Nina Pauer | Autorin

Januar 19, 2011

IST DEUTSCH DOCH SCHÖN?

Filed under: 2011 — N.P. @ 8:06 pm

Darauf hört unser Herz: Zum neuen Album „Nur fort“ und zum Start der Deutschland-Tournee der Sängerin Lisa Bassenge.

ZEIT Feuilleton, 13. Januar 2011

Lisa Bassenge singt vom Fortgehen. Vom kopflosen Verschwinden, vom Davonlaufen, dem polnischen Abgang, ohne Ankündigung, ohne Plan.

Nur fort, so hat sie ihre neue Platte genannt. Doch die riesigen Luftballons, die sich die Berliner Sängerin auf dem Coverfoto an die Füße gebunden hat, wollen sie keinen einzigen Millimeter weit in die Ferne tragen. Und auch der Ankündigungstext auf der Rückseite erzählt nicht vom Aufbruch, sondern von der Heimkehr. Fliehen und Stehenbleiben, Gehen und Nachhausekommen, hin und weg zugleich – Lisa Bassenge macht diese unwahrscheinliche Synthese nicht nur denkbar. Sie hört sich auch noch sehr schön an.

Schon die ersten Töne, die ersten Zeilen zeugen von dieser doppelten Heimkehr: Eine Frau besingt ihre Flucht in den Hafen von irgendwo, zurück zur deutschen Sprache – und damit zum Ich. Mit ihrem fünften Studioalbum hat Bassenge, 36, sich nach mehr als zehn Jahren mit wechselnden musikalischen Projekten wie Micatone, Nylon oder dem Lisa Bassenge Trio für einen neuen Tonfall entschieden. Und sich damit erst einmal von den alten Neuartigkeiten, mit denen sie bekannt geworden ist – der lang ersehnten Jazz-Entdeckung, dem deutschen Chanson-Wunder, der Elektro-Sängerin, die es endlich schafft, Tiefgang in die Clubs zu bringen –, verabschiedet.

Der Sound, der sich jetzt in einer großen, klaren Linie sicher durch jedes ihrer elf Stücke – fünf Eigenkompositionen und sechs Coverversionen – zieht, basiert vor allem auf einem Element: ihrer Stimme. Bassenge damit heute auf einen Musikstil festzunageln ist damit schwieriger denn je geworden. Auch sie selber schafft es nicht wirklich. »Es sind einfach Lieder. Deutsche Lieder. Liedgut«, versucht die Zehlendorferin es in einem Berliner Café zu beschreiben, zuckt mit den Schultern, lässt die Gabel in der Pasta stecken und wedelt mit ihren knallroten Fingernägeln durch die Luft. »Die Platte ist einfach so … ich.«

Festzuhalten ist, dass Lisa Bassenge vieles hinter sich gelassen hat: die englische Sprache. Das unregelmäßig Fingerschnippende, die Scat-Improvisationen, das Experimentelle des Jazz genauso wie das Kopfnickende, Kühl-Mechanische der Elektro-Beats, zu denen sie bei Nylon sang. Geblieben ist eine Musik, in der ihre Stimme endlich genug Raum erhält; die sie begleitet, statt begleitet werden zu wollen. Gitarre, Klavier, Percussion, ein bisschen Schlagzeug, ein bisschen Akkordeon und der bei allen Projekten an Bassenges Seite stehende Bassist aus Studienzeiten, Paul Kleber. Es ist eine Instrumentalisierung hin zur Akustik, hin zur Regelmäßigkeit, zur Reinheit der Töne. In die sich nur sachte hier und da ein Hauch anderer musikalischer Richtungen mischt. Mal eine surfige Gitarre, mal ein wenig Country und Western und, zum Auftakt, im selbst geschriebenen Über Eis, eine Prise orientalischer Melodik. Der Rest ist deutsches Liedgut. Und damit vor allem großer Text.

Durch ihre Hinwendung zur Muttersprache hat Lisa Bassenges Werk stark an Intimität gewonnen. »Mit Nur fort«, sagt die Sängerin und erklärt damit, warum die Luftballons sie auf dem Boden stehen lassen, statt sie in den Himmel zu entführen, »meine ich Situationen einer inneren Flucht.« Es gehe ihr um Zustände und Stimmungen, die beides sind: Anwesenheit und Abwesenheit zugleich. Weniger hell, aber in der stimmlichen Ungetrübtheit Norah Jones ähnelnd, trägt Lisa Bassenge diese Momente in ihren Stücken vor: das romantisch-verspielte Wegträumen in Nur fort, die frustrierte Einsamkeit in der Menschenmasse im Udo-Lindenberg-Cover Leider nur ein Vakuum, den Moment des Dazwischen, der Unsicherheit darüber, was das Jetzt mit einem vorhat, in Über Eis. »Ich weiß nicht, bleib ich hier mit dir? / Oder sollen wir nach Hause gehen? /Ich weiß nicht, gehörst du zu mir? / Oder einfach nur hier zum See?« Bis heute ist unklar: War der Spaziergang um den zugefrorenen See damals der Beginn einer großen Liebe oder doch eher nur eine seichte Verliebtheit zum Sich-aus-dem-Kopf-schlagen?

Schon zu den Anfangszeiten ihrer alten Band Nylon war Lisa Bassenge »das Weltbewegende« weniger wichtig als das Glück oder Unglück im Privaten. Und auch jetzt interessiert sie nur die Bewegung nach innen, nicht der Welt-, sondern der Ich-Schmerz. »Hörst du nicht mein Herz?«, ruft sie in ihrer stärksten Eigenkomposition mit gleichnamigem Titel. Und kanalisiert damit die Wut darüber, verlassen zu müssen, obwohl man gar nicht gehen will. »Jedes Lied klingt wie Ade«, besingt Bassenge weiter den Niedergang der Liebe. »Die Tauben picken, als sei nichts passiert«, trauert der Refrain vorwurfsvoll, fassungslos über die stoische Indifferenz der Welt da draußen: »Das Radio spielt, als sei nichts passiert.«

Es sind solche Text- und Musikschablonen, simpel, ohne platt zu sein, die Bassenge dem Hörer anbietet, auf dass er sie mit seinen eigenen kleinen, großen Gefühlen füllt. Gefühle, die sich nicht erst rund schmirgeln lassen wollen, sondern so, wie sie sind, ihren Ort bei Hildegard Knef, der Neuen Deutschen Welle, Eichendorff und Element of Crime finden. Oder bei Lisa Bassenge selbst. »Wenn man selber auf Deutsch schreibt, fühlt es sich an, als würde man sich nackt ausziehen«, sagt sie. »Aber ich denke, ich kann mich immerhin noch ein bisschen hinter der Poesie verstecken.«

Man lässt sie gerne in diesem Glauben. Doch es könnte sein, dass ihr, genau weil sie sich jetzt nicht mehr verstecken kann, mit ihrer neuen Platte und der am 20. Januar beginnenden Deutschlandtournee der Durchbruch gelingt.

Gerade weil sie selbst heute, nach vierzehn Jahren auf der Bühne, als alleinerziehende Mutter von zwei Kindern und mit der Erfahrung von fünf Alben, den Status der immer wieder Zweifelnden, Suchenden, Aufbrechenden nicht verlassen hat. »Das hört ja nie auf, schrecklich!«, sagt sie, um nachdenklich hinterherzuschieben: »Ankommen wäre wahrscheinlich noch schrecklicher. Ankommen wäre Stillstand. Ankommen ist wie sterben.«

Gut also, dass sie weitersucht. Denn auch wenn sie die adaptierten Stücke wie das Knefsche 17 Millimeter fehlten mir zum Glück spielend in ihren eigenen Tonfall zu übersetzen vermag – Bassenge brauchte die Knef nicht mehr, wenn sie weniger schnodderig-verrucht, aber genauso selbstironisch wie das Original poltert: »Wer rollt den Stein den Berg hinauf und gibt nicht auf und gibt nicht auf? Der Mensch, wer sonst wohl als der Mensch!«


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