Nina Pauer | Autorin

Juli 16, 2010

ICH SEH‘ NUR SO AUS

Filed under: 2010 — N.P. @ 12:31 pm

Was ist ein deutsches Gesicht? Der Migrationshintergrund im Praxistest

ZEIT Feuilleton, 1. Juli 2010


»Nina, deine Zukunft sieht finster aus.« Vernichtender hätte der erste Satz, den ich zum Abschluss meines Studiums zu hören bekam, nicht sein können. Überbracht wurde mir die schlechte Nachricht von meinem Patenonkel Wolfgang, einem graubärtigen Soziologieprofessor. »Du musst dir da einfach mal etwas vor Augen führen«, sagte Wolfgang ernst, »du bist ’ne Frau, dein Einkommen liegt seit Jahren unter der Armutsgrenze. Und dann haste auch noch Migrationshintergrund«, er seufzte erst, doch dann prustete er los und rief: »Theoretisch!« Wenn ich mich in die demografischen Tabellen einordne, die Jahr um Jahr die Gesellschaftsstruktur der Bundesrepublik abbilden, dann spricht die Statistik klar gegen mich. Vor allem der »Migrationshintergrund«. Denn den hab ich tatsächlich.

Theoretisch zumindest. Eigentlich sehe ich nämlich nur so aus. Und genau deshalb kann ich es mir leisten, mit einem alten, frenetisch kichernden Soziologen über meine finster prophezeite Zukunft zu lachen. Seit ein paar Jahren dient die Bezeichnung »Menschen mit Migrationshintergrund« der Einwanderungsgesellschaft Deutschland als statistisches Ordnungskriterium. Sie beschreibt eine Gruppe von Bürgern, die die Erfahrung der Immigration teilen. Alle seit 1950 in die Bundesrepublik zugewanderten Personen und deren Nachkommen zusammengerechnet, ergeben die Zahl der »Deutschen mit Migrationshintergrund«. Als schlichtes Ergebnis einer neutralen, kulturell unspezifischen Zählung ist die Kategorie prä-, postoder überethnisch gefasst. Zumindest wäre sie das, würde der Gebrauch des Begriffes in der Praxis nicht komplett von seiner sozialen Realität abweichen.

Wie kompliziert aber die Dinge jenseits der Tortendiagramme tatsächlich liegen, bleibt aufgrund der Selbstverständlichkeit, mit der das Schlagwort »Migrationshintergrund« als Stellvertreter für kulturelle und soziale Schieflagen in Diskussionen hin und her geschoben wird, unbemerkt. »Meinst du nicht, dein Vater und ich hätten dir ein bisschen eher Bescheid gesagt, wenn wir dich adoptiert hätten?«, hatte meine Mutter vor einigen Monaten nüchtern erwidert, als ich »Mama, ich habe Migrationshintergrund!« in den Telefonhörer gerufen hatte. Erst nach der Lektüre des aber millions ten Zeitungsartikels zum Thema Parallelgesellschaftsphobie versus Multikultiromantik hatte ich bei dem Wort »Einwanderungsgeschichte« zum ersten Mal an mich selber gedacht. Aber nicht nur meine Mutter, auch meine Freunde setzten sofort an, mir meine neue Erkenntnis wieder auszureden. »Dich meinen die damit ja nicht. Das ist jetzt nur das neueste Wort, um politically correct zu bleiben«, schnaubten sie, »du bist ja schließlich keine … Ausländerin!«

Nein, das nicht. Ich bin in Hamburg geboren und habe es bisher langweiligerweise auch nie länger als einige Monate geschafft, woanders zu leben. Genau wie meine Mutter. Mein Vater ist Prager. Zumindest war er das, die ersten 18 Jahre seines Lebens. Als die Russen im Sommer 1968 Panzer in seine Heimatstadt schickten, beschloss er, dass ein Leben unter einem solchen Regime nichts für ihn sei, und verließ sein Land. Nach einer monatelangen Tour durch Europa landete er in Deutschland, wo er meine Mutter kennenlernte und 1981 heiratete und deutscher Staatsbürger wurde. So viel zum Hintergrund meiner »nicht eigenen Migrationserfahrung«. Doch das ist nur die eine Hälfte der Geschichte.

Die andere beginnt in meinem Kindergarten. »Die zwei da, sind das eigentlich Zwillinge?«, erkundigten sich die Eltern anderer Kinder entzückt, als sie mich und meine erste beste Freundin, eine Türkin namens Biege, zusammen spielen sahen. »Nein, die sehen nur so aus«, lachte unsere Kindergärtnerin. Wie man »deutsches Aussehen« definieren sollte, wenn man denn müsste, ist fragwürdig und eine Diskussion darüber überflüssig. Aber eins ist klar: Ich sehe nicht so aus. Meine Haare sind dunkel, meine Augen sind dunkel, meine Haut wird auch im tiefsten Winter nicht vollkommen weiß, ich hatte noch nie einen Sonnenbrand. »Und, woher kommst du?«, fragen nicht nur mir bekannte, sondern gerne auch fremde Menschen an Bushaltestellen, in Cafés und auf Partys. Wenn ich auf die Frage nach meiner Herkunft »Hamburg« sage, wiederholen meine Gesprächspartner sie noch mal mit dem Zusatz: »Und woher kommst du wirklich?« Seit Jahren endet mein zurechtgelegtes Narrativ für diese Situationen mit dem von einem entschuldigenden Schulterzucken begleiteten Satz: »Ich seh halt nur so aus.« Auch die mehr als skeptische Antwort darauf fällt jedes Mal gleich aus: »Is ja witzig! Ich hätte jetzt gedacht, du wärest …« Die Liste ist lang. Ganz oben steht »Perserin«. Es folgen »Türkin«, »Spanierin«, »Italienerin«, »Israelin«.

Woher »das Dunkle« in meinem Aussehen kommt, weiß niemand so wirklich genau. An einer geheimen Affäre meiner Mutter kann es nicht liegen. Meine Gesichtszüge sehen so aus, als hätte man die Köpfe meiner Eltern auf Folie gezogen und übereinandergelegt. Und außerdem gibt es da noch meinen Onkel Karl. Der Bruder meiner Mutter sieht genauso »anders« aus wie ich. »Du siehst nicht nur aus wie ein Zigeunerkind, du benimmst dich auch so!«, hat ihn unsere erzkatholische Großtante früher immer angefahren, wenn er sich nicht ordentlich benahm. Und auch heute begleitet die leise Melodie der klassischen deutschen Familiendiskurse noch ab und zu unsere Verwandtenzusammenkünfte. »Ihr seht so was von jü disch aus«, flüstert Onkel Karls Kusine Andrea, eine blonde Hamburgerin, verblüfft und zeigt mit dem Finger auf uns beide. Während der jüngeren Generation dabei der Fremdscham fast aus dem Gesicht springt, freut sich Onkel Karl jedes Mal, als hätte man ihm ein Kompliment gemacht. »Dalmatien!«, verkündet er, lacht triumphie rend. Irgendwann Anfang des letzten Jahrhunderts soll angeblich eine der Urgroßmütter der deutschen Seite meiner Familie aus Kroatien, genauer gesagt: aus Dalmatien, nach Deutschland gekommen sein. Vermutlich waren ihre Gene, in Kombination mit diversen Launen der Natur, daran schuld, dass den rezessiven blonden Einflüssen immer wieder der Eintritt in den familiären Genpool verwehrt blieb. Ob die Nazis beim Anblick meiner Urgroßmutter auch gedacht hatten: »Die sieht nur so aus?« Auf jeden Fall stempelten sie ihr Okay in Form eines Hakenkreuzes in unseren Ahnenpass und konnten so die spätere Existenz von Onkel Karl und mir und damit das Wiederauftauchen der dalmatinischen Gene in der nächsten und übernächsten Folgegeneration nicht verhindern.

Es wäre gelogen, zu sagen, dass mir die phänotypischen Irritationen, die ich auslöse, keinen Spaß bringen würden. Wenn ich mich in der U-Bahn neben kichernde Teenager mit sichtbarer Zuwanderungsgeschichte setze, zischt sofort einer ertappt: »Ey, Digga, die versteht uns«, und sie verstummen komplett. Auf spanischen Ferieninseln muss ich mit dem Kollektiv derer, die ihre Liegen am Strand morgens mit einer Bild-Zeitung als reserviert kennzeichnen nichts zu tun haben, sondern kann den augenrollenden Blick der Einheimischen ­ »Poco loco, diese Deutschen, no?« ­ erwidern, als sei ich eine von ihnen. Bei Altonaer Premierenfeiern von Fatih Akin kann ich mich problemlos in die Familien türkischer Kunstschaffender einreihen, und in Berlin hagelt es jeden 24. Dezember wieder Einladungen von israelischen Bekannten, die gemeinsam mit mir dem Weihnachtswahn entfliehen wollen. Überall, wo das Aussehen, das mich in anderen Zusammenhängen auffallen lässt, als normal gilt, bin ich automatisch Teil einer Gruppe, die mich als eine der Ihren willkommen heißt.

Aber es gibt auch eine andere Seite, die aus dem Spiel unangenehmen, manchmal bitteren Ernst macht. Immer wieder gab es Lehrer und Professoren, die mir offen Respekt für die Tatsache zollten, es im Leben angesichts meines Migrationshintergrundes ganz schön weit gebracht zu haben. Bald hörte ich auf zu zählen, wie oft sie mich vor der ganzen Klasse oder am Ende eines Seminares überhöflich nach meinem »exotischen Aussehen« fragten, als sei ich eine importierte Tropenfrucht. »Isst man bei Ihnen Schweinefleisch?«, wollte vor einigen Wochen eine freundliche ältere Frau von mir wissen, die auf einer Studienreise mit ihrer Seniorengruppe im Zug neben mir saß. »Aus welchem Kulturkreis kommen Sie?«, fragte sie betont langsam, viel zu laut und viel zu deutlich, als käme ich gerade von der ersten Sitzung meines Integrationskurses. »Ich bin von hier, aus Hamburg«, antwortete ich knapp und wandte mich ab. Die Dame beäugte mich neugierig. »Es ist doch nicht schlimm, dass Sie Araberin sind! Ich habe nichts gegen Moslems«, erklärte sie, meine deutschen Sprachkenntnisse und meine Auskunft ignorierend in pädagogisch wertvollem Singsang. »Es interessiert mich einfach nur, wie Sie sich hier fühlen!« Sie lächelte aufmunternd. »Tragen Sie manchmal Kopftuch?«, mischte sich einer ihrer Begleiter ein. Wissbegierig nickten die beiden mir zu, bis ich mich wegsetzte. Woher dieser absurde legitimatorische Reflex, allen zu sagen, dass ich »nur so aussehe«? Warum wäre es mir denn so wichtig gewesen, meine gefühlte »Verwechslung« sofort aufzudecken? Warum wünschte ich mir plötzlich, mich einfach, wie Wallraff, abschminken zu können? Ich nahm doch schließlich sonst meine Verwechslungen mit einem neutralen Achselzucken oder amüsierter Ironie hin. Und was hieß überhaupt Verwechslung? Mit wem wollte ich scheinbar auf gar keinen Fall verwechselt werden? Mit einer Ausländerin? Wer waren denn die Ausländer? Migranten? Deren Kinder? Also doch auch Deutsche mit Migrationshintergrund? Oder nur manche von denen?

In der sozialen Wirklichkeit jenseits der Kategorie wird in Deutschland nur demjenigen ein »Migrationshintergrund« zugeschrieben, der auch so aussieht. Dabei wimmelt es in der Realität schon seit Langem unüberschaubar von denjenigen, die ethnisch nicht eindeutig oder gar nicht zuzuordnen sind und auf die deshalb potenziell das Etikett der »Einwanderungserfahrung« zutreffen könnte. Was sie miteinander teilen, ist die Erfahrung, plötzlich von außen angeguckt zu werden.

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