Nina Pauer | Autorin

Mai 2, 2011

IM REICH DER LORDS UND LADIES

Filed under: 2011 — N.P. @ 12:43 pm

In welche Kreise heiratet Kate Middleton eigentlich ein? Unserer Autorin ist es gelungen, in die Clubs des Londoner Adels eingelassen zu werden.

ZEITmagazin, 28. April 2011

Das Café Peggy Porschen ist ein kleiner pastellfarbener Palast mitten in London. In einer Vitrine stehen wohlgeordnete Cupcakes neben kunstvoll verzierten Torten. Ringsum, in den Straßen des Stadtteils Belgravia, ist vom Lärm der Stadt nichts zu hören, als wäre diese Gegend von einer Mauer aus Watte umgeben. Still, glänzend stehen die Häuser da, als wären sie gerade von einer Putzkolonne geschrubbt, poliert und bis in die kleinste Ecke mit einem Pinsel entstaubt worden. »Trage Turnschuhe«, simst Victoria als Erkennungszeichen, sie sei in einer Sekunde da. Für meine Suche nach der Londoner Upperclass, diesem mythischen, seit Jahrhunderten weit über der Gesellschaft schwebenden Kokon der Privilegierten, schien die 28-Jährige auf Anhieb der unwahrscheinlichste Glückstreffer zu sein. »Klar, kein Problem«, antwortete die Enkelin zweier Lords, die Tochter eines ehemaligen Staatssekretärs, das Patenkind von Johannes Prinz von Thurn und Taxis, die Schwester eines alten Schulfreundes von Prince William sofort in lässigem Kurzmitteilungsenglisch auf meine übervorsichtige, durch leo.org und alte Englischlehrer mehrfach korrigierte, gestelzte Anfrage. Gerne würde sie mir London zeigen, danach könnten wir ja noch auf eine Cocktailparty gehen. Looking forward, stand unter ihren vom Blackberry gesendeten Nachrichten.

Victoria begrüßt mich mit Küsschen-Küsschen. Sie trägt einen hellblauen, ausgeblichenen Schlabberpulli, Jogginghose und silberne Turnschuhe, ihre Haare sind zu einem strähnigen Pferdeschwanz zusammengebunden. Sie ist ungeschminkt, wir lächeln uns an. Die Cupcakes sehen gut aus, oder? Sie nickt. »Wir können uns ja einen teilen, woher kennst du Lizzy, seid ihr befreundet?«, geht ihre Antwort nahtlos in die Frage über. Lizzy, Elisabeth von Thurn und Taxis, und ich haben eine gemeinsame Bekannte von der Arbeit, antworte ich. Ein Stirnrunzeln.

»Ach, ihr kennt euch gar nicht?« Mit den Fingern dreht Victoria ihr Blackberry auf dem rosa Tisch im Kreis, als würde sie angestrengt über etwas nachdenken. Dann beginnt sie unvermittelt, rasend schnell Adressen von Edelboutiquen, Juwelieren und Hutläden herunterzurattern, in denen sich die höfische Gesellschaft Londons mit dem Nötigsten ausstattet. Die Liste der modernen Upperclass-Insignien wird endlos.

Was hältst du eigentlich von der Hochzeit?, frage ich sie.

Der Nummernfluss hält kurz an. Victoria lächelt höflich. »Oh, die Hochzeit? Ein nettes Paar.« Dann klickt sie sich weiter durch ihr Telefonverzeichnis.

Ich frage sie, ob sie eingeladen ist.

»Nur mein Bruder.« Sie blickt nicht auf.

Aber du kennst William?

Ein unmerkliches Nicken hinunter auf ihren Handybildschirm.

Und, wie ist er so?

»Oh, William?«, beiläufig schaut sie auf, als eine Frau mit zwei Pudeln das Café betritt. »Er ist nett.«

Findet sie es seltsam, dass Kate keine Adelige ist?

Heftig schüttelt sie den Kopf. »Nein, wieso?«, fragt sie freundlich. »Um die Titel kümmert sich heute doch niemand mehr.« Das Blackberry verschwindet in der Hosentasche. »Sei mir nicht böse, aber ich muss noch furchtbar viel packen. Morgen flieg ich nach Dubai«, erklärt sie entschuldigend, lächelnd winkt sie über den Tisch und ist verschwunden. Ohne Küsschen-Küsschen. Und ohne sich einen Cupcake mit mir geteilt zu haben.

»Wissen Sie, die englische Oberschicht hat ein ganz subtiles System aus Codes«, erklärt, mit französischem Akzent, der Verkäufer in der Boutique nebenan. Die bietet edelsten Haustierbedarf an. »Bitte nehmen Sie es nicht persönlich, aber: Sie können da wirklich nur verlieren.« Er knetet eine Artischocke aus Plastik. »Ist Eukalyptus-Duftstoff dran«, sagt er lächelnd, »für den Atem des Hundes.«

Seine weiteren Ausführungen – die Eigenheiten der Upperclass treiben ihn offenbar ebenfalls um – bestätigen meine ersten Vermutungen: Der kommunikative Auffahrunfall, dieses Gefühl, als würde man an einer kühlen Porzellanfläche aus Höflichkeit abrutschen, ist im Kontakt mit der englischen Upperclass nicht die Ausnahme, sondern Teil eines Systems. Das effiziente Aussortieren von Gesprächspartnern ist nichts als der natürliche Schutzmechanismus dieser schreckhaftesten aller Spezies. Mimosenartig zieht sie sich zurück, wenn jemand ihr zu nahe kommt.

»Understatement, kein Bling-Bling, das ist der wichtigste Code«, sagt der Verkäufer und deutet abschätzig auf ein Buchcover: Es zeigt das Porträt eines Mopses, der an einem reich gedeckten Tisch sitzt und eine Perlenkette um den dicken Hals trägt. »So was kaufen nur die Russen. Bei Harrods«, sagt er angewidert. Er greift nach einer filigranen Glasflasche. Die wirkliche englische Oberschicht kaufe nur Naturstoffe, teure Marken mit klitzekleinem Label, aber ganz bestimmt keine Perlenketten für ihre Hunde. »Derselbe Code wie bei den Chelsea tractors«, er deutet nach draußen auf einen Geländewagen, in den gerade ein älterer Herr in Barbourjacke und senfgelber Cordhose einsteigt. »Ein Bentley signalisiert nur Geld, ein SUV dagegen steht für ein altes Familienhaus auf dem Land. Voilà.« Er besprüht einen kleinen Pappstreifen mit Hundeparfum. »Lavendel-Eukalyptus. Aus dem Süden Frankreichs. Die dog nannies, die hier die Hunde ausführen, lieben diesen Duft!«

Lady Celestria Noel, die ich vor meiner ersten Begegnung mit einem Lord ratsuchend anrufe, kichert in ihr Telefon. »Einen Knicks? Sie treffen doch nicht die Queen!«, ruft die Aristokratin, die in die Welt der Etikette, der endlosen Codes, hineingeboren ist. Sie ist als Autorin von Benimmratgebern darin geübt, die feinen Regeln der Upperclass für das Fußvolk zu übersetzen. »Natürlich kann ich jetzt anfangen, Ihnen die Fauxpas aufzuzählen – sagen Sie nie toilet, immer loo, nie couch, immersofa. Seien Sie nie zu höflich, sagen Sie nicht ›Sie ist leicht übergewichtig‹, sagen Sie ›Sie ist fett‹.« Sie unterbricht sich selbst: »Aber in diesem Fall: Seien Sie einfach normal. Sprechen Sie ihn nur immer schön mit Lord an. Mit welchem sind Sie denn eigentlich verabredet?« Ich nenne ihr den Namen. Am Telefon herrscht Stille. Stimmt etwas nicht?

»Ach, nein, es ist nichts… Dieser Lord, er ist nur etwas sehr … exzentrisch.« Sie kichert noch lauter und legt auf.

Die 830 Mitglieder, deren Fotos die Internetseite des House of Lords auflistet, scheinen alle schuppenfrei zu sein. »Gehen Sie immer nach dem Aussehen«, hatte mir ein London-Kenner den Lord-Code erklärt, mit dem die aristokratischen Urgesteine zu erkennen seien. »Der ganz Unscheinbare, der, dem die Schuppen aus den schütteren Haaren auf den mottenzerfressenen Cordanzug rieseln, das ist Ihr Mann.« Die honorigsten aller Lords wirkten verlottert, das traditionelle Understatement trieben sie auf die Spitze, indem sie sich im Look des traditionellen Gentlemans gehen ließen. Oder sie seien wirklich verarmt, so genau könne man das nicht erkennen.

Dass einige von den im englischen Oberhaus regierenden Adeligen wahre Lords sind, lässt sich höchstens davon ableiten, dass sie abstrus lange Titel tragen, die phonetisch irgendwo zwischen dem Reich der Hobbits und Evelyn Hamanns Verhaspelungsmarathon liegen.

The Right Honourable Lord Merlin Charles Sainthill Hanbury-Tracy, 7th Baron Sudeley, steht schon lange nicht mehr auf diesen offiziellen Listen, er war nur über etliche Ecken und eine Reihe alter Diplomaten auffindbar. Er musste das House of Lords 1999 verlassen, Tony Blair war schuld. Dessen Reform reduzierte damals die Zahl der Erbadeligen, der hereditary lords,von 708 auf 92. Die Sitze gingen nun an life peers, die nicht qua Geburt, sondern aufgrund besonderer Leistungen von der Queen geadelt worden waren. Nach 39 Amtsjahren musste Lord Sudeley Platz für die neuen Lords machen.

»Hello«, begrüßt er mich mit festem Händedruck, seine buschigen Augenbrauen schnellen kurz in die Höhe, langsam dreht er sich um und schlurft zurück in die Dunkelheit eines endlos langen, vollgestellten Flures. Während andere Londoner draußen auf den Straßen nahe der Oxford Street ihren Lunch in der Mittagssonne einnehmen, ist es in der Wohnung des 72-Jährigen kalt und düster.

»Heißen Sie wirklich Merlin?«, frage ich in das Dunkel hinein, in dem sich langsam eine unglaubliche Landschaft abzeichnet: wie fünf Antiquitätenläden in einen gepresst, Ahnenbilder, Reiterfotos, verstaubte Teppiche, Gemälde riesiger Schlösser, schwere Kerzenständer. »Wie der Zauberer, ja«, lacht Lord Sudeley und biegt in ein Zimmer ab.

Der Lord spricht ein altes, feines Englisch, garniert mit Nuscheln und Stottern, sodass er nur bei großer Konzentration zu verstehen ist. »Langsam! Und deutlich«, ermahnt auch Tatjana, eine Russin um die sechzig, ihren Mann immer wieder mit sanfter Strenge. Lord Sudeley sitzt weit von mir entfernt am Kopf eines langen Tisches, der mit einer dunkelrosa-schnörkeligen Decke bedeckt ist, darauf fleckiges Silberbesteck und kelchartige Gläser. In seinem dunkelbraunen Jackett, unter dem eine mit Goldfäden durchwobene Weste von einer goldenen Kette zusammengehalten wird, strahlt er die ruhige Würde aus, die historischen Reliquien eigen ist.

»Wir zwei arbeiten gemeinsam Lord Sudeleys Familiengeschichte auf«, erzählt Tatjana, trägt Frikadellen auf und lüftet eine silberne Käseglocke, unter der Cracker, blue cheese und Weintrauben drapiert sind. »Stimmt doch, oder, Moolie?«, ruft sie vom anderen Kopf der Tafel zu ihrem Mann hinüber. Hoch konzentriert schenkt der Lord halb stehend, halb sitzend drei große Kelche Müller-Thurgau ein. »Yessatsright«, brummt er bestätigend, sinkt in Zeitlupe in seinen Stuhl zurück und hebt wackelig sein Glas.

Es wird ein langer Nachmittag bei den Sudeleys. Eine Stunde an der Tafel und zweieinhalb weitere in einem Wohnzimmer, das mit einer Händel-Oper beschallt wird. Aus Ölgemälden in meterhohen Goldrahmen blicken dort der sechste und der fünfte Lord Sudeley. Hier erklärt der Lord, der als sein Hobby »Anbetung der Vorfahren« angibt, zusammen mit seiner Gefährtin die Geschichte des seit dem Hochmittelalter bestehenden Adelsgeschlechts der Sudeleys. Abwechselnd schimpfen sie dabei auf Tony Blair, die Demokratie, den modernen Geschichtsunterricht an Schulen und die »Feinde«, welche die Familie des Lords im letzten Jahrhundert so verarmen ließen, dass sie die zwei Schlösser verloren, in denen Lord Sudeley noch als Kind zwischen hundert Bediensteten aufgewachsen war. Die Universität von Wales nutze die Schlösser nun, sagt Tatjana und rollt mit den Augen. Sie schüttelt fassungslos den Kopf. »Diese Familie hat alles verloren, alles.«

Merlin nimmt am Kamin Platz. Schweigend thront er in seinem dunkelgrünen Ledersessel und schaut ins Feuer. An der Stelle, an der Moolies Hand mit der elektrischen Zigarette zwischen den Fingern ruht, ist der Sessel bis auf den Kern abgewetzt. Tatjana tätschelt ihm die wirren Haare. »Komm, Moolinka, zeig unserer jungen Freundin deinen Stammbaum.« Die letzten eineinhalb Stunden verbringen der ächzende Lord und ich auf allen vieren auf den staubigen Teppichen vor dem Kamin und rollen in endlosen Stationen den zwanzig Meter langen, auf eine Art Papyrus gemalten Familienstammbaum aus, zum Vorschein kommen Wappen, Namen, Zeichnungen. »Was war hier los, Moolie, hm?«, fragt Tatjana aufmunternd, als spräche sie mit einem Kind, sie tippt auf das Bild eines Scheiterhaufens. Der Lord schaut kaum hin. »Rosenkriege«, nuschelt er und schmeißt eine Tablette ins Kaminfeuer, die er unter dem Tisch auf dem Teppich gefunden hat. »1455«, sagt er, als wäre es gestern gewesen. Tatjana nickt stolz und zeigt auf die korrekte Jahreszahl. »Es ist ein bisschen märchenhaft«, raunt sie entrückt. »Manchmal sind wir aber auch ganz modern, oder, Moolinka?«, ruft sie ihrem Mann zu. »Dann skypt Lord Sudeley. Er kriegt die Kopfhörer, und ich wähle für ihn. Nicht, Moolinka?«

»Yessatsright«, murmelt Merlin.

»Und manchmal gehen wir auch raus, Moolie, in unseren Club, oder?«

Lord Sudeley reagiert nicht. Er sitzt wieder vorm Kamin. Versonnen hält er Blickkontakt mit seinem Großvater auf dem Ölbild.

Seit Jahrhunderten ist der Club der natürliche Lebensraum der Upperclass in der Stadt. Sein Prinzip folgt dem der alten gentlemen’s clubs:Als zweites Zuhause boten sie dem männlichen Adel exklusive Räume in der Stadt, in denen sie essen, schlafen, diskutieren und Karten spielen konnten, wenn sie über Nacht nicht in ihre Herrenhäuser auf dem Land zurückkehrten. Damals wie heute ist der Club ein Ort, an dem sich die Mitglieder sicher sein können, dass niemand ihren illustren Kreis ungefragt stört. Denn hier ist jedes einzelne Mitglied von ihnen selbst ausgesucht worden.

Eines haben alle Londoner Clubs gemeinsam: Sie sind absolut unscheinbar, an der Tür stehen weder Name noch Hausnummer. Eintritt wird nur dem gewährt, der am Eingang das richtige Codewort sagt. An der Tür des fast 250 Jahre alten Brooks’s Club in der St. James’s Street, zu dem mich Lord Sudely mitgenommen hat, muss als Passwort ein bestimmter Kontaktname genannt werden. Es wird durch ein diskretes Nicken bestätigt: »Sie werden in der Bibliothek erwartet.«

Das Brooks’s ist ein Museum. Durch die strenge Mitgliederauswahl hat es sich über die Jahrhunderte kaum verändert. Frauen sind erst seit Kurzem geduldet, für einige Stunden in der Bibliothek. Die restlichen Bereiche – der Diningroom, die Kartenspielzimmer, die Bar – sind für Damen nach wie vor tabu.

Im gedimmten Licht sitzt das Ehepaar Sudeley vor der Bücherwand. Schwere Vorhänge aus dunkelrotem Samt und dicke rote Teppiche ersticken jedes Geräusch. Vor dem Kamin am anderen Ende der Bibliothek sitzt ein weiteres älteres Ehepaar und trinkt Tomatensaft. Eine knappe Stunde dauert unser Treffen, bei dem Tatjana leise, aber ausgiebig über das Verbot der Fuchsjagd schimpft, nur einmal hält sie inne, um Moolies umgekipptes Weinglas aufzuheben. Junge Menschen sind nicht zu sehen. Institutionen wie diese stehen am Ende der langen Club-Biografie, die Generationen von Adeligen vom Elitekindergarten an bis hierhin durchlaufen haben.

Das Codewort für die jüngere Clubwelt ist viel einfacher als jeder Adelstitel:

»She’s a friend«, ruft Guido, dessen Telefonnummer mir Victoria diktiert hatte, dem Türsteher des Boujis zu. Guido, ein tätowierter Italiener mit Goldkettchen, sitzt in seinem roten Alfa Romeo und gibt dem Besitzer des bekanntesten Londoner Nachtclubs ein Handzeichen, zu mir sagt er grinsend: »Vielleicht ist ja Harry heute da.« Rund um die königliche Hochzeit veranstaltet Guido Partys und ein Public Viewing in einem alten Schloss außerhalb von London. Er verabschiedet sich mit Küsschen-Küsschen, »viel Glück«.

Harry sei leider schon vorgestern da gewesen, erklärt Jake, der Besitzer des Boujis, der Prinz werde wohl erst nächste Woche wiederkommen. Im Gegensatz zu seinem Bruder William feiere Harry hier noch regelmäßig. In Clubs wie dem Boujis trifft sich die junge, partywütige Upperclass. Im Boujis ist es auch einmal erlaubt, pubertär zu protzen: Wer einen Tisch an der Tanzfläche will, muss sich verpflichten, im Laufe des Abends mindestens 3.000 Pfund auszugeben. Wer noch eins draufsetzen möchte, bestellt sich eine Drei-Liter-Flasche Cristal Champagner, sie kostet hier 10.000 Pfund.

Im Morton’s im Stadtteil Mayfair ist derweil die nächste Altersstufe versammelt. Seriöser, diskreter, erwachsener ist dieser kleine Club am Berkeley Square, der die Größe eines Einfamilienhauses und das exklusivste Konzept aller Clubs hat: Wer Mitglied werden will, muss erst von zwei Mitgliedern vorgeschlagen werden und sich dann noch einem dreißigminütigen Bewerbungsgespräch unterziehen. Weder Geld noch ein Adelstitel sind ein Garant für den Eintritt.

»Da hat sich in den letzten Jahren viel verändert«, erklärt Aurelia Bonito, eine zierliche Blondine, die schon lange Mitglied in Clubs wie dem Morton’s ist und dort gelegentlich Modeschauen veranstaltet.

»Sie passen sich an«, sagt Aurelia über die Upperclass-Angehörigen um die dreißig. »Die Kinder der alten Familien müssen sich öffnen, um nicht überholt zu werden.« Diese jüngeren Aristokraten hielten zwar gern die Traditionen aufrecht, draußen auf dem Land, beim Sport und in den Elite-Colleges. Aber in London seien sie auf etwas anderes aus. »Viele haben einen künstlerischen Anspruch«, sagt Aurelia, »sie wollen eine anständige, intelligente, internationale Schicht sein, die nicht mehr fixiert ist auf Titel und Traditionen, sondern stärker auf Arbeit und Netzwerke setzt.« Niemand frage die Mitglieder hier nach den Namen und Titeln ihrer Großväter und Urahnen. Trotzdem werde der Umgang nach wie vor noch nach Benimm, Akzent und einer Art von Bildung selektiert, die man nur in den alten Familien lerne. »Die Hochzeit von William und Kate«, sagt Aurelia, »ist das beste Beispiel für diese Öffnung.« Aurelia isst eine Handvoll Popcorn. Adel und Bildungselite, sagt sie, das sei eine gute Kombination, Adel und Eurotrash hingegen? Ausgeschlossen.

Eurotrash?

»Die Neureichen. Leute, die ihr Geld zur Schau stellen.«

Ich zeige Aurelia eine Postkarte aus dem Stadtteil Belgravia: Eine junge, aufgedonnerte Frau beugt sich über einen Kinderwagen, »Gucci, Gucci, Gucci!« steht in der Sprechblase über ihrer hochgesteckten Frisur.

»Genau das!«, sagt Aurelia lachend und bestellt zwei Gläser Champagner. »Guck mal, wer da ist!«

Entspannt lässt sich einer der berühmtesten Pop-Adeligen der Welt in einen Sessel am verdunkelten Fenster zur Straße fallen. Dieser Mann, der mit seiner Band in den Sechzigern Massenhysterien auslöste, winkt über seinen Martini zu uns herüber. Allein der Sinn für Diskretion in diesem Club verbietet es, seinen Namen zu nennen. Aurelia entschuldigt sich für einen Moment, um ihn zu begrüßen.

Sofort machen mir umsitzende Clubmitglieder unaufdringliche Small-Talk-Angebote. Die erste Visitenkarte reicht mir ein junger Investmentbanker. Seinen Namen unter dem Logo einer großen Bank schmückt ein »von und zu«. Die nächste Visitenkarte ist pink: » Prophet, Madman, Wanderer « steht unter dem titellosen Namen. Der Prophet ist ein euphorisch grinsender Mann in weiß-pinkem Blümchenhemd. Er trägt eine riesige schwarze Hornbrille, stellt sich mir als Designer vor und streicht mir über die Schulter. »Wow! Du riechst aber gut«, ruft er, »was ist das für ein Duft?«

Lavendel-Eukalyptus, aus Südfrankreich, antworte ich und reiche ihm die Hundeparfumprobe. Prophet und Banker nicken anerkennend.

Die dritte Karte gibt mir Aurelia. Auch sie verabschiedet sich mit Küsschen-Küsschen. »Wenn du mal wieder in London bist«, sagt sie, »nenn einfach meinen Namen. Dann wissen sie, dass du dazugehörst.«

Mein Weg zum Ausgang führt vorbei am Pop-Fürsten. Er winkt noch einmal über seinen Martini. »Ich hoffe, du hast dich gut amüsiert«, sagt er zu mir und lächelt, bevor sich die unscheinbare Tür zur Upperclass wieder leise hinter mir schließt.

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