Nina Pauer | Autorin

Dezember 14, 2013

ER WAR KRANK – WAS SIND WIR?

Filed under: 2013 — N.P. @ 7:59 pm

Wolfgang Herrndorfs Tagebuch endet mit dem Tod – und platzt in unser Leben

DIE ZEIT, 5. Dezember 2013

Zu Nikolaus, am 6. Dezember, erschien posthum das Tagebuch von Wolfgang Herrndorf. Der Schriftsteller hatte sich im Alter von 48 Jahren am 26. August, dreieinhalb Jahre nach der Diagnose Hirntumor, in Berlin erschossen. Schon jetzt sind seine Aufzeichnungen das literarische Thema des Winters, was nicht nur daran liegt, dass man den Text im Netz lesen kann (www.wolfgang-herrndorf.de). Auch die gedruckte Version von Arbeit und Struktur, dem Online-Tagebuch, das Herrndorf unmittelbar vor seinem Tod verfasste, steht wegen zahlloser Vorbestellungen bei Amazon bereits auf den Bestsellerlisten.

Was detoniert hier? Wie hat Herrndorf es unwillentlich, mit einem Text über das Leben mit dem sicheren Sterben, geschafft, so viel mehr als Autorenkult und Mitgefühl zu wecken? Oder, anders gefragt: Was sagt dieses Tagebuch eines Einzelnen, der sterben musste, über uns, die anderen, aus, die ihm alle folgen werden? (more…)

Advertisements

September 28, 2013

#WELTSCHMERZ IST SEIN HELD

Filed under: 2013 — N.P. @ 4:15 pm

Philosophie in 140 Zeichen: Mit abgründigen Aphorismen das Leben sezieren – so wurde Eric Jarosinski zum Twitter-Star

ZEIT Feuilleton, 29. August 2013

Das Werk von Eric Jarosinski hängt in keiner Ausstellung. Man kann sich seine Kunst nicht an die Wand hängen, sie anhören oder berühren. Sie kennt kein Material, nichts, was sich besitzen oder auch nur als abgeschlossenes Ganzes betrachten ließe. Das, was der Amerikaner kreiert, entsteht jeden Tag neu, in einem Raum, der offen und für alle zugänglich ist, der sich in Sekundenschnelle wandelt und in dem nie jemand irgendwo ankommt.

NeinQuarterly, so heißt ein Account auf dem Kurznachrichtendienst Twitter, seine Follower-Zahl wächst und wächst. Mehr als 34.000 Menschen folgen mittlerweile Jarosinskis virtuellem Alter Ego, dieser „Persona“, wie er seine Kunstfigur nennt, die gerade dabei ist, sich zu einem der ersten Säulenheiligen der Twitter-Sphäre zu entwickeln.

(more…)

Juli 2, 2013

DIE UNFÄHIGKEIT ZU WÜTEN

Filed under: 2013 — N.P. @ 2:02 pm

NSA, na und? Im Netz geben sich viele User cool statt aufgeregt. Das muss aber nicht so bleiben

DIE ZEIT, 27. Juni 2013

Ob die Behörden auch politische Profile erstellen? Wie sieht er dann wohl aus, der Akteneintrag des braven Durchschnitts-Users im Internet? Womöglich steht darunter die Kundenempfehlung: „Bürger, die nicht vom Abhörskandal geschockt sind, ließen sich auch nicht schocken von…“ Und die Liste wäre lang. Ungeschützte Daten im Sozialen Netzwerk, Gesichtserkennung auf Facebook, Standortbestimmung via Smartphone, die Unmöglichkeit, eigene Profile endgültig zu löschen, Nutzung privater Informationen aus E-Mail- und Chat-Nachrichten für kommerzielle Zwecke, das alles ist Alltag. Skandalös normal.

Wer in einer E-Mail an einen Freund über die bevorstehende Japanreise schrieb, wunderte sich vielleicht beim ersten Mal noch über die Werbung für grünen Tee auf der Startseite beim nächsten Einloggen; andere werden sich nach dem Online-Kauf eines vegetarischen Kochbuches noch Wochen später über hartnäckige Annoncen der Weight Watchers geärgert haben. Am Ende entsprach der Empörungszustand jedoch eher einem genervten Augenrollen, wie beim Setzen des Häkchens unter ungelesenem Kleingedruckten – „Ja, ich habe die Bestimmungen zum Datenschutz gelesen und wahrgenommen“. Die Spielregel wird schon seit langer Zeit akzeptiert, massenweise: Daten sind Freiwild. Was geschrieben wird, das wird auch mitgelesen. (more…)

Juni 28, 2013

ZUM SANDSACK, ZUR FREIHEIT!

Filed under: 2013 — N.P. @ 2:15 pm

Im Netz solidarisieren sich die Deutschen mit den türkischen Protesten und der Fluthilfe. Steckt dahinter ein Hunger nach Realität?

ZEIT Feuilleton, 13. Juni 2013

Von all den Plastikwörtern der Moderne schillert eines zuverlässig am grellsten. Social Media, so die omnipräsente Chiffre, vor der seit Jahren kein Lebensbereich mehr sicher ist, steht vage für die allmächtige Kraft des Internets, grob für die Macht der Masse, vor allem aber für das weitestgehend unangetastete und unausgetestete politische Potenzial junger Menschen. Transparenz, Schwarmintelligenz, Liquid Democracy – auch wenn sich darunter bislang niemand so richtig etwas vorstellen kann, scheint ausgemacht: Ohne das Internet, das sollte auch der letzte Analoge begreifen, geht gar nichts mehr. Mit dem Netz allerdings – so ließe sich speziell für Deutschland und die hiesigen jungen Nutzer sagen – auch nicht. (more…)

Mai 3, 2013

CHRONIK EINES ABSCHIEDS

Filed under: 2013 — N.P. @ 11:20 am

Seine Frau hat Krebs, er fotografiert ihren Kampf, die Fotos stellt er ins Internet: Eine beispiellose Liebeserklärung

ZEITmagazin, 2. Mai 2013

Für Angelo Merendino scheint Zeit keine Rolle zu spielen. Beim Erzählen wechselt er zwischen Momenten, die zwei Tage, einige Monate oder mehrere Jahre zurückliegen, als sei alles Erlebte gleich lange her. Als wäre es gestern gewesen, schildert er den Augenblick, in dem er Jennifer vor acht Jahren das erste Mal aus ihrem schwarzen Käfer aussteigen sah, unvermittelt spult er zwei Jahre vor bis zum Tag ihrer Hochzeit im Central Park, überspringt noch einmal vier, bis er bei dem Moment anlangt, in dem seine Frau in seinen Armen stirbt, zu Hause im Wohnzimmer in Manhattan, am 22. Dezember 2011.

Jennifer. Wenn der New Yorker Fotograf Merendino ihren Namen ausspricht, macht er danach eine Pause. Sekunden dauert es, bis er den Satz weiterführt, gerade wenn man sich fragt, ob die Telefonleitung vielleicht gekappt worden ist, spricht er weiter. „Jennifer … war einer dieser Menschen, die immer das Beste aus dem Leben machten, Jennifer … hat immer das Gute in allem gesehen.“ Wer mit Merendino über seine Frau redet, trifft auf die Obsession, mit der sonst nur akut Verliebte den Namen des anderen in Dauerschleife denken und aussprechen. „Jennifer war die Liebe meines Lebens, mein bester Freund, ich werde immer in sie verliebt sein“ – es ist der verzweifelte Trotz von jemandem, der nicht zulassen will, dass sich irgendetwas auf die Wunde legt, weil schon die dünnste Schicht ein Stück Heilung und damit Abstand bedeuten würde. Merendino will das nicht zulassen. Deshalb erzählt er von seiner Frau, unermüdlich, deshalb bedankt er sich während des Gespräches immer wieder fürs Zuhören, ermuntert, neue Fragen zu stellen. Und klingt bei seinen Antworten heute, auch nach eineinhalb Jahren, noch so, als käme er gerade erst von Jennifers Sterbebett. (more…)

April 30, 2013

DER HEISERE ENGEL

Filed under: 2013 — N.P. @ 7:51 pm

Mit dem Song „One Day“ landete der israelische Sänger Asaf Avidan einen Welterfolg. Jetzt tourt er durch Europa. Eine Begegnung mit einem Künstler, der das Bild vom Star radikal erneuert

ZEIT Feuilleton, 18. April 2013

Asaf Avidan schaut wie ein ernstes Kind. Er lehnt seinen Kopf schräg an die Wand, als könne er, hier in einem Café irgendwo in den Niederlanden, einen Anker werfen und andocken. Die Hotelbar ist an diesem Nachmittag kein Ort, der sich aufdrängt. Es gibt keine Gäste, nur vereinzelt klappern Teller von irgendwoher, Imagine von John Lennon klingt aus der Ferne der Lobby nebenan. Die Frau, die Avidan hier abgegeben hat, ist nach leiser Begrüßung und wenigen Worten Hebräisch, die sie wie kurze Codes einer Geheimsprache mit ihm gewechselt hat, wieder in der Kälte draußen verschwunden. Während zu Hause in Israel heute Pessach gefeiert wird, herrscht in Eindhoven noch tiefer Winter. „Israel ist nicht mein Zuhause“, die Korrektur klingt freundlich, aber absolut. Avidan spricht sanft, es ist angenehm, ihm zuzuhören. „Ich habe kein Zuhause“, sagt er entschuldigend, wenn auch nicht bedauernd. „Ich habe kein Zuhause“ – in immer neuen Worten wird dieser Satz die Antwort auf jede Frage sein, die man ihm stellt. Sein Anker habe noch nie gehalten, nirgendwo, kein einziges Mal, solange er denken kann. (more…)

Februar 2, 2013

DIE HÖLLE DER ANDEREN

Filed under: 2013 — N.P. @ 2:16 pm

Kolonialismus per Fernbedienung: Deutschland verfällt dem Dschungelcamp, dem Bachelor und den Geissens

ZEIT Feuilleton, 24. Januar 2013

Suchtartig, als wäre das gesamte Land eine obsessive Fernbeziehung eingegangen, findet unter der Chiffre »Dschungelcamp« allabendlich eine Art kollektives Skype-Date zwischen dem Fernsehsofa und Australien statt, um einer mittlerweile tief ins Herz geschlossenen Gruppe aussortierter Medienwracks beim Degenerieren unter Palmen zuzusehen. Siebzehn Tage Standleitung in die gesellschaftliche Unterwelt, so das Konzept von Ich bin ein Star – Holt mich hier raus, das dieses Jahr in die siebte Staffel ging und sich ausgerechnet im ersten Zyklus ohne den im Oktober 2012 verstorbenen Dirk Bach einer nie gekannten, epidemischen Begeisterung erfreut. Quotenrekord und Hyperberichterstattung, vom Bild.de-Liveticker bis hinauf ins Feuilleton – bloß: warum eigentlich?

Schließlich passierte bislang verlässlich nur das, was seit Jahren Programm ist. Käfer, Kotze, Kakerlaken – trash as usual, bis zum bitteren Ende, der Krönung des Dschungelkönigs, am kommenden Samstag. (more…)

Januar 30, 2013

IM KNIGGE-WAHN

Filed under: 2013 — N.P. @ 2:11 pm

Ok, wenn er mir die Tür aufhält? Oder Rechnung lieber selbst bezahlen? Die nötige Debatte über sexistische Übergriffe ist zur Suche nach verbindlichen Regeln geworden

ZEIT ONLINE, 30. Januar 2013

Ein Aufschrei ging durch Deutschland. Was wir hören ist sein Echo. Von allen Seiten schallt es, mehrstimmig, verzerrt, ohrenbetäubend. „Das Ende von Brüderle“, brüllen die einen, „Das Ende des weißen Mannes“ deklarieren die anderen, „Brüste werden zum Handicap“ schreibt die Zeitung und die Talkshows der Nation suchen händeringend nach jungen Frauen oder irgendwem, der auch noch seinen Senf abgeben könnte zum Thema aller Themen, von dem niemand mehr so ganz weiß, welches es eigentlich ist. (more…)

Januar 26, 2013

NEUES AUS DEM HÖRSAAL

Filed under: 2013 — N.P. @ 3:08 pm

20 Jahre Texte, Töne, Theorie: Ein Geburtstagsgruß an Tocotronic, die deutscheste Band der Welt.

ZEIT Feuilleton, 24. Januar 2013

Der erste Eintrag im Tagebuch der Band ist ein Diagramm. Eine riesige Zeichnung, hochkomplexe Kritzelei, »SCHEMA« steht dort in Großbuchstaben über Kreisen, Pfeilen, Kästen und Unterkategorien wie »Fußnoten«, »ADG Wohlklang«, »Umschaltung«, »Geklimper«, »Ende«.

Sieht so die Anatomie eines Hits aus?

Im Falle von Tocotronic zeigt sich an der wirren Grafik sogar noch mehr. Nämlich der Grundsatz, dass Musik mehr Theorie als Praxis sein kann. Das »strukturalistische Diagramm«, wie die Band die Skizze von 1993 im Rückblick, quasi als nachgeschobene Metaebene betitelte, sollte den Grundstein ihrer Karriere bilden. Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein hieß der Song, der aus dem theoretischen Gerüst entsprang und als ewiger Slogan in die deutsche Musikgeschichte einging. Das »unauthentischste Stück Rockmusik«, wie die Band selbst befand, entstand – »es ist leider wahr« – weder »im Straßenkampf noch im Schwange einer exzessiven Rockshow, sondern während einer langweiligen Vorlesung auf einem Stück Papier«.

Tocotronic sind nie aus dieser Vorlesung herausgekommen. Die Hamburger Studenten von damals sind zwar keine herausragenden Magister oder Doktoranden geworden, aber doch Akademiker geblieben. (more…)

Oktober 15, 2012

„MAMA, MIR IST LANGWEILIG“

Filed under: 2012 — N.P. @ 12:28 am

Facebook hat nun eine Milliarde Mitglieder. Dabei krankt die Plattform längst an einer Implosion der Informationen. Jetzt soll man dafür auch noch bezahlen – frisst das Netzwerk sich selber auf?

ZEIT Feuilleton, 11. Oktober 2012

Eigentlich ist die Sache mit dem Teilen keine schlechte Idee gewesen. Wie eine stille, pastellfarbene Utopie avancierte dieser Begriff zum Kern jener Kohorte an jungen Menschen, die gerne als Generation Facebook betitelt wird. Studien und Statistiken malen das Bild einer netten, verantwortungsbewussten Gruppe junger Erwachsener, die lieber nicht Chef werden wollen, sondern in Teams arbeiten, die kein eigenes Büro haben, sondern nur mehr coworking spaces bilden: junge Menschen, die kein Eigenheim und kein Auto anstreben, sondern ihre Wohnung fürs Couchsurfing bereitstellen, die lieber Ausflüge mit dem geliehenen Stadtrad machen, Carsharing betreiben, die nicht mehr shoppen, sondern Klamottentauschpartys besuchen.

Es ist die Suche nach dem kleinen Resonanzraum in einer Umwelt zunehmender Komplexität: Wenn wir schon die Welt nicht verstehen können, dann teilen wir immerhin unsere Autos, schonen damit die Umwelt und werden von Fremden zu Freunden, so könnte man ihr schüchtern-kommunitaristisches Motto zusammenfassen, hinter dem nicht nur ein verändertes Empfinden von Statussymbolen steckt, sondern auch die Sehnsucht nach einem Wir. Wie in einem offenen WLAN kann jeder sich am großen Ganzen beteiligen, lose hängen alle zusammen, jeder kann teilhaben, sich bedienen oder auch weiterziehen, wann es ihm passt, aber immerhin gibt es einen Zusammenhang, einen Rahmen, eine Art schwebende Gemeinschaft.

Eine solche Gemeinschaft versprach einst auch Facebook zu sein.

(more…)

Nächste Seite »

Erstelle eine kostenlose Website oder Blog – auf WordPress.com.