Nina Pauer | Autorin

März 5, 2011

DR. NO!

Filed under: 2011 — N.P. @ 6:26 pm

Ein Appell an alle, die überflüssige Dissertationen schreiben.

ZEITmagazin, 3. März 2011

Die Partyfrage, was man »so macht«, wird, wenn es eine Party der Um-die-30-Jährigen ist, seit einiger Zeit sehr oft mit dem Satz beantwortet: »Ich schreib grad an meiner Diss.« Und fast immer wird der Satz eher so dahingenuschelt, als sei er dem, der ihn sagt, ziemlich unangenehm.

Früher promovierten die besten Absolventen, die klügsten und fleißigsten, und wenn sie es taten, waren sie stolz auf diese Etappe in ihrer akademischen Laufbahn. Heute promovieren viele Absolventen aus Verzweiflung und in Ermangelung besserer Ideen. Man promoviert halt, wenn man intellektuell einigermaßen dazu in der Lage ist und eine gute Note im Studium hatte – und die haben viele. Die Zahl der Doktoranden steigt jedes Jahr um ein paar Hundert, innerhalb von 30 Jahren hat sie sich verdoppelt, auf zuletzt 25.101 verliehene Doktortitel. Wie viele anfangen und wieder abbrechen, das wird erst gar nicht gezählt.

»Ich dachte mir halt irgendwann: Besser als nix«, sagte kürzlich Katrin. Sie ist 29 und wollte nach ihrem Magister nur weg von der Uni, fand aber auf Anhieb nichts, und als ihr Professor auf sie zukam mit der Idee, sie solle promovieren, und ihr ein bisschen Gehalt in Aussicht stellte, konnte sie nicht widerstehen. »Ich dachte mir, ich mach’s jetzt einfach. Schaden kann’s ja nicht.«

Der Titel schadet nicht. Das Promovieren, um den Titel zu bekommen, schon.

Glücklich wird von den halbherzigen Doktoranden kaum einer. Zu promovieren bedeutet, sich ungefähr drei Jahre lang nur mit einem einzigen Thema zu beschäftigen, einem sehr speziellen Thema, für das sich zunächst nur man selbst und der Professor interessieren. Man ist mit dem Thema allein, sehr allein.

Klar, das Ganze kann auch sinnvoll sein. Für den, der sich einen Beruf wünscht, in dem er vor allem forscht und lehrt. Doch für den, der es nur macht, weil ihm nichts Besseres einfällt, weil sich sonst nichts anbietet oder weil er glaubt, so die bessere Karriere zu machen, sind die drei Jahre verlorene Jahre.

Und wer die Dissertation als Grauzone zwischen Abschluss und Anfang nutzt, verschleudert nicht nur Zeit, sondern auch Selbstvertrauen. Das Festhalten an der vermeintlichen Sicherheit einer formalen Einrahmung des Lebens wirkt über die Jahre eindeutig kontraproduktiv.

»Eigentlich bin ich jetzt genauso schlau wie vor vier Jahren«, sagt Thomas. Er habe nichts gelernt, was er nicht auch schon vorher gekonnt habe. Er ist 33, Diplomsoziologe. Nach dem Studium war er ein paar Monate arbeitslos und hat dann seine Doktorarbeit über den Hermeneutikbegriff in den Sozialwissenschaften begonnen. Gerade liegt sie zur Korrektur bei den Gutachtern. Thomas wartet auf die Note und den Termin der Verteidigung. Auf das Promotionsstipendium habe er sich damals »aus reinem Automatismus« beworben, wie er sagt. Der Status als Stipendiat gab ihm zwar eine bescheidene finanzielle Sicherheit, doch die Doktorarbeit war für ihn nur die Verlängerung des Halb-erwachsen-Seins. Er hatte das Gefühl, das Leben drehe sich für alle weiter, außer für ihn. Während andere ins Büro gingen oder sogar eins gründeten, lief er immer noch zur Uni. Andere aßen mittags beim Italiener, er in der Mensa. Hätte er nicht auf den Mitarbeiterpreis für das Mittagsmenü bestanden, er hätte den Studententarif bezahlt. Er sah ja auch immer noch aus wie ein Student.

Während seine Bekannten ihre Hochzeiten feierten, schmiss er mit 30 eine große Motivationsparty aus Anlass der Halbzeit seiner Arbeit. Er habe großen Druck verspürt, viele Selbstzweifel gehabt in den letzten Jahren, sagt Thomas. Oft wollte er aufgeben. Am Ende hat er seine Arbeit doch noch fertiggestellt. Zufrieden ist er mit dem Ergebnis nicht. Er findet die Arbeit selber »schwammig«, »für die Welt eigentlich überflüssig«. Und was seine Zukunft angeht, ist Thomas heute ratloser denn je: »Ich saß ja nur in der Bibliothek die letzten Jahre, wie soll ich dabei denn herausgefunden haben, was ich will?«

Im Nachhinein betrachtet, hätten ein Praktikum, eine zusätzliche Ausbildung oder sogar einige Monate Urlaub ihm besser geholfen, um sich zu orientieren, sagt Thomas. Den vermeintlichen Prestigegewinn durch den Titel vor dem Namen, so glaubt er, werde er in Zukunft höchstens bei offiziellen Beschwerdebriefen spüren. Falls sich davon heute wirklich noch jemand beeindrucken lässt. Auf dem Arbeitsmarkt bringt es jedenfalls immer weniger was, einen Titel zu tragen, den immer mehr führen.

Viele Frauen meinen, nach einem durchschnittlich bis überdurchschnittlich gut verlaufenen Studium noch den Doktor machen zu müssen, da er die Karrierechancen fördere und die Verbindung von Familie und Beruf gerade in den ersten Jahren erleichtere. Das ist der Eindruck aus dem Bekanntenkreis, und er deckt sich mit der Statistik: Seit 1993 hat sich die Zahl der Frauen, die promovieren, fast verdoppelt, sie werden die Männer wahrscheinlich in ein paar Jahren eingeholt haben.

Sonja, eine Freundin aus Stuttgart, ist eigentlich Hausfrau, so nennt sie sich manchmal selbst, in einer Mischung aus ironisch und verbittert. Aber sie hat eben auch noch ihre Promotion, seit viereinhalb Jahren schon. Nach außen ist sie Teil eines modernen Paares: Er nahm brav Elternzeit, sie promovierte. In Wahrheit kümmert sie sich um Kind und Haushalt – und manchmal wird sie das Gefühl nicht los, dass ihr Mann ihre Dissertation belächelt. Sie nimmt sie ja selbst nicht mehr ernst. Geschrieben hat sie bislang 20 oder 30 Seiten, »oder vielleicht noch nicht mal«.

Für die Unis sind Doktoranden günstige Arbeitskräfte. Eine Bekannte hatte mit ihrem Doktorvater zu kämpfen, der versuchte, sie noch am Institut zu halten, als ihre Arbeit längst fertig war. Er hatte immer neue Ausreden, weshalb er noch keine Note geben konnte. Als sie dann auch ohne Note einen guten Job bekam, außerhalb der Uni, spielte sich eine Art Rosenkrieg zwischen den beiden ab. Bis heute verlangt er von ihr noch Nacharbeiten an der Dissertation. Sie schuftet jetzt spätabends und am Wochenende für ihren Ex-Prof, der natürlich immer nur an ihrem Fortkommen interessiert war.

Wahrscheinlich ist das ein Extrem. Aber es gibt auch ein strukturelles Problem, das alle Doktoranden betrifft: Sie waren es als Studenten gewohnt, immer mehrere Projekte gleichzeitig zu haben. Wuchsen sie doch in unsicheren Zeiten auf mit dem Bewusstsein: Wenn ich mich nur auf einen Job verlasse, ist das zu wenig. Sie arbeiteten in Galerien, machten sich nebenher selbstständig, schrieben für Zeitungen, waren Hiwis an der Uni. Und wenn sie heute eine Dissertation beginnen, ist diese Dissertation eben oft auch nur ein Projekt unter mehreren. Aber das ist mit dem Wesen der Dissertation nicht vereinbar. Sie verlangt Fokussierung.

Auch Katrin jobbt mittlerweile wieder nebenher. Monatelang hat sie das Exposé für ihre Forschungsidee immer wieder verändert, ein paarmal alles umgeschmissen. Jetzt hat sie angefangen zu schreiben – und fürchtet seither, sich zu verzetteln.

Wenn Katrin Pech hat, gehört sie in ein paar Jahren zu jenen Doktoranden, die in Professorenkreisen als »Studienfälle« bezeichnet werden. Diese Doktoranden geben Arbeiten ab, die das Ergebnis eines jahrelangen Verhedderns in mittelmäßig zusammengestrickten Theoriefäden sind und die am Ende nur für die Bibliothek geschrieben wurden. Die Prüfer winken sie durch. Und sind genauso frustriert wie die Promovenden, die bei der Verteidigung ihrer Arbeit verunsicherter auftreten als zu Beginn der Promotion.

»Ich denke oft ans Abbrechen«, sagte mir Katrin neulich. »Aber ich will auch niemanden enttäuschen. Vor allem nicht mich selbst.«

Katrin und der immer größer werdenden Masse an überflüssigerweise Promovierenden möchte man am liebsten zurufen: »Macht euch nicht länger unglücklich, Leute! Es gibt noch ein Leben außerhalb der Uni!« Man wünscht ihnen den Mut zur Lücke. Nicht zu der Lücke in den Fußnoten. Sondern der vor dem eigenen Namen.

 

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