen Anflug von Glauben verspüren zu können, den Kopf. Wieso sollte ich? Mehr sagt Knoebel nicht, er redet nie, des Künstlers Werk, es soll für sich sprechen. Für den Atheisten Knoebel ist die Kirche ein Ort unter vielen. Die Kathedrale von Reims nichts als ein Ausstellungsraum, eine alternative Galerie, einerlei, was sie anderen bedeutet.

Bunte Fenster hatten die Franzosen nun mal gewollt, erst fragten sie Gerhard Richter, doch der mochte nicht, und deshalb hat am Ende eben er, Imi, den Job gemacht. Rücksicht auf Chagall hat er dabei nicht genommen. Die drei Fenster des Franzosen, die seit 1974 die Kathedrale schmücken, werden durch Knoebels explosives Scherbenkonzert weniger umrahmt als dominant überstrahlt. Dank der neuen Technik der von einer Seite gesandstrahlten, mundgeblasenen Fensterstücke leuchtet seine abstrakte Komposition aus unterschiedlich starken Primärfarben schon bei minimalem Lichteinfall intensiv, in jedem Fall immer stärker als die seines Nachbarn mit den tiefblauen, melancholisch-verträumten Jesusfiguren. Knoebel gewinnt mit Blau, Rot, Weiß und Gelb bei den Betrachtern, die sich jetzt nur noch entscheiden müssen, was sie da eigentlich bestaunen: Weltliches oder Sakrales?

Champagner trinken sie danach alle. »Bezaubernd, Imi!«, loben die angereisten Düsseldorfer sich und ihren schweigenden Meister in einen Rausch. »Extraordinaire!«, beglückwünschen sich die beschlipsten deutsch-französischen Kulturverwalter gegenseitig zur bunten Wiederauflage der Versöhnung. Die Exzellenz, der Erzbischof, nickt höflich und referiert die Lichtwerdung und den schönen Traum von der Einheit des Lichtes und des Glaubens. »Wenn ihr nicht wiederkommt, und alles kaputt bombt, werden sich die Fenster lange halten«, gluckst ein französischer Galerist und prostet in die Runde. Die Gesandten der Partnerstädte von Reims stecken sich Visitenkarten zu. »Everything should be done whilst being drunk on champagne!«, ruft ein britischer Jungjournalist euphorisch in der Sonne vor dem Gotteshaus.

Über ihm schmunzeln, still und weise, die Engel. Achthundert Jahre Menschleinspektakel haben sie gelassen gemacht. »Das Genie des Kirchenfensters«, stand vor Beginn der Zeremonie auf den großen Tüchern, die Knoebels Fenster in ihrer Kathedrale kaschierten, »endet, wenn das Lächeln beginnt.«

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