Nina Pauer | Autorin

Juni 19, 2010

DU BIST NICHT DEUTSCHLAND

Filed under: 2010 — N.P. @ 5:47 pm

Menowin darf kein Superstar sein

ZEIT Feuilleton, 22. April 2010

Der Zweikampf um die öffentliche Gunst ist vorüber. Gesiegt hat die Reinheit.

Unfreiwillig exemplarisch hat das wochenlange Duell zwischen Menowin Fröhlich, Finalist der RTL Castingshow Deutschland sucht den Superstar, und Lena Meyer-Landrut, die das Land im Mai beim Eurovision Song Contest vertreten darf, ein kleines soziales Drama des deutschen Selbstverständnisses erzählt.

Was nämlich dem Millionenpublikum neben zwei großen gesanglichen Talenten zur Wahl stand, waren die extremen Enden der deutschen Sozialschere. Menowin Fröhlich, 22, der umstrittene Held aus Dieter Bohlens Gesangswettbewerb, kam von tief, tief unten. Er hat keine Ausbildung, sondern Tattoos und zwei Kinder mit seiner Kusine, von der er getrennt lebt. Wie beide seiner Eltern blickt er auf eine jahrelange Gefängniskarriere zurück. Seine Geste war die eines verzweifelten Einzelkämpfers, dem noch nie irgendetwas geschenkt worden ist, sein Pathos der eines amerikanischen Rapstars, der sich aus der Gosse in die Charts singt.

Lena Meyer-Landrut, Stefan Raabs Zögling für Europas größten Singwettbewerb, 18, ist Professorenkind und macht gerade ihr Abitur. Während Lena süß lächelte, verzerrte Menowin nach jedem Erfolg sein Gesicht zu einer zwischen unberechenbarem Wahn und kindlicher Freude schwankenden Grimasse, bedrohlich streckte er seine geballte Faust gen Himmel. Der Posten des männlichen Volkshelden-Azubi neben Lena Meyer-Landrut war noch zu besetzen, und Menowin wirkte wie einer, der rehabilitierbar war, der den Schmutz seiner Vergangenheit abzuschütteln vermochte.

Der Impuls, der die Mehrheitsklasse der Zuschauer durchrüttelte, war ein antinarzisstischer. Nicht aus den eigenen Reihen sollte der Anwärter zum Helden der Nation stammen, sondern bewusst aus der sozialen Ferne adoptiert werden. »Schaut, wer es bei uns zu etwas bringen kann«, wollte man verkünden. Die Frage: Wie sehen »wir« aus?, hätte mit Menowin neben Lena nicht nur eine, sondern gleich zwei authentische Antworten gehabt: Wir sehen so aus, aber auch so. Der kulturelle Klassenkompromiss wäre perfekt gewesen.

Doch dann das Drama: Der Kandidat brachte den Schmutz zurück. Fröhlich war überheblich, schwänzte Proben, zerstritt sich mit den Kandidaten, Gerüchte um Drogen und Gewaltbereitschaft kamen auf. Die Bild-Zeitung rief zum Boykott auf, und es gewann der saubere Gegenkandidat Mehrzad Marashi, dem Dieter Bohlen »urdeutsche Tugenden« attestierte. Menowin hingegen wirkte wie einer, der trotz aller Mahnungen zum Vorstellungsgespräch mit ungewaschenen Händen erschien. So bleibt der männliche Volkshelden-Azubi-Platz aus Mangel an Vertrauen in die menschlichen Fähigkeiten des Kandidaten unbesetzt.

Menowins Adoption ist gescheitert. Deutschlands vorsichtig zu ihm ausgestreckte Hand wanderte wieder in die Hosentasche. Tatenlos wie ein enttäuschter Bewährungshelfer zog das Land sich von ihm zurück und überließ ihn seinem Schicksal. Das deutsche Publikum wird am 29. Mai in Oslo einer netten Version seines eigenen Spiegelbildes zujubeln. Neben Lena Meyer-Landrut wird sich damit vor allem eines durchgesetzt haben: das Prinzip der Selbstähnlichkeit.

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