Nina Pauer | Autorin

August 23, 2010

IM STEUERPARADIES

Filed under: 2010 — N.P. @ 1:09 am

Mit dem 18. Geburtstag kommt der Führerschein. Aber was kommt dann? Die erste freie Fahrt.

ZEITmagazin, 19. August 2010

»Das ist der Hammer!«, ruft Miriam, als sie aus dem Haus ihrer Eltern in die Sonne tritt.

In der Hamburger Vorstadt Schenefeld, kurz vor Pinneberg in Schleswig-Holstein, sind Sommerferien. Schäfchenwolken stehen regungslos über Mövenpickfahnen, Hagebuttenbüsche vor Pferdeweiden, Gartenzwerge vor Baumärkten. Idylle und Langeweile sind eins. Außer man ist hier 18. Und alles ist neu.

Für Miriam ist dieser Donnerstag der Tag eins. Heute darf sie Auto fahren. Und zwar zum ersten Mal allein.

»Der Hammer«, steht in der stillen Hitze vor dem Reihenhaus, im Schatten unter den Kirschbäumen. Der dunkelblaue Golf ihres Vaters. Ihr »Daddy«, sagt Miriam, habe ihn dort gestern nach der Arbeit geparkt. Gestern. Also in einer anderen Zeit.

Entschlossen klettert das Mädchen auf den Fahrersitz. Die hellrosa lackierten Fingernägel finden den Knopf in der Fahrertür. »Ich bin so ein Fensteraufmachmensch«, die vorderen zwei Fenster fahren gleichzeitig hinunter.

Bei den Schritten der Vorbereitung, x-mal unter genauester Beobachtung des Fahrlehrers absolviert, scheint kein Griff Zufall zu sein. Kritische Testblicke in sämtliche Spiegel. »Blubb – feddich.« Lässig pustet Miriam sich eine blonde Haarsträhne aus der Stirn. Der Motor springt an.

»Gute Fahrt wünscht Fahrschule Boom« steht auf der schwarzen Hülle, die den erst vor einigen Stunden ausgestellten Führerschein schützt. Er liegt auf dem Armaturenbrett. Die in runder Mädchenschreibschrift gemalte, bislang wichtigste Unterschrift der ersten 18 Jahre begleitet die erste Fahrt.

Der Motor springt an, und der Wagen rollt im Schritttempo durch die Ausfahrt. Miriams Nase ist dicht ans Lenkrad gepresst, beide Hände umklammern das Steuer. Ein Blick links, ein Blick rechts, noch einer links. Butterweich gleitet das Auto auf die rechte Spur.

»Tadaa!«

Die Straße. Das Mädchen. Der Hammer.

Es geht hundert Meter geradeaus, kein Auto weit und breit. Freiheit? »Hmm, weiß nich. Axel fehlt, das ist merkwürdig.«

Axel, das ist der Fahrlehrer. Das war der Fahrlehrer. Die erste kleine Kurve, »määääääum«, rechts herum. Gegen Fahrschullehrerphantomschmerz hilft nur das Selbstgespräch. »30er Zone, och, wie süß!« Miriam fährt 28. Alle paar Meter eine Schwelle, die die Langsamkeit weiter, ins Unerträgliche, verlangsamt, in guter Voraussicht immer schon einen Meter vorher.

Auf der Franzosenkoppel, der ersten großen Straße, kommt Gegenverkehr. Gleich ein Bus. Miriam wartet hinter geparkten Autos. Ein kurzer kollegialer Blick zwischen Miriam und dem Busfahrer.

Zone 50. Alle Ampeln sind grün. Die cremefarbenen Ballerinas drücken mutiger in die Pedale. Ein bisschen Fliehkraft für die nächste Kurve. Radio Energy übernimmt die Vertonung. Alors, on danse, Miriam nickt zum Beat.

Draußen ziehen die Schenefelder Highlights vorbei: OBI, die Harry-Brotfabrik, Taverna Naxos, der China-Imbiss, Aldi. Miriams blonde Locken fliegen im Fahrtwind. Es läuft.

Kurve drei.

Der Ballerina schreckt vom Gas. »Uupps!« Der Wagen schrappt bei 45 km/h den Straßenrand. Es regnet Hecke durchs offene Fenster. Kein Axel, der schimpft. »Eeehm, ja. Nix passiert!«

Zurück zur Häusersiedlung. An der Straßenecke steht ein blonder Junge in Badeshorts. Miriams Freund, Christian. Er wohnt zwei Häuser weiter. Ein Kuss durchs offene Fenster. »Hallo, Schatz«, sagt Miriam und lächelt. Christian steigt ein. Weiterfahrt mit Beifahrer. Nix passiert.

»Mach doch bitte mal die Klimaanlage an, Schatz«, sagt Christian. »Du, ich bin eigentlich mehr so der Fensteraufmachtyp.« Der Junge fummelt an Knöpfen herum, kalte Luft pustet in den Wagen. Er dreht das Radio auf, »Kann aus einem Urlaubsflirt eine Beziehung werden?«, fragt die Moderatorin.

Der erste Kreisverkehr auf der Strecke, »Yeah baby, yeah«, ruft Miriam.

Erneuter Stopp am Straßenrand. »Hallo, Jule.« Jule setzt sich auf den Rücksitz. Miriam rollt langsam weiter, Gang eins, Gang zwei. »Oh, dreh das lauter!« – »Hey, Soulsister«, singen die Mädchen.

Gang drei.

Die Fahrt läuft von allein. »Sie fahren 47«, der Smiley auf der elektronischen Tafel am Straßenrand lächelt. Bei allen anderen Autos lächelt es nicht. Hinter dem Ortsausgang beginnt die Landstraße. Willkommen in Schleswig-Holstein – Land der Horizonte.

»Mein Bruder und ich wollen uns jetzt besser ernähren, keine Süßigkeiten, keine Kohlenhydrate«, sagt Christian und wechselt den Sender.

»Das geht raus an alle Spinner, wir sind die Gewinner«, singt Radio Schleswig-Holstein. »Wir kennen keine Limits, ab heute, für immer.«

»Schatz, sag schnell, wo muss ich hier abbiegen? Pass ich da hinten durch? Guckst du mal? Ist das hier richtig, ist das richtig hier?«

Halt auf dem Schotterweg. Alle wischen sich den Schweiß aus der Stirn. Der Baggersee liegt hinter Bäumen.

»Wie soll ich eigentlich zurückfahren?«

»So wie du gekommen bist. Oder halt einen anderen Weg. Du kannst wirklich ganz so fahren, wwie du möchtest, Schatz! Bis später.« Beifahrer eins steigt aus, Beifahrer zwei bleibt, Chauffeur fährt weiter.

»Weil das Leben ohne Sinn wär, ohne Spinner wie dich und mich«, dudelt es.

Ob sie auch Spinner sind?

»Ich bin eher so mainstream«, sagt Miriam, die rückwärts von der Schotterpiste rollt, »aber ich liebe es, Spaß zu haben. Doch. Ich glaub, wir sind schon ein bisschen verrückt.«

So Lena Meyer-Landrut-mäßig?

»Ich finde Lena bescheuert«, sagt Miriam.

Routinierte Auffahrt auf die Autobahn, dort, wo die Linie gestrichelt ist. Immer unter dem Limit. Immer 98 km/h.

Wieder hinein ins Stadtgebiet. Plötzlich Fahrräder, Gegenverkehr, Zebrastreifen.

»Wo kann ich gleich wenden, Jule? Ich muss das immer vorher wissen.«

Zweiter Gang. »Boah, ich hasse Drängler!« Ein böser Blick in den Rückspiegel. »Hier ist alles viel schwerer.« In Hamburg lächeln keine Smileys.

Ottensen. Vertraute Wege. Die Große Rainstraße. Stopp am Straßenrand. Jule springt aus dem Wagen. »Grüß Axel«, sagt Miriam.

Das Auto ist wieder leer. Die Freundin verschwindet in der Fahrschule. »100% Begeisterungsgarantie« steht an der Tür.

Das Navi, bislang unangetastet, piepst. »Dynamische Fahrt starten?« blinkt auf. »Dynamisch? Nein«, Miriam schaltet es aus. »Noch nicht.«

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