Nina Pauer | Autorin

Juli 16, 2010

WIR HABEN KEINE ANGST

Filed under: 2010 — N.P. @ 12:18 pm

Ironie und Panik: Warum die Apokalypse junge Erwachsene nicht mehr erreicht. Eine Inspektion

ZEIT Feuilleton, 10. Juni 2010

Während dieser Tage alle Welt bangend das Ende Europas kommen sieht, freuen wir uns auf den Sommerurlaub. Am Strand von Mykonos werden die Sorgen von heute längst verschwunden sein. Vergessen im Endlager der falschen Alarme, wie alle anderen Bedrohungen der letzten Jahre. Von den vermeintlich großen Zerstörern sind uns nur die Namen im Gedächtnis geblieben. Sie hießen internationaler Terrorismus, Linkspartei, H1N1, Facebook, Schweinegrippe oder Finanzkrise. Am Ende hat uns keiner auch nur ein Haar gekrümmt. Niemand hat uns in die Luft gesprengt. Das Internet hat ebenso wenig unsere Seelen gestohlen, wie unsere Körper von mutierten Viren dahingerafft worden sind. Und aus dem EC-Automaten kamen immer ein paar Scheine.

Wir, die heute jungen Erwachsenen, kennen keine Angst. Gegen die Furcht vor apokalyptischen Katastrophen sind wir immun. Den sorgenvollen Ernst der Tagesschau-Sprecher teilen wir deshalb nur äußerlich. Betroffen nicken wir, wenn uns die langen Gesichter signalisieren: Diesmal wird es wirklich brenzlig, Kinder. Wie es von uns erwartet wird, schweigen wir in scheinbar nachdenklicher Ohnmacht, wenn die Soziologen der Nation uns ihre grauenhaften Prognosen mit erhobenem Zeigefinger aufzählen. Doch während wir pflichtbewusst unsere Hände unter Desinfektionsmittelspendern reiben und uns fragen, wer Angst vorm Weltuntergang hat, summt es in uns siegessicher »Niemand, niemand«. Die Wette, dass sich auch dieses Mal alles in Wohlgefallen auflöst, haben wir immer gewonnen. Leise ahnen wir, dass diese Angstfreiheit naiv ist. Doch irgendwie schaffen wir es einfach nicht mehr, uns ernstlich zu fürchten. Zu groß ist die Distanz zur Primärerfahrung von direkter Bedrohung. Im Gegensatz zu unseren Eltern haben wir keine plastischen Eindrücke von körperlicher Versehrtheit, Todesangst und Krieg vor Augen. Die »appen« Arme unserer Großväter und ihr reflexartiges Horten von Konservenbüchsen bei politischen Gewitterlagen sind uns fremd. Niemand von uns glaubt ernsthaft, dass es je wieder so kommen könnte wie bei ihnen, die noch Jahrzehnte später geschockt wiederholten: »Wir hatten ja nichts.«

Wir hatten immer alles. Der Rahmen unserer Welt ist die Sicherheit. Alle waren und sind sie immer da: Unsere Eltern, der Wohlfahrtsstaat, die Demokratie, die Bundeskanzlerin. Einer von ihnen hat es immer noch gerichtet. Für uns ist die Angst zu etwas Kalkulierbarem geworden. Wir haben die Kategorie Angst von der temporalen Ebene (»Es war und kann wiederkommen«) auf eine territoriale Dimension verlagert. Die Taliban sind immer anderswo.

Dabei sind wir nicht ignorant. Die globalen Tragödien interessieren uns. Wenn es um Haiti oder Afghanistan geht, ist unsere Betroffenheit nicht gespielt. Aber weil wir das Gefühl haben, dass es uns persönlich nie erwischen wird, setzen sich unsere Gefühle mit den Gefahren der Welt nicht in Verbindung. Die Welt könnte uns zu diesem abgeklärten Sicherheitsempfinden beglückwünschen. Mit uns hat es die Bundesrepublik endlich geschafft, Kinder heranzuziehen, die sich von kollektiven Hysterien nicht mehr beeindrucken lassen. Bessere Vertreter als uns, die den Glauben an den Rechtsstaat, die freien Medien, das demokratische System und die Mülltrennung verinnerlicht haben, lassen sich nicht finden. Mit einem Wort: Wir sind alle zu Enkeln Kohls geworden. Die Zukunft des Landes hatte der Altkanzler einst als »kollektiven Freizeitpark« beschrieben. Und obwohl es auf unseren Spielwiesen nicht immer wunderbar gerecht zugeht, fühlen wir uns in ihm sicher aufgehoben. Die große Angst ist verpufft. Wir können uns endlich uns selbst zuwenden. Nur genau da, bei uns selbst, treffen wir sie wieder.

Wie tief verängstigt wir sind, merkt man uns nur deshalb nicht an, weil wir nicht darüber sprechen. Unsere Sorgen scheinen nichts Allgemeines, nichts Mitteilenswertes mehr zu haben. Die neue Furcht ist entpolitisiert, privatisiert, individualisiert, intim. Sie geht niemanden etwas an, schon gar nicht unsere Freunde und Partner. Denn die sind Teil des Problems. Was uns umtreibt, ist die schizophrene Panik davor, unser Leben falsch zu leben. Wir sind besessen von der Vorstellung, etwas zu verpassen. Gleichzeitig haben wir Angst, nie irgendwo anzukommen und einsam zu enden. Wo, wann, wie sollen wir uns niederlassen, welche Stadt, welchen Lebensstil, welchen Lebensgefährten sollen wir wählen? Welches ist die eine, richtige Version unserer selbst? Wir verfluchen das Schicksal dafür, dass es uns bei diesen Fragen keine Stütze mehr ist. In unserem Film sind wir die alleinigen Darsteller. Das Versprechen beim Dreh lautet: Alles ist möglich. Und der Fluch: Alles ist möglich. Soziologen sagen, wir hätten keinen Grund, uns für unsere Angst zu schämen.

Doch wir schämen uns. Und zwar so sehr, dass wir sogar voreinander versuchen, unsere Furcht geheim zu halten. Über unser Sexleben könnten wir uns stundenlang austauschen. Über unsere Ängste nicht. Unsere ironische Lässigkeit darf um keinen Preis auffliegen. Die Gefahr, uns lächerlich zu machen und »desperate« zu wirken, lauert überall. Wer allzu offen nach Freunden, Jobs, Liebe, Stil, Sinn oder Trost sucht, wer seine Einsamkeit nach außen kehrt, den bemitleiden wir mit reflexartiger Fremdscham.

Wer umgekehrt sein Glück glaubt gefunden zu haben, wer sich festlegt auf politischen Radikalismus oder Spießigkeit, auf Karriere oder Aussteigertum – den nennen wir anachronistisch. So bleiben wir mit unseren Sorgen allein im stillen Kämmerlein. Unschlüssig betrachten wir die Fäden unseres Lebens, die es zusammenzuknüpfen gilt. Woran wir die falschen erkennen sollen, jene, die wir fallenlassen müssen, wissen wir nicht. Das Leben ist immer anderswo. Was, wenn uns das wahre »gesettled«-Sein nicht gelingt? Werden wir es je schaffen, uns zu entscheiden und den Sirenen des Konjunktivs zu widerstehen? Wird es eines Morgens wieder flüstern: »Das bist du doch gar nicht«? Ja, unsere Ängste sind Luxusprobleme. Zu unseren Therapeuten, Yoga-Intensivkurs-Gurus, Rückenmasseuren und Homöopathen gehen wir deshalb nur heimlich.

Eigentlich hatten unsere Eltern und Lehrer ganze Arbeit geleistet, als sie uns zu gefühlvollen, selbstreflektierten Wesen erzogen. Und eigentlich hatten wir begriffen, dass mit dem Eingeständnis des Scheiterns der sozialistischen Utopie nicht nur ein politischer Entwurf gestorben ist. Sondern mit ihr auch die Vision eines von »bürgerlichen« und damit allgemein menschlichen, psychischen Zwängen, Zweifeln und Ängsten befreiten Menschen. Woher auch immer das absurde Ideal des angstfreien Menschen herrühren mag, es ist jedenfalls so tief in uns verankert, dass wir uns schier verrückt machen. So verrückt, dass wir anfangen, uns einzubilden, unsere Normalitätsbedürftigkeit sei etwas Anormales. Als wären wir die Einzigen, die sich im Leben davor ängstigen würden, uns vor lauter Nicht-verpassen-Wollen irgendwann selbst zu verfehlen. Als wären wir die Einzigen, die immer wieder alles hinterfragen, bis wir in grausamer Freiheit und ewiger Vorläufigkeit mutterseelenallein enden. Bis wir nur noch Dinge und Menschen finden, zu denen wir später doch wieder Nein sagen, ohne je bei einem Ja anzukommen. Als wäre die Angst vor Einsamkeit etwas Verbotenes.

Unser großes Tabu ist das Eingeständnis. Kaum auszumalen wäre die Schockstarre im sozialen Netzwerk, wenn einer das undenkbar Lächerliche wagen und sein Pokerface fallen lassen würde, wenn er schriebe: »ICH HABE ANGST!« Wir alle würden schlagartig den Atem anhalten. Nichts würde die Stille stören. Nur ein leises, zögerliches Summen. Die unendlich tröstliche Antwort auf die Frage danach, wer verletzlich ist, wer Angst hat vorm Leben, vor sich selbst und auch vor der Welt, dürfte endlich ehrlich ausfallen: »Alle, alle.«

Advertisements

Bloggen auf WordPress.com.

%d Bloggern gefällt das: