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	<title>Nina Pauer &#124; freie Autorin</title>
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		<title>NIE MEHR ZUM FRISÖR</title>
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		<pubDate>Sun, 29 Jan 2012 11:22:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>N.P.</dc:creator>
				<category><![CDATA[2012]]></category>

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		<description><![CDATA[Noch ein Junge mit Gitarre. Aber was für einer! Max Prosa ist die erste Songwriter-Entdeckung des neuen Jahres ZEIT Feuilleton, 12. Januar 2012 Das mit Bob Dylan war nicht seine Idee. Sich mit den Größten zu messen – das weiß Max Prosa besser als seine Kritiker, die von Anfang an den Vergleich anstellten – birgt große Gefahren. Naiv, größenwahnsinnig, [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=ninapauer.wordpress.com&amp;blog=12951928&amp;post=126&amp;subd=ninapauer&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Noch ein Junge mit Gitarre. Aber was für einer! Max Prosa ist die erste Songwriter-Entdeckung des neuen Jahres</strong></p>
<p><em>ZEIT Feuilleton, 12. Januar 2012</em></p>
<p>Das mit Bob Dylan war nicht seine Idee. Sich mit den Größten zu messen – das weiß Max Prosa besser als seine Kritiker, die von Anfang an den Vergleich anstellten – birgt große Gefahren. Naiv, größenwahnsinnig, arrogant, so die vernichtenden Adjektive, die jemand herausfordert, der sich mit 22 Jahren eine Akustikgitarre um den Hals hängt, über Fantasie singt und sich anschickt, der neue deutsche Dylan zu werden. Selbst wenn es sich bei diesem Anwärter um ein Talent handelte – der große Weichspülwaschgang aus PR, Charts und Bravo würde ihn mitreißen, noch bevor es sich entfalten könnte. Der Junge mit der Gitarre? Tausendmal gesehen, tausendmal vergessen. Im Fall von Max Prosa spricht aber einiges dafür, dass es ausnahmsweise anders kommen könnte.</p>
<p><span id="more-126"></span></p>
<p>Das erste Indiz sind seine Locken. Unablässig wühlt der Berliner Sänger an diesem grauen Kreuzberger Morgen – er gibt gerade die ersten Interviews, durch die die Welt ihn kennenlernen soll – in dem wüsten Haarberg unter seiner verbeulten Cordmütze. Es scheint ihm egal zu sein, wie er wirkt. Gerade das könnte eitel erscheinen. Tut’s aber nicht. »Ich geh nicht mehr zum Frisör, aus Protest. Nie mehr!« Prosa grinst. Die Mütze wischt er sich vom Kopf.</p>
<p>Für das Cover seines Debütalbums <em>Die Phantasie wird siegen</em> hat er sich noch auf das Label »Wuschelkopf« zurechtstutzen lassen, bunter Konfettiregen rieselt auf ihn, den unschuldig verträumten Sängerknaben mit den geschlossenen Augen. Heute, auf dem abgeranzten Sofa des Cafés, sind die blauen Augen offen, sein Blick erzwingt sofortiges Wegschauen. In schweren Schichten dunkler Klamottenkluft mehr liegend als sitzend, zerstört Prosa sein Softie-Image: Der Mensch auf der Platte, jung und rein, ist der eine. Dieser hier, verlottert, verlebt, der andere.</p>
<p>Max Prosa spielt Gitarre, seit er sechs ist. »Ich kannte keinen einzigen Künstler, ich wurde ganz anders sozialisiert«, sagt er, das Einzelkind aus Berlin-Charlottenburg, das gerne »Geschwister, die Anwalt werden«, gehabt hätte, um in Ruhe Philosophie zu studieren. Seine bislang größte persönliche Revolution war es, in den Stadtteil Neukölln umzuziehen. »Prosa« heißt Max natürlich nicht wirklich, Podeschwig, sein normaler Name, sei einfach kein Titel für »das Projekt«. Der Prosa kam vor ein paar Jahren dazu, als er anfing mit dem Dichten. In seiner Musik habe sich das nun also »verwahrheitet«.</p>
<p>Max Prosa redet gerne über seine Musik. Die Frage nach dem Dylan-Bezug spielt er zurück wie einen Schmetterball, den man kommen sieht. Klar, Dylan sei ein Vorbild, neben Hendrix,  Bowie, Cohen, Rio Reiser. »Das ist keine aufgesetzte Eitelkeit von mir, im Alten rumzuwühlen. Dort sind eben die Sachen, die strahlen, deshalb hör ich das.«</p>
<p>Es ist 2012, nicht 1960. Max Prosa ist nicht Bob Dylan. Aber auch seine Sachen strahlen.</p>
<p>Vierzehn Songs sind auf dem ersten Album gelandet, vierzehn Gedichte, vierzehn Geschichten. Sehnsucht ist das Thema dieser Textgalerie, die mit Gitarre, Klavier, Schlagzeug, Cello und Mundharmonika in Musik verwandelt wurde. In Prosas Liedern geht es um unbestimmtes Verlangen, um einen Menschen, den es immer gerade dann am schlimmsten erwischt, wenn er es gestillt zu haben meint. »Nimm mich raus aus den Abgründen der Stadt«, bettelt Prosa, »nimm mich mit irgendwohin«. Es ist der Auftakt seiner Platte, ein schönes Gedicht, ein rundes Lied. »Der Text allein muss klingen«, erklärt Max Prosa, jetzt voll in seinem Handwerk. Die Rhythmik, die Abstimmung der Worte beherrscht er perfekt. Prosa wagt es, Popstücke in Konjunktivformen zu schreiben, die heute zwar noch gelernt, aber höchstens in Deutschaufsätzen angewendet werden. Therapeuten heißen bei ihm wieder »Seelsorger«, er streicht Vokale – »ein weit’res Mal« – und hängt sie an anderer Stelle wieder an. »Es muss heißen ›Und dein Seelsorger lacht, wenn er vor deiner Türe steht‹. Bei Tür würde da nichts passieren, rein gar nichts!«</p>
<p>Die Sprache ist das eine, das Singen das andere. Prosas Stimme fehlt bislang die Reife der durchsoffenen, durchrauchten Jahre. Der Mut, nicht immer der Eingängigkeit der eigenen Melodie zu folgen. Er weiß es selbst am besten. »Den großen Dylan«, sagt Prosa und schmettert sich den Ball dieses Mal um die eigenen Ohren, »den großen Dylan« mache ja eben gerade diese Freiheit aus, diese widerspenstige Beiläufigkeit, mit der er einen Song erzählt, indem er so genial nachlässig zu seiner Musik redet, anstatt sie brav zu begleiten.</p>
<p>Doch auch Prosa kann vor sich selber ausbüxen. Immer wieder verstreut er seine Stimme über der Melodie, läuft nicht mit ihr, sondern lieber um sie herum, gleitet an ihr hinab oder steigt mit ihr auf, bis das Mikro fast übersteuert. Es sind die besten Momente der Platte. Wenn Max Prosa sich selbst dazwischenruft, klingt es nach einem Akt der Befreiung, als verließe weit unten in ihm etwas Ungebändigtes den Zustand des Wartens, als fände sich plötzlich irgendwo ein Fenster, das er aufreißen und durch das er dem »Du« in seinen Songs noch schnell das Wichtigste hinterherrufen kann.</p>
<p>»Oh wenn alle Stricke reißen, weil es doch nur Fäden sind«, schreit Prosa in <em>Mein Kind</em> seine Hoffnung hinaus, »Kommst du dann zu mir zurück, mein Kind? Kommst du dann zu mir zurück?« Die Romantik seiner Sehnsuchtsgeschichte aber kippt genau in diesem Moment nicht ins Pathetische, sondern wird ausgelassen, anarchisch. »Gib Acht auf die Welt in ihrer Wut!«, brüllt Prosa in die Harmonie seiner eigenen Refrains. »Tragt Leben in die totgesagte Welt!«</p>
<p>Welches Ziel hat diese Energie? Gibt es gar eine politische Botschaft? »Sie woll’n totale Kontrolle über das, was sich bewegt, über das, was in uns lebt«, beklagt er in <em>Totgesagte Welt</em>. »Sie«, das System? Facebook?</p>
<p>Wieder wühlt die Hand in den Locken. Prosa nickt. Er habe an fehlenden Datenschutz gedacht, das mache ihn wütend. Weiter hat er aber offenbar nicht gedacht. »Manchmal bleibt nur die Enklave der eig’nen Phantasie, denn dorthin kommen sie nie«, lautet, gleich wieder kapitulierend, der nächste Vers.</p>
<p>Max Prosa tut nicht so, als habe er eine Botschaft, die über das Abhauen und Sichwegträumen hinausgeht. Und so bleiben seine Lieder beim romantischen Aufbegehren, es wird viel barfuß gelaufen, losgetanzt, fortgereist. »Na klar ist das Eskapismus! Genau das soll es doch sein!«, sagt er.</p>
<p>Ob diese Form der Weltflucht typisch ist für eine Generation von Deutschpoeten um die zwanzig, bleibt abzuwarten. Eine Wende deutet sich an: Die Egomanie in der Musik der deutschen Großstadtlyriker von heute, sagt Prosa, hänge ihm zum Hals raus. Selbstmitleid, Sarkasmus, Verkopft- und Verquastheit, besungen von einem Ich, das sich dauernd selbst seziert, sucht man bei ihm vergeblich. »Denk nicht an mich!«, fordert er in <em>Schöner Tag</em>. Seine Lieder drehen sich nicht ironisch-melancholisch im Kreis, sie stürmen nach vorne. »Heute ist ein schöner Tag zum Rennen«, verkündet Max Prosa wild entschlossen und wirft dabei die Sprache nur so durch sein eigenes Lied, »Und wenn ich könnt’, flög ich davon, mit meinen Flügeln aus Beton!«</p>
<p>Eskapismus? Genau das soll es sein. Aber der Junge mit der Gitarre wird bleiben.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>DIE SCHMERZENSMÄNNER</title>
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		<pubDate>Fri, 06 Jan 2012 13:58:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>N.P.</dc:creator>
				<category><![CDATA[2012]]></category>

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		<description><![CDATA[Heute tragen die jungen Männer Bärte und spielen Gitarre. Sie sind lieb, melancholisch und sehr mit sich selbst beschäftigt. Für die Frauen wird das zum Problem. ZEIT Feuilleton, 5. Januar 2012 Es könnte alles so einfach sein. Vielversprechend bricht das neue Jahr an und wartet auf nichts anderes, als ausgekostet zu werden – champagnerbeschwipst, Hand [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=ninapauer.wordpress.com&amp;blog=12951928&amp;post=118&amp;subd=ninapauer&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Heute tragen die jungen Männer Bärte und spielen Gitarre. Sie sind lieb, melancholisch und sehr mit sich selbst beschäftigt. Für die Frauen wird das zum Problem.</strong></p>
<p><em>ZEIT Feuilleton, 5. Januar 2012</em></p>
<p>Es könnte alles so einfach sein. Vielversprechend bricht das neue Jahr an und wartet auf nichts anderes, als ausgekostet zu werden – champagnerbeschwipst, Hand in Hand schlendernd. Doch irgendwie klappt es nicht. Einer kneift. Der junge Mann von heute feiert nicht trunken vor Glück mit seiner neuen Liebsten – er steht abseits und fröstelt. Verkopft, gehemmt, unsicher, nervös und ängstlich ist er, melancholisch und ratlos. Er hat seine Rolle verloren.</p>
<p><span id="more-118"></span></p>
<p>Schuld an seiner jungmännlichen Identitätskrise ist, wie immer, die Gesellschaft. Sie war es schließlich, die verlangte, dass sich der Mann (natürlich der junge) verstärkt neue Attribute zulegen sollte. Einfühlsam, reflektiert, rücksichtsvoll und bedacht, gerne auch einmal: schwach sollte er sein. Den Startschuss dazu lieferte 1984 – der junge Mann spielte damals noch auf der Krabbeldecke – Herbert Grönemeyers Frage »Wann ist ein Mann ein Mann?« Es war diese Melodie, die den jungen Mann seine Adoleszenz hindurch begleitete, pünktlich zum Abitur sang Grönemeyer dann auch schon nicht mehr von Männern und Frauen, sondern nur noch, in bezaubernder Melancholie, wie der junge Mann fand, vom »Menschen«.</p>
<p>Doch was als eine begrüßenswerte Mentalitätsreform des alten Männerbildes begann, hat inzwischen groteske Züge angenommen. Das eigene Leben reflektierend und ständig bemüht, sein Handeln und Fühlen sensibel wahrzunehmen, nach außen zu kehren und zu optimieren, hat er sich auf einer ewigen Metaebene verheddert, von der er nicht wieder herunterkommt.</p>
<p>Die erfolgreiche Kommunikation mit seinem weiblichen Gegenüber, in Liebesdingen ohnehin notorisch unwahrscheinlich, ist damit noch ein Stück weiter in Richtung Unmöglichkeit gerückt. Denn auf die junge Frau wirkt die neue männliche Innerlichkeit, das subtile Nachhorchen in die tiefsten Windungen der Gefühlsregungen schrecklich kompliziert. Und auf die Dauer furchtbar unsexy.</p>
<p>Dabei schien ja eigentlich gerade alles aufzugehen. Der jahrhundertelange Prozess der Häutungen von einem Rollen- und Beziehungsideal zum nächsten hatte endlich einen vermeintlich gesunden Endpunkt gefunden. Kein Gott bestimmt nun mehr die Liebe, der Minnesänger mit seiner Obsession des Unmöglichen hat Ruhe gegeben, die romantische Vollverblendung ist überkommen, und auch die rein zweckrationale Eheschließung passé. Das moderne Beziehungsideal, die frei gewählte, auf romantischen Gefühlen basierende, aber in der Form reziproke Partnerschaft führt zwei zusammen, die es als »Lebensgefährten« im Wirrwarr der komplexen Welt versuchen wollen. Sowohl die Gleichheit als auch die Ungleichheit der Geschlechter finden in dieser Idee der Liebe ihren Platz, die neuen Eigenschaften wie die alten. Als Partner wissen beide ihre Gefühle zu reflektieren und auf Augenhöhe zu kommunizieren, das Zusammenleben ist ein respektvoller Aushandlungsprozess, und nur der kleine Rest, das eben, was das Geschlechtsneutrale aus dem Team-Gedanken vertreibt, beruht auf Komplementarität. Anziehungskraft kommt erst durch Unterschied. Flirten, Umwerben, Erobern ist nichts für die Metaebene.</p>
<p>Doch genau an diesem letzten Punkt ist der junge Mann falsch abgebogen. Er weiß nicht mehr, wann es Zeit ist zu kommen. Statt fordernd zu flirten, gibt er sich als einfühlsamer Freund. Schüchtern in einer Baumwollstrickjacke hinter einer Hornbrille versteckt, steht er in dunklen Großstadtbars und hält sich an einem Bier fest. Als Gefährte ist er vielleicht ein bisschen grüblerisch, aber man kann gut mit ihm reden. Er achtet auf sich, ist höflich, lieb, immer gepflegt und gewaschen, benutzt Parfums und Cremes, macht Diäten und hört wunderbar melancholische Mädchenmusik. Nur wenn der entscheidende <em>move</em> gefragt ist, er sich herüberbeugen und die junge Frau endlich küssen sollte, fängt sein Kopfkino an. Vielleicht möchte die junge Frau gar nicht geküsst werden? Vielleicht würde sie sonst selber den ersten Schritt tun? Vielleicht sollte man die Beziehung lieber doch nicht auf die gefährliche Ebene der Erotik ziehen, sondern platonisch belassen? »Ich gebe zu, dass ich dich mag«, singt es schließlich vom Mixtape, das er seiner Angebeteten aufnimmt, anstatt den ersten Schritt zu wagen. Schön klingt es, ungelenk kommt es an.</p>
<p>Die junge Frau fühlt sich ungewollt. Auch sie schmeißt ihr legendär destruktives Kopfkino an, sie fragt sich, wie die Songzeile über die »geteilte Einsamkeit« auf der Musikkassette zu interpretieren sei. Der junge Mann spricht nur nachts, betrunken, direkt zu ihr. Er sei verletzt worden in der Vergangenheit, er wolle seinerseits nicht verletzen, erklärt er mit ernstem Blick. Und schafft es danach schließlich doch noch, die junge Frau kurz zu küssen, nur um sich danach sofort für seine plumpe Hemmungslosigkeit zu entschuldigen. Die nächsten Treffen werden verkrampft. Spiegeln gleich stehen sich die Geschlechter gegenüber und hyperreflektieren ihre Beziehung zu Tode, bevor sie überhaupt angefangen hat. Die Körper haben keine Chance gegen ihre Köpfe, die junge Frau geht. Du machst alles richtig, murmelt sie traurig, sie meint den liebenswerten Gefährten. Du machst alles falsch, denkt sie und meint den gehemmten Liebhaber. »Vielleicht bin ich beziehungsunfähig?«, fragt der junge Mann entschuldigend.</p>
<p>Statt seinen Stolz zu nehmen und nach einem letzten romantisch-heroischen Versuch einzusehen, dass es richtig wäre aufzugeben, trauert er, wochen-, monatelang. Er weiß nicht mehr, wann es Zeit ist zu gehen. Reden will er, immer wieder, besprechen, woran es lag, wie man seine Unsicherheit therapieren könnte. Er brennt neue Mixtapes, diesmal englischsprachige, von Bands, die Iron &amp; Wine oder The Weepies heißen. Er denkt und fühlt und leidet. In stiller Melancholie, in modernem Werthertum singt er mit Bon Iver, einem bärtigen Barden in Holzfällerhemd und Kastratenstimme zur Akustikgitarre hymnisch seine Gefühle hinaus, wie er zieht er sich innerlich in eine Hütte im Wald zurück, um seine Trauer zu verstehen und zu artikulieren.</p>
<p>Auf die überfordernde Doppelbotschaft, in der Partnerschaft ebenbürtig, im Geschlechterspiel selbstbewusst zu sein, kann er nur mit noch mehr Reflektion antworten. Sie lässt ihn zurückkippen, jahrhunderteweit. »Du weißt ja, eigentlich mag ich dich sehr gerne / Doch du zerredest mich so lang, bis ich nicht mehr weiß, wo ich bin und was ich will / Melancholie, sei endlich still«, besingt er in einer Neuauflage des Minnesängers die Unmöglichkeit seiner Liebe. Die Gedanken und Unsicherheiten seien einfach zu groß, die Frau viel zu stark, als dass er ihr geben könnte, was sie brauche.</p>
<p>Die junge Frau indes schimpft vor ihren Freundinnen, die böse Waschlappen-Metapher fällt. Als der junge Mann bei ihr klingelt, ihr ein letztes Tape mit seiner Bardenmusik übergibt und sie hoffnungsvoll um eine neue Chance bittet, regt sich nichts als der Wunsch, ihn tröstend in den Arm zu nehmen, anstatt sich flammend an seine starke Brust zu werfen.</p>
<p>Und so stehen sie am Ende zusammen, die verhinderten Partner, sich selber im Wege, freundschaftlich Arm in Arm. Bis sie sich nach einem letzten klärenden Gespräch endgültig trennen.</p>
<p>»Es könnte alles so einfach sein«, singt Herbert Grönemeyer für sie. »Ist es aber nicht.«</p>
<div></div>
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		<title>WENN IRONIE ZUM ZWANG WIRD</title>
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		<pubDate>Tue, 25 Oct 2011 11:18:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>N.P.</dc:creator>
				<category><![CDATA[2011]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Flucht ins Extrapeinliche und in den schlechten Geschmack verrät eine große Unsicherheit  ZEIT Feuilleton, 20. Oktober 2011       &#8222;Die Erinnerung an Torre di Venere ist atmosphärisch unangenehm&#8220;, beginnt Thomas Mann seine Erzählung Mario und der Zauberer. Ein merkwürdiger Widerstand war es, den der Erzähler bei einem außergewöhnlich peinlichen Spektakel, der Aufführung des dämonischen Zauberers [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=ninapauer.wordpress.com&amp;blog=12951928&amp;post=112&amp;subd=ninapauer&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p align="LEFT"><span style="color:#000000;"><span style="font-family:Georgia, serif;"><span style="font-size:small;"><strong>Die Flucht ins Extrapeinliche und in den schlechten Geschmack verrät eine große Unsicherheit </strong><br />
</span></span></span></p>
<p align="LEFT"><em><span style="color:#000000;"><span style="font-family:Georgia, serif;"><span style="font-size:small;">ZEIT Feuilleton, 20. Oktober 2011      </span></span></span></em></p>
<p align="LEFT"><span style="color:#000000;"><span style="font-family:Georgia, serif;"><span style="font-size:small;">&#8222;Die Erinnerung an Torre di Venere ist atmosphärisch unangenehm&#8220;, beginnt Thomas Mann seine Erzählung </span></span></span><span style="color:#000000;"><span style="font-family:Georgia, serif;"><span style="font-size:small;"><em>Mario und der Zauberer.</em></span></span></span><span style="color:#000000;"><span style="font-family:Georgia, serif;"><span style="font-size:small;"> Ein merkwürdiger Widerstand war es, den der Erzähler bei einem außergewöhnlich peinlichen Spektakel, der Aufführung des dämonischen Zauberers Cipolla, verspürte und der es ihm unmöglich machte, die Veranstaltung zu verlassen. »Zu entschuldigen ist es nicht, dass wir blieben, und es zu erklären fast ebenso schwer«, hadert er mit sich selber, als der Magiker unter dem Johlen des Publikums seine hypnotisierten Opfer auf unerträgliche Weise vorführt. Verlegen ist schließlich das Eingeständnis: Der schaurig-schöne Bann, den das peinliche Spiel auf der Bühne ausübte, war einfach zu stark gewesen, um zu gehen. Eine unangenehme Selbsterkenntnis – damals noch bei Thomas Mann.</span></span></span></p>
<p align="LEFT"><span style="color:#000000;"><span style="font-family:Georgia, serif;"><span style="font-size:small;">Denn heute ist es mit der Verlegenheit vorbei. Die Lust am Peinlichen, das bewusste Zelebrieren der »Fremdscham«, dieses selbstquälerischen Genusses der Lächerlichkeit anderer, hat einen festen Platz im Gesellschaftlichen gefunden. </span></span></span></p>
<p align="LEFT"><span style="color:#000000;"><span style="font-family:Georgia, serif;"><span style="font-size:small;"><span id="more-112"></span>Der Fremdscham werden Hymnen gewidmet – »Halli, hallo Herr Onkel Doktor, ich habe da ein riesiges Problem / Ja Mann, es ist echt der absolute Horror, kein Tag vergeht wo ich mich nicht für jemand schäm‹«, so der Soul- und Hip-Hop-Sänger Jan Delay in seinem Hit</span></span></span><span style="color:#000000;"><span style="font-family:Georgia, serif;"><span style="font-size:small;"><em>Überdosis Fremdscham</em></span></span></span><span style="color:#000000;"><span style="font-family:Georgia, serif;"><span style="font-size:small;"> –, und ganze Freundeskreise finden sich allein zu ihrem Zweck wöchentlich vor ihren Fernsehgeräten zusammen. Pünktlich um 20.15 Uhr formieren sich die Abiturienten, Studenten, Doktoranden oder vielversprechenden Berufseinsteiger zu einem vergnügten Publikum, das bei Chips und Süßigkeiten nichts anderes tut, als sich der lustvollen Konträrfaszination des Schlimmen hinzugeben. »Wie peinlich ist das denn?!«, kreischt der Chor, den Zeigefinger kollektiv auf den Fernseher gerichtet.</span></span></span></p>
<p align="LEFT"><span style="color:#000000;"><span style="font-family:Georgia, serif;"><span style="font-size:small;">Gemeint sind die talentfreien Kandidaten von Bohlen bis Klum, die, sich ihrer eigenen Peinlichkeit nicht bewusst, ein bisschen singen und tanzen dürfen, bevor die Selektionsmaschinerie sie gnadenlos aussortiert. Gemeint sind die mageren Sechzehnjährigen, die kindlich-unbeholfen mit der Kamera flirten, die bemitleidenswert tölpischen Bauern, die inmitten ihrer Schafe eine Frau suchen. Wie einst bei Thomas Manns Zaubershow johlt das Publikum, als würde es von allen Seiten gekitzelt, wenn sich die meist übergewichtigen Singles von </span></span></span><span style="color:#000000;"><span style="font-family:Georgia, serif;"><span style="font-size:small;"><em>Schwiegertochter gesucht</em></span></span></span><span style="color:#000000;"><span style="font-family:Georgia, serif;"><span style="font-size:small;"> zu neuen Paaren zusammenfinden. In sadomasochistischer Freude krallt man sich in den Sofakissen fest, wenn sich die Paare, untermalt von kitschiger Musik und höhnischen Kommentaren aus dem Off, zum ersten Mal über einem »Malen nach Zahlen«-Bild küssen. Unter begeistertem Lamento vergleicht man, wenn sich die Frischverliebten gegenseitig unter die billigen Fleecepullis mit Huskeymotiv vortasten, das Ausmaß der »Ekelgänsehaut«, das einem die Haare zu Berge stehen lässt. Denn peinlicher geht es nicht.</span></span></span></p>
<p align="LEFT"><span style="color:#000000;"><span style="font-family:Georgia, serif;"><span style="font-size:small;">Genau deshalb gehören die geplanten Fremdscham-Events für viele junge Leute mittlerweile zum humoristischen Highlight der Woche, zu einer der schönsten Beschäftigungen mit den besten Freunden. »So sind wir nicht«, bedeuten nämlich die gemeinsam ausgestreckten Zeigefinger auf den Fernseher. Und bündeln damit die gemeinschaftsgenerierende Erfahrung, sich in Sachen Peinlichkeit wieder einmal kollektiv nach unten abgegrenzt zu haben. Beruhigt geht man nach diesen Abenden nach Hause und verlängert die fröhliche Dosis Fremdscham noch Tage später dadurch, sich die besten, also peinlichsten Clips in Endlosschleife bei YouTube anzuschauen. Als gemeinsames Ritual wirkt die Fremdscham wie eine Kompensation der individuellen Angst, die ansonsten überall lauert. Denn wie schwer ist es, diesem allgegenwärtigen Adjektiv »peinlich«, das unsere Zeit bestimmt, zu entrinnen! Nahezu unmöglich und vor allem furchtbar anstrengend ist es geworden, im weit und subtil verästelten analog-virtuellen Netzwerk stets die Balance aus lässigem Understatement, hübscher Ironie und gleichzeitiger Selbstvermarktung zu pflegen. Die Codes sind unendlich: Mit dem neuesten</span></span></span><span style="color:#000000;"><span style="font-family:Georgia, serif;"><span style="font-size:small;"> Smartphone </span></span></span><span style="color:#000000;"><span style="font-family:Georgia, serif;"><span style="font-size:small;">prahlen? Peinlich! Immer noch keines haben? Peinlich! Zuckersüße Pärchenfotos auf Facebook veröffentlichen? Peinlich! Das eigene Mittagessen abfotografieren, den Stolz über den neuen Job allzu offensichtlich zeigen? Zu viele Freunde haben? Zu wenige? Peinlich, peinlich! Musik hochladen, die alle schon kennen? Musik hochladen, die nie irgendwer kennt? PEINLICH!</span></span></span></p>
<p align="LEFT"><span style="color:#000000;"><span style="font-family:Georgia, serif;"><span style="font-size:small;">So zahlreich sind die unsichtbaren Fettnäpfchen allerorts, dass es nahezu unmöglich ist, sich von der stetigen Angst, in sie zu treten, nicht irritieren zu lassen. Kein Wunder jedenfalls, dass die Erleichterung sich ihren Weg sucht. Nicht nur boomt die inszenierte Fremdscham als Ventil. Auch der aktiv gelebte Trash hat hartnäckig Konjunktur. Bei »Entdeck the Dreck«-Partys, die sich offensiv als »bescheuertste Party« der Stadt rühmen, wird in szenischen Clubs nächtelang extra peinlich zu billigsten Hits der Neunziger getanzt. Auf privaten »Bad Taste«-Feiern entstellen sich die sonst so stilbewussten Gäste grotesk wie nur irgend möglich. Im schaurig-schönen Camp-Style verkleidet man sich als Geeks, Freaks, Prolls und Tussen. In engen braunen Männerslips über rosa Trainingsanzügen aus Ballonseide trifft man sich, am besten mit einem allein zum Zweck der Party gewachsenen fiesen Schnauzer im Gesicht, zum Dosenstechen in der Küche.</span></span></span></p>
<p align="LEFT"><span style="color:#000000;"><span style="font-family:Georgia, serif;"><span style="font-size:small;">Der Uncoolnessfaktor wird auf hundert Prozent gekurbelt, wenn die alten </span></span></span><span style="color:#000000;"><span style="font-family:Georgia, serif;"><span style="font-size:small;"><em>Bravo Hits</em></span></span></span><span style="color:#000000;"><span style="font-family:Georgia, serif;"><span style="font-size:small;">-CDs aufgedreht werden und man sich, unter den entsetzlichen Beats von DJ Bobo zuckend, gegenseitig mit Mezzo Mix bespritzt oder den Erdnussflips aus der XXL-Packung von Ja! bewirft. Die Fotos davon, wie man sich in so einer Nacht einmal richtig hat gehen lassen, so richtig »abgespackt« und sich »zum Vollhorst« gemacht hat, darf am nächsten Tag jeder gerne ins Internet stellen. Sie sind Trophäen der Lässigkeit, beseelt von dem großen Gefühl der Sicherheit: Peinlichkeit impft gegen Peinlichkeit. Schließlich ist nichts davon ernst. Alles ist Ironie.</span></span></span></p>
<p align="LEFT"><span style="color:#000000;"><span style="font-family:Georgia, serif;"><span style="font-size:small;">Schützt die Peinlichkeit wirklich vor der Peinlichkeit? Wo potenziell alles peinlich ist, bleibt nichts als der ewige ironische Reflex. Die Ironie wird zum Standard und die Distanz zum Zwang. Dann regieren die Zwinkersmileys, die alles Gesagte, Geschriebene, Getane sofort relativieren, um bloß immer </span></span></span><span style="color:#000000;"><span style="font-family:Georgia, serif;"><span style="font-size:small;"><em>»safe«</em></span></span></span><span style="color:#000000;"><span style="font-family:Georgia, serif;"><span style="font-size:small;"> zu sein. Von der Freude an der Peinlichkeit ist dann nicht mehr viel übrig. Die Lust wird zu ihrem Gegenteil, zur Langeweile.</span></span></span></p>
<p align="LEFT"><span style="color:#000000;"><span style="font-family:Georgia, serif;"><span style="font-size:small;">Denn ach, wie leicht ist es, ewig ironisch zu sein, wie vorhersehbar und fad, sich immer nur witzelnd herauszuwinden. Die Überheblichkeit der Ironie ist das Neinsagen. Präventiv entwertet sie jede Aussage oder lässt sie vage im Uneindeutigen verharren. »Ich habe mir jetzt auch so eine nerdige Poser-Brille zugelegt«, »Ich bin jetzt auch so ein Apple-Opfer geworden«, wird vieldeutig gezwinkert. Am Ende bedeutet es nichts.</span></span></span></p>
<p align="LEFT"><span style="color:#000000;"><span style="font-family:Georgia, serif;"><span style="font-size:small;">Jenseits der spaßigen Trash-Exzesse ist die Ironie als Strategie des Anti-Peinlichkeit-Managements keine befreiende, sondern vielmehr eine einengende Haltung. Eine Liebeserklärung, die sich durch das Hintertürchen des Ironischen verdrückt, um bloß die Gefahr der Peinlichkeit zu vermeiden, ist undenkbar. Ein politisches Statement lässt sich nicht durch das ewige Lustigmachen über sich verhaspelnde und stolpernde Minister ersetzen. Dem Papst eine rote Nase malen kann jeder, sich zum Glauben bekennen nicht.</span></span></span></p>
<p><span style="color:#000000;"><span style="font-family:Georgia, serif;"><span style="font-size:small;">Das Affirmative ist ein Wagnis, das sich dem Urteil, auf den einen oder anderen peinlich zu wirken, schonungslos stellt. Das dauernde Zelebrieren des Peinlichen allerdings ebenso. »Weißt du, das ist so jemand, der schafft es nur auf Bad-Taste-Partys, aus sich herauszugehen«, könnte die gefürchtete Meinung über den ewig Selbstironischen dann beispielsweise lauten. Ständig Castingshows gucken? Nie etwas ernst meinen, immer nur mit dem Finger auf andere zeigen? Peinlich. Restlos schützen kann nichts und niemand vor dem P-Wort. Aber am Ende ist es dann ja auch doch nur eines: ein Adjektiv unter vielen.</span></span></span></p>
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		<title>DIE UTOPIE IST DA</title>
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		<pubDate>Fri, 14 Oct 2011 20:44:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>N.P.</dc:creator>
				<category><![CDATA[2011]]></category>

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		<description><![CDATA[&#8222;Timeline&#8220;, das neue Angebot von Facebook, macht es möglich: Das Leben und das Leben im Netz verschmelzen. ZEIT Feuilleton, 29. September 2011 Als Mark Zuckerberg vor die Öffentlichkeit tritt, wirkt auf den ersten Blick alles wie immer. Wie jedes Jahr steht der Gründer des Sozialen Netzwerkes Facebook vor seiner PowerPoint-Leinwand, um auf der alljährlichen Entwicklerkonferenz F8 die technischen Novitäten seines Unternehmens zu [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=ninapauer.wordpress.com&amp;blog=12951928&amp;post=108&amp;subd=ninapauer&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>&#8222;Timeline&#8220;, das neue Angebot von Facebook, macht es möglich: Das Leben und das Leben im Netz verschmelzen.</strong></p>
<p><em>ZEIT Feuilleton, 29. September 2011</em></p>
<p>Als Mark Zuckerberg vor die Öffentlichkeit tritt, wirkt auf den ersten Blick alles wie immer. Wie jedes Jahr steht der Gründer des Sozialen Netzwerkes Facebook vor seiner PowerPoint-Leinwand, um auf der alljährlichen Entwicklerkonferenz F8 die technischen Novitäten seines Unternehmens zu präsentieren. »Ihr werdet euch verändern, euer Leben wird nicht mehr dasselbe sein«, so lautet auch dieses Mal sinngemäß die Verheißung, die man von ihm erwartet. Schließlich war es diese Botschaft, die Zuckerberg noch jedes Mal überbracht hatte, wenn er mit beachtlicher Farblosigkeit und gönnerhaftem Selbstbewusstsein die neuen kommunikativen Räume des Internets vorstellte, die er und seine Firma sich ausgedacht hatten.<span id="more-108"></span></p>
<p>Dieses Mal kommt es anders. »Schaut«, so lautet seine veränderte Botschaft im September 2011, »ihr habt euch schon verändert, ich zeige euch nur, was ihr sowieso macht«, Zuckerberg gibt damit die Rolle des Prognostikers auf. Mit »Timeline« tut Facebook dieses Mal nichts anderes, als das in Form zu bringen, was ein großer Teil seiner Mitglieder schon praktiziert: den eigenen Alltag so genau wie möglich virtuell zu dokumentieren, alles abzubilden und zu speichern, was den einzelnen Tag, die Stunde, den Moment ausgemacht hat. Timeline setzt die Idee einer Echtzeitübertragung, einer vollständigen, fortlaufenden Kopie des gelebten Alltags in die virtuelle Sphäre, auf umfassende und leicht zu bedienende Art um. Der Facebook-Chef schafft damit ein nie da gewesenes Lebensarchiv für jede einzelne Person in seinem Netzwerk. Der Prophet wird damit zum Menschen, der Weltveränderer zum schlichten Techniker. Und die Utopie zur Realität: Die Gleichzeitigkeit vom Leben und seinem Abbild im Netz ist möglich.</p>
<p>Timeline soll in den nächsten Wochen und Monaten die bisherige Form des Sozialen Netzwerkes ablösen. Viel näher noch als bisher soll das Virtuelle dadurch an den analogen Menschen rücken. Noch viel näher, das bedeutet: in Direktübertragung. Nicht mehr Minute für Minute und nur dann, wenn der User es will, soll das Leben des Einzelnen künftig übertragen werden. Sondern ständig, laufend, fließend, im Live-Stream. Das Profil, so wie es jetzt ist, muss kaum verändert, es muss nur ergänzt werden, um das eigene Leben auf den Funkmodus zu erweitern. Für viele User wird dies fast von selbst passieren, zunächst indem Facebook alle Daten, die er bislang online gestellt hat, eigenständig ordnet und das ständige Angebot liefert, diese zu ergänzen. Nicht das Eintrittsdatum ins Soziale Netzwerk, sondern die Geburt wird nun zum Startpunkt eines jeden Profils. Die Seite des Mitgliedes wird durch einen Zeitstrahl bestimmt, der alles Bisherige chronologisiert. Jeder kleinste Kommentar, jeder Dialog, jede Statusangabe, jedes Bild, jeder veröffentlichte Link, jeder Schnappschuss, jede virtuelle Regung der letzten Jahre übernimmt das Netzwerk und bereitet diese Vergangenheit sogar so auf, dass das vermeintlich Wichtigste in großen Bildern, als <em>»major life event«</em> exponiert ist. Was der Algorithmus als eher trivial errechnet hat, schiebt er an die Seite, wo es allerdings ebenfalls jederzeit abrufbar und für immer gespeichert ist. Nicht mehr Spuren der Existenz werden hier ins Netz gelassen, sondern der gesamte Verlauf des Lebens.</p>
<p>Wo leere Stellen sind, soll der User seine Timeline jederzeit ergänzen können. Fotos der Kindheit, Dokumente wie Schulzeugnisse oder sonstiges Material zu bedeutenden oder unbedeutenden Erlebnissen können eingefügt werden, um das Leben möglichst vollständig abrufbar zu machen. Der Zeitstrahl wird laufend in die Gegenwart verlängert. Das gelingt mithilfe von Applikationen auf dem Smartphone und diversen Internetdiensten. Der Aufenthaltsort des Mitgliedes wird auf den Punkt genau geortet, halb automatisch, halb in Eigenregie durch Informationen, Bilder, Video- und Tonaufnahmen ergänzt. Wer die passende App hat, muss nicht mehr selber schreiben, ob er sich nach rechts, nach links, geradeaus oder gar nicht bewegt, welche Musik er dabei hört, wann er um welchen See joggen war, wie schnell sein Herz in diesem Moment geschlagen hat, ob es geregnet hat oder die Sonne schien. »Freunde« können außerdem sofort interagieren: sich in das vom virtuellen Bekannten gehörte Lied einklicken, dort mithören, wo der andere es gerade hört, den Film an der Stelle mitsehen, an der der andere eben gerade gelacht hat.</p>
<p>Timeline umgibt zu Recht die Aura der großen technischen Innovationen der Moderne. Einst lösten die Anfänge der Atomkraft und der Gentechnik beim Menschen instinktive Abwehr, atemberaubende Faszination, Fluchtimpuls, aber auch Hoffnung und Fortschrittsdrang aus. Heute entspringt die Lustangst der radikalen Exhibition im Netz, die Timeline befördert. Irgendwer wird es ganz sicher ausprobieren. Einfach weil es geht. Selbst wenn bei den meisten Vernunft oder Angst über die verführerische Anziehungskraft des Neuen überwiegen – diejenigen, die es ausprobieren, werden etwas Irreversibles, einen neuen <em>point of no return</em> für alle schaffen. »Lieber doch nicht« ist dann nicht mehr nur für jene Einzelnen, sondern kollektiv, für alle, keine Option mehr. Weil die Veränderungen, die die Innovation brachte, nichts Geringeres als unsere Vorstellung vom Leben an sich berühren.</p>
<p>Lange schon geht es nicht mehr um die Sorge analoger Eltern darüber, was ihren ewig vor sich hin klickenden Kindern im Netz passieren könnte. Facebook ist kein pubertäres Stadium jüngerer Generationen mehr, sondern eine neue Realitätsstufe. Eine saubere Trennlinie zwischen den Usern und allen, die sich aus Skepsis zurückhalten oder entziehen wollen, wird es nicht mehr geben. Schon jetzt reicht der Arm des Virtuellen weit in den analogen Raum, auch für diejenigen, die nicht registriert oder nur selten online sind. Schon jetzt ist es unwahrscheinlich, nie im Netzwerk aufzutauchen, schließlich reicht dafür der Kontakt zu einem Mitglied, das online alles nachvollziehbar macht, was es tut, das Fotos veröffentlicht, ohne die darauf Abgebildeten zu fragen. Schon jetzt werden Menschen bei Veranstaltungen schlichtweg vergessen, weil sie kein oder ein wenig aktives Profil haben, auf dem man sie einladen könnte.</p>
<p>Wer beim Einstellungsgespräch gut ankam, auf Facebook allerdings ein ganz anderes Gesicht zeigt, kann sich nicht mehr sicher sein, den Job zu bekommen. Wer sich mit einer kleinen oder großen Lüge gegenüber Arbeitgebern, Freunden, Partnern, Eltern oder Bekannten behalf, fliegt schon heute öfter auf. Schon jetzt fällt es schwer, Missverständnisse und Streitereien zu vergessen, wenn nichts davon gelöscht wird oder heilsame Kommunikationspausen nicht mehr möglich sind. Schon jetzt mag das Durchsuchen eines Profils, das sich alles gemerkt hat und alle Interaktionen dokumentiert, eine Liebe töten, bevor sie entsteht. Schon jetzt ist kaum auszumalen, was passieren würde, loggte sich jemand anderes ins eigene Profil ein.</p>
<p>All dieses wird durch Facebooks neue Möglichkeit eines Lebens im Liveticker-Modus zugespitzt. Ein Experiment mit noch offenem Ausgang: Was wird mit unserem Gefühl für den einzelnen Moment? Für die einzelne Biografie? Verliert nicht das an Gewicht, was pausenlos abgefilmt, aufgenommen und kommentiert wird? Nivelliert ständige Beschreibung nicht das Besondere? »Erzähle dein Leben!«, fordert Facebook mit Timeline seine User auf. Doch erzählt man so, durch die simple Aufzählung einer jeden vollzogenen Tätigkeit, sein Leben? Erzählen ist etwas völlig anderes als Chronologisieren. Eine Biografie ist mehr als ein Protokoll. Und der Kern des Sozialen besteht gerade nicht im totalen Erfassenkönnen, sondern in der Kontingenz. Also in dem, was jede Situation an Überraschendem, Unplanbarem, Ungesagtem, Angedeutetem birgt. Welchen Weg wird das Intime, das Geheimnis, das Verplante, das Vergessene finden, wenn die Räume dafür immer kleiner werden?</p>
<p><em>Total Recall,</em> so hieß die Schreckensvision des österreichischen Juristen und Kommunikationsforschers Viktor Mayer-Schönberger. Die negative Utopie sei die Existenz eines Menschen, der sich an restlos alles erinnert, der all das zu besichtigen vermag, was hinter der soeben verronnenen Sekunde der Gegenwart liegt. Das Nicht-vergessen-Können lähme das Jetzt, es verhindere Entscheidungsmöglichkeiten und die Offenheit für Neues. »Delete!« war sein Imperativ, löschen solle man in der virtuellen Welt, um die so wichtige Balance aus Erinnerung und Vergessen zu halten.</p>
<p>Löschen ist in Facebooks Timeline nicht mehr vorgesehen. Und damit auch kein Vergessen. Darin liegt das anthropologische Neuland, vor dem wir stehen.</p>
<p>Es geht bei der Facebook-Reform um größtmögliche Transparenz. Information wird als Gewinn, maximale Nähe als erstrebenswert gedacht. Zunächst im kleinen, dann aber auch im großen Kreis der Freunde werden durch die neu gewonnene Intimität die Zonen des Unwissens verkleinert. Ein derartiges Beziehungsgeflecht hat letztlich die empfindsame Kleinfamilie zum Vorbild. In ihr sollte der nur schwer zu bändigende Eros mithilfe zarter Nähe gebannt werden – was die Partner in der Regel allerdings nicht daran hinderte, in der Kneipe, im Kaffeehaus, im Großstadtgewimmel der Nestwärme zu entfliehen und die Ehemoral eher großherzig auszulegen. Der Traum der Puritaner wäre es gewesen, ein Mittel zu finden, mit dem sich jeder Schritt und Tritt des Ehemannes und guten Freundes lückenlos protokollieren ließe. Dieser Liebesutopie sind wir sehr nahe gekommen.</p>
<br />  <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/ninapauer.wordpress.com/108/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/ninapauer.wordpress.com/108/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godelicious/ninapauer.wordpress.com/108/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/delicious/ninapauer.wordpress.com/108/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gofacebook/ninapauer.wordpress.com/108/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/facebook/ninapauer.wordpress.com/108/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gotwitter/ninapauer.wordpress.com/108/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/twitter/ninapauer.wordpress.com/108/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gostumble/ninapauer.wordpress.com/108/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/stumble/ninapauer.wordpress.com/108/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godigg/ninapauer.wordpress.com/108/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/digg/ninapauer.wordpress.com/108/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/goreddit/ninapauer.wordpress.com/108/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/reddit/ninapauer.wordpress.com/108/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=ninapauer.wordpress.com&amp;blog=12951928&amp;post=108&amp;subd=ninapauer&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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		<title>NICHT VON DIESER WELT</title>
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		<pubDate>Mon, 03 Oct 2011 21:36:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>N.P.</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Das grandiose Ergebnis einer Pause: Feist ist zurück und hat mit &#8222;Metals&#8220; ein neues Album mitgebracht &#8211; eine Begegnung ZEIT Feuilleton, 22. Oktober 2011 Leslie Feist scheint lieber Wolken zählen als noch einmal ihr neues Album erklären zu wollen. Die 35-jährige Kanadierin blickt müde in den weiten Kreuzberger Herbsthimmel, der sich über der Dachterrasse des abgeranzten Szeneclubs wölbt, in [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=ninapauer.wordpress.com&amp;blog=12951928&amp;post=100&amp;subd=ninapauer&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
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<p><strong>Das grandiose Ergebnis einer Pause: Feist ist zurück und hat mit &#8222;Metals&#8220; ein neues Album mitgebracht &#8211; eine Begegnung</strong></p>
<p><em>ZEIT Feuilleton, 22. Oktober 2011</em></p>
<p>Leslie Feist scheint lieber Wolken zählen als noch einmal ihr neues Album erklären zu wollen. Die 35-jährige Kanadierin blickt müde in den weiten Kreuzberger Herbsthimmel, der sich über der Dachterrasse des abgeranzten Szeneclubs wölbt, in dem die Sängerin seit zwei Tagen pausenlos Journalisten und Fernsehteams empfängt. &#8222;Hörbar&#8220;, bestenfalls &#8222;elastisch&#8220; nennt sie ihre Songs in den endlosen Interviews, die sie besonders gerne im Schneidersitz führt. Vier Jahre lang hat Feist, wie sie sich als Sängerin nennt, pausiert.<span id="more-100"></span> Die Alben <em>Let It Die</em>, <em>Open Season</em> und <em>The Reminder</em> hatten ihr weltweite Erfolge gebracht, sieben Jahre hatte sie ununterbrochen auf Tour gelebt, ihre gesamte Zeit in Flugzeugen, bei Videodrehs und Presseterminen verbracht, etliche Awards und Grammy-Nominierungen eingesammelt. Ihre Stimme hatte die Apple-Werbung geschmückt, sie war in Talkshows und in der Sesamstraße aufgetreten. Bis sie abtauchte. Sich zurückzog, um wieder das Mädchen mit den Ponyfransen aus irgendeiner kanadischen Kleinstadt zu werden, die wieder in einer alten Garage hinter ihrem Haus in Toronto an einem Song bastelt.</p>
<p>Der Blick kommt aus den Wolken zurück. Wie die Stille war? &#8222;Wunderbar&#8220;, Leslie Feist strahlt. &#8222;Guck mal, die zwei da!&#8220;, sie winkt den Bauarbeitern auf dem gegenüberliegenden Gebäude zu. Feist ist noch nicht wieder richtig angekommen in der Welt hier draußen, die sie daran erinnert, dass sie eigentlich ein Superstar ist. Dass ihre Musik die Garage längst verlassen hat, um erneut die Charts aller Länder zu stürmen und sie mit der hohen Erwartung konfrontiert, dass <em>Metals</em> eine der größten Platten des Herbstes werden würde.</p>
<p>Sie ist es geworden. <em>Metals</em> spannt den Bogen weiter als die bisherigen Feist-Alben. Wie eine riesige Diashow von Panoramabildern ziehen die Klangfarben von Leslie Feists einzigartiger Stimme vorbei, entwerfen und füllen weite Landschaftsaufnahmen. Nicht in das Du und das Ich fließt die emotionale Wucht von Feists großer Stimme in ihren zwölf neuen Stücken. Dieses Mal besingt sie den Himmel, das Meer, den Ausblick vom hohen Berg aus. <em>I Caught A Long Wind</em>, berichtet sie in ihrem stärksten neuen Song und erzählt in <em>Bittersweet Melodies</em> die Geschichte dieses Windes weiter, der im Gras flüstert, sich aufbäumt, wirbelt, stürmt, und später die Bäume im &#8222;slow dance&#8220; wiegt, aus denen der Gesang eines Vogels ertönt. Von süßem Mädchencharme hat diese neue Naturbeschreibung allerdings nichts. Dafür ist sie viel zu ernst. Denn die Wetterzustände sind Weltzustände, vom seichten Wind geht es ins große Gewitter, Feist meint den Menschen. &#8222;Für jeden mentalen Zustand findet man in der Natur ein Abbild&#8220;, sagt sie.</p>
<p>Kanada, das Heimatland, in dem nicht die Städte, sondern der weite &#8222;unerzählte&#8220; Raum zwischen ihnen zählt, hat auf diese Songs abgefärbt. Genau wie das Studio in Big Sur in Kalifornien, hoch auf den Klippen über dem Pazifik, in dem sie mit ihrer Band die Songs im Februar innerhalb von zwei Wochen aufgenommen hat. Schonungslos scheint Feist dort oben alles mitgenommen zu haben, was der Himmel ihr geschickt hat. <em>Metals</em> klingt, als wäre sie, das schmale Persönchen, nie zurückgewichen, als habe sie sich allem ausgesetzt, bis zum Äußersten: den Stürmen, dem störrischsten Wehen, den Strahlen der aufgehenden und untergehenden Sonne, dem frischen Regen, der behutsamen blauen Stunde. Monumentaler sind deshalb ihre neuen Stücke, weniger verspielt als auf dem letzten Album, das Feist und ihre Bandkollegen Gonzales und Mocky 2007 in einer alten Landhaus-WG außerhalb von Paris im Pyjama aufnahmen. Das Klimpernde ihres Welthits <em>1234</em>, das Triumphierende, mit der sie der Welt <em>I Feel It All!</em> zurief sind einer tieferen, belastbareren Melodik gewichen. Geblieben ist das Typische, das Intime, das Pure, das ihre Stimme ausstrahlt, wenn sie sich auf den Vokalen ausruht, zwischen selbstbewusster Stärke und plötzlicher Verletzlichkeit changiert. Geblieben ist der eine, spezielle Sound, der ohne künstliche popmusikalische Effekte arbeitet, der lieber nur mit der Gitarre und dem Klavier geht und genau damit ihre Fans weltweit in stille Euphorie ersetzt.</p>
<p>Massentauglichkeit muss nicht laut und hässlich sein, Pop nicht platt, lehrt Feist mit Metals einmal mehr. Ihre Ästhetik ist filigran, sie schmeckt nicht wie ein Becher Cola, sondern wie ein stiller grüner Tee, zu ihr wippt man nicht wie in einer Großraumdisco, sondern wie in einem stylishen kleinen Club, sie wirkt nicht wie ein schriller Blockbuster, sondern wie das melancholische Vibrieren nach Sofia Coppolas <em>Lost in Translation</em>. Ihre Kunst schmeckt nicht wie Cola, sondern wie ein stiller grüner Tee Und wenn Feist auf den iPods ihrer Hörerschaft, der stilbewussten kosmopolitischen Boheme aus gestressten Jungmenschen zwischen Berlin, Toronto, Tel Aviv, Tokyo und New York, erklingt, dann nicht, wie es von außen so oft scheint, um die Welt auszuschließen, sondern um sie wiederzufinden.</p>
<p>Für ihre Fangemeinde ist Leslie Feist durch ebensolche Anachronismen zur Stellvertreterin geworden. Eine, die tut, wonach sie sich sehnt. Eine, die offline geht, in die Stille, weit weg von den Geräten, weg vom Lärm. Die dort draußen ausharrt, geduldig, schutzlos. Die beobachtet, sammelt, formt. Und die am Ende etwas Kostbares zurückbringt. Metals ist genau das: ein wertvolles Mitbringsel. Das Ergebnis einer Pause. &#8222;Mein Geist ist für mich heiliger Boden&#8220;, hat Leslie Feist einmal verkündet. Das besessen Rezipierende, auf die Sinne Einprasselnde, Konsumierende, das Schnelllebige, Haschende, Abrufende, Einspeisende hasst sie. Einen Fernseher besitzt sie bis heute nicht, Soziale Netzwerke verachtet sie. &#8222;Seit einigen Wochen schreibe ich nur noch Briefe&#8220;, gibt Feist unter dem Himmel von Berlin bekannt. Dass das Postamt bei ihr um die Ecke schließen musste, weil kaum noch jemand irgendetwas analog verschickt, konnte sie schlicht nicht ertragen. Spätestens mit diesem Album liefert Feist die Antithese zum Multitasking: Wer ihre Stimme hört, will alle anderen Tätigkeiten liegen lassen und nur noch hören.</p>
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		<title>OHNE RÜCKSICHT AUF CHAGALL</title>
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		<pubDate>Fri, 22 Jul 2011 10:09:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>N.P.</dc:creator>
				<category><![CDATA[2011]]></category>

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		<description><![CDATA[Was mache ich hier?  ZEIT Feuilleton, 30. Juni 2011 Imi Knoebel wendet sich ab. Der Düsseldorfer Maître, dessen Werk soeben unter allgemein andächtigem Schweigen enthüllt wurde, fährt sich durch die silbrig schillernde Pomadenfrisur und schaut in die Höhe. Während am Rednerpult salbungsvoll die Liste der Gäste verlesen wird, schauen die goldumrahmten Künstleraugen abwesend gebannt nach [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=ninapauer.wordpress.com&amp;blog=12951928&amp;post=93&amp;subd=ninapauer&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Was mache ich hier? </strong></p>
<p><strong></strong><em>ZEIT Feuilleton, 30. Juni 2011</em></p>
<p>Imi Knoebel wendet sich ab. Der Düsseldorfer Maître, dessen Werk soeben unter allgemein andächtigem Schweigen enthüllt wurde, fährt sich durch die silbrig schillernde Pomadenfrisur und schaut in die Höhe. Während am Rednerpult salbungsvoll die Liste der Gäste verlesen wird, schauen die goldumrahmten Künstleraugen abwesend gebannt nach links, nach rechts und wieder nach links. Knoebels Blick versinkt in seinen eigenhändig erschaffenen farbigen Funkenmeeren, den sechs Kirchenfenstern, die von heute an nach dreijähriger Arbeit in der Apsis der großen Kathedrale von Reims in die Ewigkeit sprühen.<span id="more-93"></span></p>
<p>Hundertachtundzwanzig Quadratmeter Kirchenfensterglas hat Knoebel, Beuys-Schüler, Minimal-Art-Vertreter, Abstraktionskünstler und vor allem: Deutscher, in Auftragsarbeit für die Kathedrale von Reims zusammengesetzt. Ein großes Symbol in der Stadt, die im Ersten Weltkrieg von den Deutschen nahezu komplett zerbombt wurde. Eine historische Geste in der Kathedrale der Notre Dame de Reims, jenem geschichtsträchtigen Ort, an dem seit dem Mittelalter Frankreichs Könige gekrönt und die deutsch-französische Versöhnung durch Adenauer und de Gaulle besiegelt wurde.</p>
<p>»Mon Excellence«, kündigt die Bürgermeisterin andächtig den nächsten Redner an. Mächtig, mehrfach mikrofonverstärkt hallt das Wort durch den Chorbereich bis nach draußen, an den Eingang der gotischen Krönungskirche, zu den berühmten lächelnden Engelsstatuen und den Touristen, die sich vor deren amüsiert gekräuselten Kalksteinlippen fotografieren lassen. Die einsetzende Orgel übertönt die Stimme der pausbäckigen Übersetzerin, die erklären will, wer jetzt die Bühne betritt. Einen Moment lang darf das Publikum auf den Holzstühlchen im Chorbereich also grübeln. Die Exzellenz? Der Künstler, Gott, Frankreich? Eine verirrte Taube fliegt ihre Runden durch das alte Gemäuer. Imi Knoebel setzt die Goldbrille ab, testet den verschleierten Blick auf sein Werk. Die Kameras filmen die Exzellenz, den Erzbischof, der hinter das Mikro tritt.</p>
<p>»Nun ist aber per definitionem in einer Kathedrale nichts mehr weltlich«, spricht der Geistliche entschieden. »Alles strebt nach dem Göttlichen«, erklärt er die metaphysische Botschaft Knoebels, der davon nichts wissen will.</p>
<p>Nüchtern, mitleidig schüttelt der Künstler auf die Frage, ob es ihm angesichts der hypnotischen Farbkraft seiner Fenster nicht wenigstens möglich ist, auch nur einen leichten Hauch Transzendenz, wenigstens einen klitzekleinen Anflug von Glauben verspüren zu können, den Kopf. Wieso sollte ich? Mehr sagt Knoebel nicht, er redet nie, des Künstlers Werk, es soll für sich sprechen. Für den Atheisten Knoebel ist die Kirche ein Ort unter vielen. Die Kathedrale von Reims nichts als ein Ausstellungsraum, eine alternative Galerie, einerlei, was sie anderen bedeutet.</p>
<p>Bunte Fenster hatten die Franzosen nun mal gewollt, erst fragten sie Gerhard Richter, doch der mochte nicht, und deshalb hat am Ende eben er, Imi, den Job gemacht. Rücksicht auf Chagall hat er dabei nicht genommen. Die drei Fenster des Franzosen, die seit 1974 die Kathedrale schmücken, werden durch Knoebels explosives Scherbenkonzert weniger umrahmt als dominant überstrahlt. Dank der neuen Technik der von einer Seite gesandstrahlten, mundgeblasenen Fensterstücke leuchtet seine abstrakte Komposition aus unterschiedlich starken Primärfarben schon bei minimalem Lichteinfall intensiv, in jedem Fall immer stärker als die seines Nachbarn mit den tiefblauen, melancholisch-verträumten Jesusfiguren. Knoebel gewinnt mit Blau, Rot, Weiß und Gelb bei den Betrachtern, die sich jetzt nur noch entscheiden müssen, was sie da eigentlich bestaunen: Weltliches oder Sakrales?</p>
<p>Champagner trinken sie danach alle. »Bezaubernd, Imi!«, loben die angereisten Düsseldorfer sich und ihren schweigenden Meister in einen Rausch. »Extraordinaire!«, beglückwünschen sich die beschlipsten deutsch-französischen Kulturverwalter gegenseitig zur bunten Wiederauflage der Versöhnung. Die Exzellenz, der Erzbischof, nickt höflich und referiert die Lichtwerdung und den schönen Traum von der Einheit des Lichtes und des Glaubens. »Wenn ihr nicht wiederkommt, und alles kaputt bombt, werden sich die Fenster lange halten«, gluckst ein französischer Galerist und prostet in die Runde. Die Gesandten der Partnerstädte von Reims stecken sich Visitenkarten zu. »Everything should be done whilst being drunk on champagne!«, ruft ein britischer Jungjournalist euphorisch in der Sonne vor dem Gotteshaus.</p>
<p>Über ihm schmunzeln, still und weise, die Engel. Achthundert Jahre Menschleinspektakel haben sie gelassen gemacht. »Das Genie des Kirchenfensters«, stand vor Beginn der Zeremonie auf den großen Tüchern, die Knoebels Fenster in ihrer Kathedrale kaschierten, »endet, wenn das Lächeln beginnt.«</p>
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		<title>IM REICH DER LORDS UND LADIES</title>
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		<pubDate>Mon, 02 May 2011 10:43:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>N.P.</dc:creator>
				<category><![CDATA[2011]]></category>

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		<description><![CDATA[In welche Kreise heiratet Kate Middleton eigentlich ein? Unserer Autorin ist es gelungen, in die Clubs des Londoner Adels eingelassen zu werden. ZEITmagazin, 28. April 2011 Das Café Peggy Porschen ist ein kleiner pastellfarbener Palast mitten in London. In einer Vitrine stehen wohlgeordnete Cupcakes neben kunstvoll verzierten Torten. Ringsum, in den Straßen des Stadtteils Belgravia, [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=ninapauer.wordpress.com&amp;blog=12951928&amp;post=89&amp;subd=ninapauer&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>In welche Kreise heiratet Kate Middleton eigentlich ein? Unserer Autorin ist es gelungen, in die Clubs des Londoner Adels eingelassen zu werden.</strong></p>
<p><strong></strong><em>ZEITmagazin, 28. April 2011</em></p>
<p>Das Café Peggy Porschen ist ein kleiner pastellfarbener Palast mitten in London. In einer Vitrine stehen wohlgeordnete Cupcakes neben kunstvoll verzierten Torten. Ringsum, in den Straßen des Stadtteils Belgravia, ist vom Lärm der Stadt nichts zu hören, als wäre diese Gegend von einer Mauer aus Watte umgeben. Still, glänzend stehen die Häuser da, als wären sie gerade von einer Putzkolonne geschrubbt, poliert und bis in die kleinste Ecke mit einem Pinsel entstaubt worden. »Trage Turnschuhe«, simst Victoria als Erkennungszeichen, sie sei in einer Sekunde da. Für meine Suche nach der Londoner Upperclass, diesem mythischen, seit Jahrhunderten weit über der Gesellschaft schwebenden Kokon der Privilegierten, schien die 28-Jährige auf Anhieb der unwahrscheinlichste Glückstreffer zu sein. »Klar, kein Problem«, antwortete die Enkelin zweier Lords, die Tochter eines ehemaligen Staatssekretärs, das Patenkind von Johannes Prinz von Thurn und Taxis, die Schwester eines alten Schulfreundes von Prince William sofort in lässigem Kurzmitteilungsenglisch auf meine übervorsichtige, durch leo.org und alte Englischlehrer mehrfach korrigierte, gestelzte Anfrage. Gerne würde sie mir London zeigen, danach könnten wir ja noch auf eine Cocktailparty gehen. <em>Looking forward,</em> stand unter ihren vom Blackberry gesendeten Nachrichten.<span id="more-89"></span></p>
<p>Victoria begrüßt mich mit Küsschen-Küsschen. Sie trägt einen hellblauen, ausgeblichenen Schlabberpulli, Jogginghose und silberne Turnschuhe, ihre Haare sind zu einem strähnigen Pferdeschwanz zusammengebunden. Sie ist ungeschminkt, wir lächeln uns an. Die Cupcakes sehen gut aus, oder? Sie nickt. »Wir können uns ja einen teilen, woher kennst du Lizzy, seid ihr befreundet?«, geht ihre Antwort nahtlos in die Frage über. Lizzy, Elisabeth von Thurn und Taxis, und ich haben eine gemeinsame Bekannte von der Arbeit, antworte ich. Ein Stirnrunzeln.</p>
<p>»Ach, ihr kennt euch gar nicht?« Mit den Fingern dreht Victoria ihr Blackberry auf dem rosa Tisch im Kreis, als würde sie angestrengt über etwas nachdenken. Dann beginnt sie unvermittelt, rasend schnell Adressen von Edelboutiquen, Juwelieren und Hutläden herunterzurattern, in denen sich die höfische Gesellschaft Londons mit dem Nötigsten ausstattet. Die Liste der modernen Upperclass-Insignien wird endlos.</p>
<p>Was hältst du eigentlich von der Hochzeit?, frage ich sie.</p>
<p>Der Nummernfluss hält kurz an. Victoria lächelt höflich. »Oh, die Hochzeit? Ein nettes Paar.« Dann klickt sie sich weiter durch ihr Telefonverzeichnis.</p>
<p>Ich frage sie, ob sie eingeladen ist.</p>
<p>»Nur mein Bruder.« Sie blickt nicht auf.</p>
<p>Aber du kennst William?</p>
<p>Ein unmerkliches Nicken hinunter auf ihren Handybildschirm.</p>
<p>Und, wie ist er so?</p>
<p>»Oh, William?«, beiläufig schaut sie auf, als eine Frau mit zwei Pudeln das Café betritt. »Er ist nett.«</p>
<p>Findet sie es seltsam, dass Kate keine Adelige ist?</p>
<p>Heftig schüttelt sie den Kopf. »Nein, wieso?«, fragt sie freundlich. »Um die Titel kümmert sich heute doch niemand mehr.« Das Blackberry verschwindet in der Hosentasche. »Sei mir nicht böse, aber ich muss noch furchtbar viel packen. Morgen flieg ich nach Dubai«, erklärt sie entschuldigend, lächelnd winkt sie über den Tisch und ist verschwunden. Ohne Küsschen-Küsschen. Und ohne sich einen Cupcake mit mir geteilt zu haben.</p>
<p>»Wissen Sie, die englische Oberschicht hat ein ganz subtiles System aus Codes«, erklärt, mit französischem Akzent, der Verkäufer in der Boutique nebenan. Die bietet edelsten Haustierbedarf an. »Bitte nehmen Sie es nicht persönlich, aber: Sie können da wirklich nur verlieren.« Er knetet eine Artischocke aus Plastik. »Ist Eukalyptus-Duftstoff dran«, sagt er lächelnd, »für den Atem des Hundes.«</p>
<p>Seine weiteren Ausführungen – die Eigenheiten der Upperclass treiben ihn offenbar ebenfalls um – bestätigen meine ersten Vermutungen: Der kommunikative Auffahrunfall, dieses Gefühl, als würde man an einer kühlen Porzellanfläche aus Höflichkeit abrutschen, ist im Kontakt mit der englischen Upperclass nicht die Ausnahme, sondern Teil eines Systems. Das effiziente Aussortieren von Gesprächspartnern ist nichts als der natürliche Schutzmechanismus dieser schreckhaftesten aller Spezies. Mimosenartig zieht sie sich zurück, wenn jemand ihr zu nahe kommt.</p>
<p>»Understatement, kein Bling-Bling, das ist der wichtigste Code«, sagt der Verkäufer und deutet abschätzig auf ein Buchcover: Es zeigt das Porträt eines Mopses, der an einem reich gedeckten Tisch sitzt und eine Perlenkette um den dicken Hals trägt. »So was kaufen nur die Russen. Bei Harrods«, sagt er angewidert. Er greift nach einer filigranen Glasflasche. Die wirkliche englische Oberschicht kaufe nur Naturstoffe, teure Marken mit klitzekleinem Label, aber ganz bestimmt keine Perlenketten für ihre Hunde. »Derselbe Code wie bei den <em>Chelsea tractors«,</em> er deutet nach draußen auf einen Geländewagen, in den gerade ein älterer Herr in Barbourjacke und senfgelber Cordhose einsteigt. »Ein Bentley signalisiert nur Geld, ein SUV dagegen steht für ein altes Familienhaus auf dem Land. Voilà.« Er besprüht einen kleinen Pappstreifen mit Hundeparfum. »Lavendel-Eukalyptus. Aus dem Süden Frankreichs. Die <em>dog nannies,</em> die hier die Hunde ausführen, <em>lieben</em> diesen Duft!«</p>
<p>Lady Celestria Noel, die ich vor meiner ersten Begegnung mit einem Lord ratsuchend anrufe, kichert in ihr Telefon. »Einen Knicks? Sie treffen doch nicht die Queen!«, ruft die Aristokratin, die in die Welt der Etikette, der endlosen Codes, hineingeboren ist. Sie ist als Autorin von Benimmratgebern darin geübt, die feinen Regeln der Upperclass für das Fußvolk zu übersetzen. »Natürlich kann ich jetzt anfangen, Ihnen die Fauxpas aufzuzählen – sagen Sie nie <em>toilet,</em> immer <em>loo,</em> nie <em>couch,</em> immer<em>sofa.</em> Seien Sie nie zu höflich, sagen Sie nicht ›Sie ist leicht übergewichtig‹, sagen Sie ›Sie ist fett‹.« Sie unterbricht sich selbst: »Aber in diesem Fall: Seien Sie einfach normal. Sprechen Sie ihn nur immer schön mit Lord an. Mit welchem sind Sie denn eigentlich verabredet?« Ich nenne ihr den Namen. Am Telefon herrscht Stille. Stimmt etwas nicht?</p>
<p>»Ach, nein, es ist nichts&#8230; Dieser Lord, er ist nur etwas sehr &#8230; exzentrisch.« Sie kichert noch lauter und legt auf.</p>
<p>Die 830 Mitglieder, deren Fotos die Internetseite des House of Lords auflistet, scheinen alle schuppenfrei zu sein. »Gehen Sie immer nach dem Aussehen«, hatte mir ein London-Kenner den Lord-Code erklärt, mit dem die aristokratischen Urgesteine zu erkennen seien. »Der ganz Unscheinbare, der, dem die Schuppen aus den schütteren Haaren auf den mottenzerfressenen Cordanzug rieseln, das ist Ihr Mann.« Die honorigsten aller Lords wirkten verlottert, das traditionelle Understatement trieben sie auf die Spitze, indem sie sich im Look des traditionellen Gentlemans gehen ließen. Oder sie seien wirklich verarmt, so genau könne man das nicht erkennen.</p>
<p>Dass einige von den im englischen Oberhaus regierenden Adeligen wahre Lords sind, lässt sich höchstens davon ableiten, dass sie abstrus lange Titel tragen, die phonetisch irgendwo zwischen dem Reich der Hobbits und Evelyn Hamanns Verhaspelungsmarathon liegen.</p>
<p>The Right Honourable Lord Merlin Charles Sainthill Hanbury-Tracy, 7th Baron Sudeley, steht schon lange nicht mehr auf diesen offiziellen Listen, er war nur über etliche Ecken und eine Reihe alter Diplomaten auffindbar. Er musste das House of Lords 1999 verlassen, Tony Blair war schuld. Dessen Reform reduzierte damals die Zahl der Erbadeligen, der <em>hereditary lords,</em>von 708 auf 92. Die Sitze gingen nun an <em>life peers,</em> die nicht qua Geburt, sondern aufgrund besonderer Leistungen von der Queen geadelt worden waren. Nach 39 Amtsjahren musste Lord Sudeley Platz für die neuen Lords machen.</p>
<p><em>»Hello«,</em> begrüßt er mich mit festem Händedruck, seine buschigen Augenbrauen schnellen kurz in die Höhe, langsam dreht er sich um und schlurft zurück in die Dunkelheit eines endlos langen, vollgestellten Flures. Während andere Londoner draußen auf den Straßen nahe der Oxford Street ihren Lunch in der Mittagssonne einnehmen, ist es in der Wohnung des 72-Jährigen kalt und düster.</p>
<p>»Heißen Sie wirklich Merlin?«, frage ich in das Dunkel hinein, in dem sich langsam eine unglaubliche Landschaft abzeichnet: wie fünf Antiquitätenläden in einen gepresst, Ahnenbilder, Reiterfotos, verstaubte Teppiche, Gemälde riesiger Schlösser, schwere Kerzenständer. »Wie der Zauberer, ja«, lacht Lord Sudeley und biegt in ein Zimmer ab.</p>
<p>Der Lord spricht ein altes, feines Englisch, garniert mit Nuscheln und Stottern, sodass er nur bei großer Konzentration zu verstehen ist. »Langsam! Und deutlich«, ermahnt auch Tatjana, eine Russin um die sechzig, ihren Mann immer wieder mit sanfter Strenge. Lord Sudeley sitzt weit von mir entfernt am Kopf eines langen Tisches, der mit einer dunkelrosa-schnörkeligen Decke bedeckt ist, darauf fleckiges Silberbesteck und kelchartige Gläser. In seinem dunkelbraunen Jackett, unter dem eine mit Goldfäden durchwobene Weste von einer goldenen Kette zusammengehalten wird, strahlt er die ruhige Würde aus, die historischen Reliquien eigen ist.</p>
<p>»Wir zwei arbeiten gemeinsam Lord Sudeleys Familiengeschichte auf«, erzählt Tatjana, trägt Frikadellen auf und lüftet eine silberne Käseglocke, unter der Cracker, <em>blue cheese</em> und Weintrauben drapiert sind. »Stimmt doch, oder, Moolie?«, ruft sie vom anderen Kopf der Tafel zu ihrem Mann hinüber. Hoch konzentriert schenkt der Lord halb stehend, halb sitzend drei große Kelche Müller-Thurgau ein. <em>»Yessatsright«,</em> brummt er bestätigend, sinkt in Zeitlupe in seinen Stuhl zurück und hebt wackelig sein Glas.</p>
<p>Es wird ein langer Nachmittag bei den Sudeleys. Eine Stunde an der Tafel und zweieinhalb weitere in einem Wohnzimmer, das mit einer Händel-Oper beschallt wird. Aus Ölgemälden in meterhohen Goldrahmen blicken dort der sechste und der fünfte Lord Sudeley. Hier erklärt der Lord, der als sein Hobby »Anbetung der Vorfahren« angibt, zusammen mit seiner Gefährtin die Geschichte des seit dem Hochmittelalter bestehenden Adelsgeschlechts der Sudeleys. Abwechselnd schimpfen sie dabei auf Tony Blair, die Demokratie, den modernen Geschichtsunterricht an Schulen und die »Feinde«, welche die Familie des Lords im letzten Jahrhundert so verarmen ließen, dass sie die zwei Schlösser verloren, in denen Lord Sudeley noch als Kind zwischen hundert Bediensteten aufgewachsen war. Die Universität von Wales nutze die Schlösser nun, sagt Tatjana und rollt mit den Augen. Sie schüttelt fassungslos den Kopf. »Diese Familie hat alles verloren, alles.«</p>
<p>Merlin nimmt am Kamin Platz. Schweigend thront er in seinem dunkelgrünen Ledersessel und schaut ins Feuer. An der Stelle, an der Moolies Hand mit der elektrischen Zigarette zwischen den Fingern ruht, ist der Sessel bis auf den Kern abgewetzt. Tatjana tätschelt ihm die wirren Haare. »Komm, Moolinka, zeig unserer jungen Freundin deinen Stammbaum.« Die letzten eineinhalb Stunden verbringen der ächzende Lord und ich auf allen vieren auf den staubigen Teppichen vor dem Kamin und rollen in endlosen Stationen den zwanzig Meter langen, auf eine Art Papyrus gemalten Familienstammbaum aus, zum Vorschein kommen Wappen, Namen, Zeichnungen. »Was war hier los, Moolie, hm?«, fragt Tatjana aufmunternd, als spräche sie mit einem Kind, sie tippt auf das Bild eines Scheiterhaufens. Der Lord schaut kaum hin. »Rosenkriege«, nuschelt er und schmeißt eine Tablette ins Kaminfeuer, die er unter dem Tisch auf dem Teppich gefunden hat. »1455«, sagt er, als wäre es gestern gewesen. Tatjana nickt stolz und zeigt auf die korrekte Jahreszahl. »Es ist ein bisschen märchenhaft«, raunt sie entrückt. »Manchmal sind wir aber auch ganz modern, oder, Moolinka?«, ruft sie ihrem Mann zu. »Dann skypt Lord Sudeley. Er kriegt die Kopfhörer, und ich wähle für ihn. Nicht, Moolinka?«</p>
<p><em>»Yessatsright«,</em> murmelt Merlin.</p>
<p>»Und manchmal gehen wir auch raus, Moolie, in unseren Club, oder?«</p>
<p>Lord Sudeley reagiert nicht. Er sitzt wieder vorm Kamin. Versonnen hält er Blickkontakt mit seinem Großvater auf dem Ölbild.</p>
<p>Seit Jahrhunderten ist der Club der natürliche Lebensraum der Upperclass in der Stadt. Sein Prinzip folgt dem der alten <em>gentlemen’s clubs:</em>Als zweites Zuhause boten sie dem männlichen Adel exklusive Räume in der Stadt, in denen sie essen, schlafen, diskutieren und Karten spielen konnten, wenn sie über Nacht nicht in ihre Herrenhäuser auf dem Land zurückkehrten. Damals wie heute ist der Club ein Ort, an dem sich die Mitglieder sicher sein können, dass niemand ihren illustren Kreis ungefragt stört. Denn hier ist jedes einzelne Mitglied von ihnen selbst ausgesucht worden.</p>
<p>Eines haben alle Londoner Clubs gemeinsam: Sie sind absolut unscheinbar, an der Tür stehen weder Name noch Hausnummer. Eintritt wird nur dem gewährt, der am Eingang das richtige Codewort sagt. An der Tür des fast 250 Jahre alten Brooks’s Club in der St. James’s Street, zu dem mich Lord Sudely mitgenommen hat, muss als Passwort ein bestimmter Kontaktname genannt werden. Es wird durch ein diskretes Nicken bestätigt: »Sie werden in der Bibliothek erwartet.«</p>
<p>Das Brooks’s ist ein Museum. Durch die strenge Mitgliederauswahl hat es sich über die Jahrhunderte kaum verändert. Frauen sind erst seit Kurzem geduldet, für einige Stunden in der Bibliothek. Die restlichen Bereiche – der Diningroom, die Kartenspielzimmer, die Bar – sind für Damen nach wie vor tabu.</p>
<p>Im gedimmten Licht sitzt das Ehepaar Sudeley vor der Bücherwand. Schwere Vorhänge aus dunkelrotem Samt und dicke rote Teppiche ersticken jedes Geräusch. Vor dem Kamin am anderen Ende der Bibliothek sitzt ein weiteres älteres Ehepaar und trinkt Tomatensaft. Eine knappe Stunde dauert unser Treffen, bei dem Tatjana leise, aber ausgiebig über das Verbot der Fuchsjagd schimpft, nur einmal hält sie inne, um Moolies umgekipptes Weinglas aufzuheben. Junge Menschen sind nicht zu sehen. Institutionen wie diese stehen am Ende der langen Club-Biografie, die Generationen von Adeligen vom Elitekindergarten an bis hierhin durchlaufen haben.</p>
<p>Das Codewort für die jüngere Clubwelt ist viel einfacher als jeder Adelstitel:</p>
<p><em>»She’s a friend«,</em> ruft Guido, dessen Telefonnummer mir Victoria diktiert hatte, dem Türsteher des Boujis zu. Guido, ein tätowierter Italiener mit Goldkettchen, sitzt in seinem roten Alfa Romeo und gibt dem Besitzer des bekanntesten Londoner Nachtclubs ein Handzeichen, zu mir sagt er grinsend: »Vielleicht ist ja Harry heute da.« Rund um die königliche Hochzeit veranstaltet Guido Partys und ein Public Viewing in einem alten Schloss außerhalb von London. Er verabschiedet sich mit Küsschen-Küsschen, »viel Glück«.</p>
<p>Harry sei leider schon vorgestern da gewesen, erklärt Jake, der Besitzer des Boujis, der Prinz werde wohl erst nächste Woche wiederkommen. Im Gegensatz zu seinem Bruder William feiere Harry hier noch regelmäßig. In Clubs wie dem Boujis trifft sich die junge, partywütige Upperclass. Im Boujis ist es auch einmal erlaubt, pubertär zu protzen: Wer einen Tisch an der Tanzfläche will, muss sich verpflichten, im Laufe des Abends mindestens 3.000 Pfund auszugeben. Wer noch eins draufsetzen möchte, bestellt sich eine Drei-Liter-Flasche Cristal Champagner, sie kostet hier 10.000 Pfund.</p>
<p>Im Morton’s im Stadtteil Mayfair ist derweil die nächste Altersstufe versammelt. Seriöser, diskreter, erwachsener ist dieser kleine Club am Berkeley Square, der die Größe eines Einfamilienhauses und das exklusivste Konzept aller Clubs hat: Wer Mitglied werden will, muss erst von zwei Mitgliedern vorgeschlagen werden und sich dann noch einem dreißigminütigen Bewerbungsgespräch unterziehen. Weder Geld noch ein Adelstitel sind ein Garant für den Eintritt.</p>
<p>»Da hat sich in den letzten Jahren viel verändert«, erklärt Aurelia Bonito, eine zierliche Blondine, die schon lange Mitglied in Clubs wie dem Morton’s ist und dort gelegentlich Modeschauen veranstaltet.</p>
<p>»Sie passen sich an«, sagt Aurelia über die Upperclass-Angehörigen um die dreißig. »Die Kinder der alten Familien müssen sich öffnen, um nicht überholt zu werden.« Diese jüngeren Aristokraten hielten zwar gern die Traditionen aufrecht, draußen auf dem Land, beim Sport und in den Elite-Colleges. Aber in London seien sie auf etwas anderes aus. »Viele haben einen künstlerischen Anspruch«, sagt Aurelia, »sie wollen eine anständige, intelligente, internationale Schicht sein, die nicht mehr fixiert ist auf Titel und Traditionen, sondern stärker auf Arbeit und Netzwerke setzt.« Niemand frage die Mitglieder hier nach den Namen und Titeln ihrer Großväter und Urahnen. Trotzdem werde der Umgang nach wie vor noch nach Benimm, Akzent und einer Art von Bildung selektiert, die man nur in den alten Familien lerne. »Die Hochzeit von William und Kate«, sagt Aurelia, »ist das beste Beispiel für diese Öffnung.« Aurelia isst eine Handvoll Popcorn. Adel und Bildungselite, sagt sie, das sei eine gute Kombination, Adel und <em>Eurotrash</em> hingegen? Ausgeschlossen.</p>
<p><em>Eurotrash?</em></p>
<p>»Die Neureichen. Leute, die ihr Geld zur Schau stellen.«</p>
<p>Ich zeige Aurelia eine Postkarte aus dem Stadtteil Belgravia: Eine junge, aufgedonnerte Frau beugt sich über einen Kinderwagen, »Gucci, Gucci, Gucci!« steht in der Sprechblase über ihrer hochgesteckten Frisur.</p>
<p>»Genau das!«, sagt Aurelia lachend und bestellt zwei Gläser Champagner. »Guck mal, wer da ist!«</p>
<p>Entspannt lässt sich einer der berühmtesten Pop-Adeligen der Welt in einen Sessel am verdunkelten Fenster zur Straße fallen. Dieser Mann, der mit seiner Band in den Sechzigern Massenhysterien auslöste, winkt über seinen Martini zu uns herüber. Allein der Sinn für Diskretion in diesem Club verbietet es, seinen Namen zu nennen. Aurelia entschuldigt sich für einen Moment, um ihn zu begrüßen.</p>
<p>Sofort machen mir umsitzende Clubmitglieder unaufdringliche Small-Talk-Angebote. Die erste Visitenkarte reicht mir ein junger Investmentbanker. Seinen Namen unter dem Logo einer großen Bank schmückt ein »von und zu«. Die nächste Visitenkarte ist pink: » <em>Prophet, Madman, Wanderer</em> « steht unter dem titellosen Namen. Der Prophet ist ein euphorisch grinsender Mann in weiß-pinkem Blümchenhemd. Er trägt eine riesige schwarze Hornbrille, stellt sich mir als Designer vor und streicht mir über die Schulter. »Wow! Du riechst aber gut«, ruft er, »was ist das für ein Duft?«</p>
<p>Lavendel-Eukalyptus, aus Südfrankreich, antworte ich und reiche ihm die Hundeparfumprobe. Prophet und Banker nicken anerkennend.</p>
<p>Die dritte Karte gibt mir Aurelia. Auch sie verabschiedet sich mit Küsschen-Küsschen. »Wenn du mal wieder in London bist«, sagt sie, »nenn einfach meinen Namen. Dann wissen sie, dass du dazugehörst.«</p>
<p>Mein Weg zum Ausgang führt vorbei am Pop-Fürsten. Er winkt noch einmal über seinen Martini. »Ich hoffe, du hast dich gut amüsiert«, sagt er zu mir und lächelt, bevor sich die unscheinbare Tür zur Upperclass wieder leise hinter mir schließt.</p>
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		<title>DR. NO!</title>
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		<pubDate>Sat, 05 Mar 2011 16:26:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>N.P.</dc:creator>
				<category><![CDATA[2011]]></category>

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		<description><![CDATA[Ein Appell an alle, die überflüssige Dissertationen schreiben. ZEITmagazin, 3. März 2011 Die Partyfrage, was man »so macht«, wird, wenn es eine Party der Um-die-30-Jährigen ist, seit einiger Zeit sehr oft mit dem Satz beantwortet: »Ich schreib grad an meiner Diss.« Und fast immer wird der Satz eher so dahingenuschelt, als sei er dem, der [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=ninapauer.wordpress.com&amp;blog=12951928&amp;post=85&amp;subd=ninapauer&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Ein Appell an alle, die überflüssige Dissertationen schreiben.</strong></p>
<p><em>ZEITmagazin, 3. März 2011</em></p>
<p>Die Partyfrage, was man »so macht«, wird, wenn es eine Party der Um-die-30-Jährigen ist, seit einiger Zeit sehr oft mit dem Satz beantwortet: »Ich schreib grad an meiner Diss.« Und fast immer wird der Satz eher so dahingenuschelt, als sei er dem, der ihn sagt, ziemlich unangenehm.</p>
<p>Früher promovierten die besten Absolventen, die klügsten und fleißigsten, und wenn sie es taten, waren sie stolz auf diese Etappe in ihrer akademischen Laufbahn. Heute promovieren viele Absolventen aus Verzweiflung und in Ermangelung besserer Ideen. <span id="more-85"></span>Man promoviert halt, wenn man intellektuell einigermaßen dazu in der Lage ist und eine gute Note im Studium hatte – und die haben viele. Die Zahl der Doktoranden steigt jedes Jahr um ein paar Hundert, innerhalb von 30 Jahren hat sie sich verdoppelt, auf zuletzt 25.101 verliehene Doktortitel. Wie viele anfangen und wieder abbrechen, das wird erst gar nicht gezählt.</p>
<p>»Ich dachte mir halt irgendwann: Besser als nix«, sagte kürzlich Katrin. Sie ist 29 und wollte nach ihrem Magister nur weg von der Uni, fand aber auf Anhieb nichts, und als ihr Professor auf sie zukam mit der Idee, sie solle promovieren, und ihr ein bisschen Gehalt in Aussicht stellte, konnte sie nicht widerstehen. »Ich dachte mir, ich mach’s jetzt einfach. Schaden kann’s ja nicht.«</p>
<p>Der Titel schadet nicht. Das Promovieren, um den Titel zu bekommen, schon.</p>
<p>Glücklich wird von den halbherzigen Doktoranden kaum einer. Zu promovieren bedeutet, sich ungefähr drei Jahre lang nur mit einem einzigen Thema zu beschäftigen, einem sehr speziellen Thema, für das sich zunächst nur man selbst und der Professor interessieren. Man ist mit dem Thema allein, sehr allein.</p>
<p>Klar, das Ganze kann auch sinnvoll sein. Für den, der sich einen Beruf wünscht, in dem er vor allem forscht und lehrt. Doch für den, der es nur macht, weil ihm nichts Besseres einfällt, weil sich sonst nichts anbietet oder weil er glaubt, so die bessere Karriere zu machen, sind die drei Jahre verlorene Jahre.</p>
<p>Und wer die Dissertation als Grauzone zwischen Abschluss und Anfang nutzt, verschleudert nicht nur Zeit, sondern auch Selbstvertrauen. Das Festhalten an der vermeintlichen Sicherheit einer formalen Einrahmung des Lebens wirkt über die Jahre eindeutig kontraproduktiv.</p>
<p>»Eigentlich bin ich jetzt genauso schlau wie vor vier Jahren«, sagt Thomas. Er habe nichts gelernt, was er nicht auch schon vorher gekonnt habe. Er ist 33, Diplomsoziologe. Nach dem Studium war er ein paar Monate arbeitslos und hat dann seine Doktorarbeit über den Hermeneutikbegriff in den Sozialwissenschaften begonnen. Gerade liegt sie zur Korrektur bei den Gutachtern. Thomas wartet auf die Note und den Termin der Verteidigung. Auf das Promotionsstipendium habe er sich damals »aus reinem Automatismus« beworben, wie er sagt. Der Status als Stipendiat gab ihm zwar eine bescheidene finanzielle Sicherheit, doch die Doktorarbeit war für ihn nur die Verlängerung des Halb-erwachsen-Seins. Er hatte das Gefühl, das Leben drehe sich für alle weiter, außer für ihn. Während andere ins Büro gingen oder sogar eins gründeten, lief er immer noch zur Uni. Andere aßen mittags beim Italiener, er in der Mensa. Hätte er nicht auf den Mitarbeiterpreis für das Mittagsmenü bestanden, er hätte den Studententarif bezahlt. Er sah ja auch immer noch aus wie ein Student.</p>
<p>Während seine Bekannten ihre Hochzeiten feierten, schmiss er mit 30 eine große Motivationsparty aus Anlass der Halbzeit seiner Arbeit. Er habe großen Druck verspürt, viele Selbstzweifel gehabt in den letzten Jahren, sagt Thomas. Oft wollte er aufgeben. Am Ende hat er seine Arbeit doch noch fertiggestellt. Zufrieden ist er mit dem Ergebnis nicht. Er findet die Arbeit selber »schwammig«, »für die Welt eigentlich überflüssig«. Und was seine Zukunft angeht, ist Thomas heute ratloser denn je: »Ich saß ja nur in der Bibliothek die letzten Jahre, wie soll ich dabei denn herausgefunden haben, was ich will?«</p>
<p>Im Nachhinein betrachtet, hätten ein Praktikum, eine zusätzliche Ausbildung oder sogar einige Monate Urlaub ihm besser geholfen, um sich zu orientieren, sagt Thomas. Den vermeintlichen Prestigegewinn durch den Titel vor dem Namen, so glaubt er, werde er in Zukunft höchstens bei offiziellen Beschwerdebriefen spüren. Falls sich davon heute wirklich noch jemand beeindrucken lässt. Auf dem Arbeitsmarkt bringt es jedenfalls immer weniger was, einen Titel zu tragen, den immer mehr führen.</p>
<p>Viele Frauen meinen, nach einem durchschnittlich bis überdurchschnittlich gut verlaufenen Studium noch den Doktor machen zu müssen, da er die Karrierechancen fördere und die Verbindung von Familie und Beruf gerade in den ersten Jahren erleichtere. Das ist der Eindruck aus dem Bekanntenkreis, und er deckt sich mit der Statistik: Seit 1993 hat sich die Zahl der Frauen, die promovieren, fast verdoppelt, sie werden die Männer wahrscheinlich in ein paar Jahren eingeholt haben.</p>
<p>Sonja, eine Freundin aus Stuttgart, ist eigentlich Hausfrau, so nennt sie sich manchmal selbst, in einer Mischung aus ironisch und verbittert. Aber sie hat eben auch noch ihre Promotion, seit viereinhalb Jahren schon. Nach außen ist sie Teil eines modernen Paares: Er nahm brav Elternzeit, sie promovierte. In Wahrheit kümmert sie sich um Kind und Haushalt – und manchmal wird sie das Gefühl nicht los, dass ihr Mann ihre Dissertation belächelt. Sie nimmt sie ja selbst nicht mehr ernst. Geschrieben hat sie bislang 20 oder 30 Seiten, »oder vielleicht noch nicht mal«.</p>
<p>Für die Unis sind Doktoranden günstige Arbeitskräfte. Eine Bekannte hatte mit ihrem Doktorvater zu kämpfen, der versuchte, sie noch am Institut zu halten, als ihre Arbeit längst fertig war. Er hatte immer neue Ausreden, weshalb er noch keine Note geben konnte. Als sie dann auch ohne Note einen guten Job bekam, außerhalb der Uni, spielte sich eine Art Rosenkrieg zwischen den beiden ab. Bis heute verlangt er von ihr noch Nacharbeiten an der Dissertation. Sie schuftet jetzt spätabends und am Wochenende für ihren Ex-Prof, der natürlich immer nur an ihrem Fortkommen interessiert war.</p>
<p>Wahrscheinlich ist das ein Extrem. Aber es gibt auch ein strukturelles Problem, das alle Doktoranden betrifft: Sie waren es als Studenten gewohnt, immer mehrere Projekte gleichzeitig zu haben. Wuchsen sie doch in unsicheren Zeiten auf mit dem Bewusstsein: Wenn ich mich nur auf einen Job verlasse, ist das zu wenig. Sie arbeiteten in Galerien, machten sich nebenher selbstständig, schrieben für Zeitungen, waren Hiwis an der Uni. Und wenn sie heute eine Dissertation beginnen, ist diese Dissertation eben oft auch nur ein Projekt unter mehreren. Aber das ist mit dem Wesen der Dissertation nicht vereinbar. Sie verlangt Fokussierung.</p>
<p>Auch Katrin jobbt mittlerweile wieder nebenher. Monatelang hat sie das Exposé für ihre Forschungsidee immer wieder verändert, ein paarmal alles umgeschmissen. Jetzt hat sie angefangen zu schreiben – und fürchtet seither, sich zu verzetteln.</p>
<p>Wenn Katrin Pech hat, gehört sie in ein paar Jahren zu jenen Doktoranden, die in Professorenkreisen als »Studienfälle« bezeichnet werden. Diese Doktoranden geben Arbeiten ab, die das Ergebnis eines jahrelangen Verhedderns in mittelmäßig zusammengestrickten Theoriefäden sind und die am Ende nur für die Bibliothek geschrieben wurden. Die Prüfer winken sie durch. Und sind genauso frustriert wie die Promovenden, die bei der Verteidigung ihrer Arbeit verunsicherter auftreten als zu Beginn der Promotion.</p>
<p>»Ich denke oft ans Abbrechen«, sagte mir Katrin neulich. »Aber ich will auch niemanden enttäuschen. Vor allem nicht mich selbst.«</p>
<p>Katrin und der immer größer werdenden Masse an überflüssigerweise Promovierenden möchte man am liebsten zurufen: »Macht euch nicht länger unglücklich, Leute! Es gibt noch ein Leben außerhalb der Uni!« Man wünscht ihnen den Mut zur Lücke. Nicht zu der Lücke in den Fußnoten. Sondern der vor dem eigenen Namen.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>IST DEUTSCH DOCH SCHÖN?</title>
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		<pubDate>Wed, 19 Jan 2011 18:06:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>N.P.</dc:creator>
				<category><![CDATA[2011]]></category>

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		<description><![CDATA[Darauf hört unser Herz: Zum neuen Album &#8222;Nur fort&#8220; und zum Start der Deutschland-Tournee der Sängerin Lisa Bassenge. ZEIT Feuilleton, 13. Januar 2011 Lisa Bassenge singt vom Fortgehen. Vom kopflosen Verschwinden, vom Davonlaufen, dem polnischen Abgang, ohne Ankündigung, ohne Plan. Nur fort, so hat sie ihre neue Platte genannt. Doch die riesigen Luftballons, die sich [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=ninapauer.wordpress.com&amp;blog=12951928&amp;post=79&amp;subd=ninapauer&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
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<h1><strong><span style="font-size:13px;">Darauf hört unser Herz: Zum neuen Album &#8222;Nur fort&#8220; und zum Start der Deutschland-Tournee der Sängerin Lisa Bassenge.</span></strong></h1>
<p><em><span style="font-size:13px;">ZEIT Feuilleton, 13. Januar 2011</span></em></p>
<p>Lisa Bassenge singt vom Fortgehen. Vom kopflosen Verschwinden, vom Davonlaufen, dem polnischen Abgang, ohne Ankündigung, ohne Plan.</p>
<p><em>Nur fort,</em> so hat sie ihre neue Platte genannt. Doch die riesigen Luftballons, die sich die Berliner Sängerin auf dem Coverfoto an die Füße gebunden hat, wollen sie keinen einzigen Millimeter weit in die Ferne tragen. Und auch der Ankündigungstext auf der Rückseite erzählt nicht vom Aufbruch, sondern von der Heimkehr. Fliehen und Stehenbleiben, Gehen und Nachhausekommen, hin und weg zugleich – Lisa Bassenge macht diese unwahrscheinliche Synthese nicht nur denkbar. Sie hört sich auch noch sehr schön an.<span id="more-79"></span></p>
<p>Schon die ersten Töne, die ersten Zeilen zeugen von dieser doppelten Heimkehr: Eine Frau besingt ihre Flucht in den Hafen von irgendwo, zurück zur deutschen Sprache – und damit zum Ich. Mit ihrem fünften Studioalbum hat Bassenge, 36, sich nach mehr als zehn Jahren mit wechselnden musikalischen Projekten wie Micatone, Nylon oder dem Lisa Bassenge Trio für einen neuen Tonfall entschieden. Und sich damit erst einmal von den alten Neuartigkeiten, mit denen sie bekannt geworden ist – der lang ersehnten Jazz-Entdeckung, dem deutschen Chanson-Wunder, der Elektro-Sängerin, die es endlich schafft, Tiefgang in die Clubs zu bringen –, verabschiedet.</p>
<p>Der Sound, der sich jetzt in einer großen, klaren Linie sicher durch jedes ihrer elf Stücke – fünf Eigenkompositionen und sechs Coverversionen – zieht, basiert vor allem auf einem Element: ihrer Stimme. Bassenge damit heute auf einen Musikstil festzunageln ist damit schwieriger denn je geworden. Auch sie selber schafft es nicht wirklich. »Es sind einfach Lieder. Deutsche Lieder. Liedgut«, versucht die Zehlendorferin es in einem Berliner Café zu beschreiben, zuckt mit den Schultern, lässt die Gabel in der Pasta stecken und wedelt mit ihren knallroten Fingernägeln durch die Luft. »Die Platte ist einfach so &#8230; ich.«</p>
<p>Festzuhalten ist, dass Lisa Bassenge vieles hinter sich gelassen hat: die englische Sprache. Das unregelmäßig Fingerschnippende, die Scat-Improvisationen, das Experimentelle des Jazz genauso wie das Kopfnickende, Kühl-Mechanische der Elektro-Beats, zu denen sie bei Nylon sang. Geblieben ist eine Musik, in der ihre Stimme endlich genug Raum erhält; die sie begleitet, statt begleitet werden zu wollen. Gitarre, Klavier, Percussion, ein bisschen Schlagzeug, ein bisschen Akkordeon und der bei allen Projekten an Bassenges Seite stehende Bassist aus Studienzeiten, Paul Kleber. Es ist eine Instrumentalisierung hin zur Akustik, hin zur Regelmäßigkeit, zur Reinheit der Töne. In die sich nur sachte hier und da ein Hauch anderer musikalischer Richtungen mischt. Mal eine surfige Gitarre, mal ein wenig Country und Western und, zum Auftakt, im selbst geschriebenen <em>Über Eis,</em> eine Prise orientalischer Melodik. Der Rest ist deutsches Liedgut. Und damit vor allem großer Text.</p>
<p>Durch ihre Hinwendung zur Muttersprache hat Lisa Bassenges Werk stark an Intimität gewonnen. »Mit <em>Nur fort«,</em> sagt die Sängerin und erklärt damit, warum die Luftballons sie auf dem Boden stehen lassen, statt sie in den Himmel zu entführen, »meine ich Situationen einer inneren Flucht.« Es gehe ihr um Zustände und Stimmungen, die beides sind: Anwesenheit und Abwesenheit zugleich. Weniger hell, aber in der stimmlichen Ungetrübtheit Norah Jones ähnelnd, trägt Lisa Bassenge diese Momente in ihren Stücken vor: das romantisch-verspielte Wegträumen in <em>Nur fort,</em> die frustrierte Einsamkeit in der Menschenmasse im Udo-Lindenberg-Cover <em>Leider nur ein Vakuum,</em> den Moment des Dazwischen, der Unsicherheit darüber, was das Jetzt mit einem vorhat, in <em>Über Eis.</em> »Ich weiß nicht, bleib ich hier mit dir? / Oder sollen wir nach Hause gehen? /Ich weiß nicht, gehörst du zu mir? / Oder einfach nur hier zum See?« Bis heute ist unklar: War der Spaziergang um den zugefrorenen See damals der Beginn einer großen Liebe oder doch eher nur eine seichte Verliebtheit zum Sich-aus-dem-Kopf-schlagen?</p>
<p>Schon zu den Anfangszeiten ihrer alten Band Nylon war Lisa Bassenge »das Weltbewegende« weniger wichtig als das Glück oder Unglück im Privaten. Und auch jetzt interessiert sie nur die Bewegung nach innen, nicht der Welt-, sondern der Ich-Schmerz. »Hörst du nicht mein Herz?«, ruft sie in ihrer stärksten Eigenkomposition mit gleichnamigem Titel. Und kanalisiert damit die Wut darüber, verlassen zu müssen, obwohl man gar nicht gehen will. »Jedes Lied klingt wie Ade«, besingt Bassenge weiter den Niedergang der Liebe. »Die Tauben picken, als sei nichts passiert«, trauert der Refrain vorwurfsvoll, fassungslos über die stoische Indifferenz der Welt da draußen: »Das Radio spielt, als sei nichts passiert.«</p>
<p>Es sind solche Text- und Musikschablonen, simpel, ohne platt zu sein, die Bassenge dem Hörer anbietet, auf dass er sie mit seinen eigenen kleinen, großen Gefühlen füllt. Gefühle, die sich nicht erst rund schmirgeln lassen wollen, sondern so, wie sie sind, ihren Ort bei Hildegard Knef, der Neuen Deutschen Welle, Eichendorff und Element of Crime finden. Oder bei Lisa Bassenge selbst. »Wenn man selber auf Deutsch schreibt, fühlt es sich an, als würde man sich nackt ausziehen«, sagt sie. »Aber ich denke, ich kann mich immerhin noch ein bisschen hinter der Poesie verstecken.«</p>
<p>Man lässt sie gerne in diesem Glauben. Doch es könnte sein, dass ihr, genau weil sie sich jetzt nicht mehr verstecken kann, mit ihrer neuen Platte und der am 20. Januar beginnenden Deutschlandtournee der Durchbruch gelingt.</p>
<p>Gerade weil sie selbst heute, nach vierzehn Jahren auf der Bühne, als alleinerziehende Mutter von zwei Kindern und mit der Erfahrung von fünf Alben, den Status der immer wieder Zweifelnden, Suchenden, Aufbrechenden nicht verlassen hat. »Das hört ja nie auf, schrecklich!«, sagt sie, um nachdenklich hinterherzuschieben: »Ankommen wäre wahrscheinlich noch schrecklicher. Ankommen wäre Stillstand. Ankommen ist wie sterben.«</p>
<p>Gut also, dass sie weitersucht. Denn auch wenn sie die adaptierten Stücke wie das Knefsche <em>17 Millimeter fehlten mir zum Glück</em> spielend in ihren eigenen Tonfall zu übersetzen vermag – Bassenge brauchte die Knef nicht mehr, wenn sie weniger schnodderig-verrucht, aber genauso selbstironisch wie das Original poltert: »Wer rollt den Stein den Berg hinauf und gibt nicht auf und gibt nicht auf? Der Mensch, wer sonst wohl als der Mensch!«</p>
<p><em><span style="font-weight:normal;font-size:13px;"><br />
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		<title>IM STEUERPARADIES</title>
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		<pubDate>Sun, 22 Aug 2010 23:09:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>N.P.</dc:creator>
				<category><![CDATA[2010]]></category>

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		<description><![CDATA[Mit dem 18. Geburtstag kommt der Führerschein. Aber was kommt dann? Die erste freie Fahrt. ZEITmagazin, 19. August 2010 »Das ist der Hammer!«, ruft Miriam, als sie aus dem Haus ihrer Eltern in die Sonne tritt. In der Hamburger Vorstadt Schenefeld, kurz vor Pinneberg in Schleswig-Holstein, sind Sommerferien. Schäfchenwolken stehen regungslos über Mövenpickfahnen, Hagebuttenbüsche vor [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=ninapauer.wordpress.com&amp;blog=12951928&amp;post=75&amp;subd=ninapauer&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Mit dem 18. Geburtstag kommt der Führerschein. Aber was kommt dann? Die erste freie Fahrt.</strong></p>
<p><em>ZEITmagazin, 19. August 2010</em></p>
<p>»Das ist der Hammer!«, ruft Miriam, als sie aus dem Haus ihrer Eltern in die Sonne tritt.</p>
<p>In der Hamburger Vorstadt Schenefeld, kurz vor Pinneberg in Schleswig-Holstein, sind Sommerferien. Schäfchenwolken stehen regungslos über Mövenpickfahnen, Hagebuttenbüsche vor Pferdeweiden, Gartenzwerge vor Baumärkten. Idylle und Langeweile sind eins. Außer man ist hier 18. Und alles ist neu.<span id="more-75"></span></p>
<p>Für Miriam ist dieser Donnerstag der Tag eins. Heute darf sie Auto fahren. Und zwar zum ersten Mal allein.</p>
<p>»Der Hammer«, steht in der stillen Hitze vor dem Reihenhaus, im Schatten unter den Kirschbäumen. Der dunkelblaue Golf ihres Vaters. Ihr »Daddy«, sagt Miriam, habe ihn dort gestern nach der Arbeit geparkt. Gestern. Also in einer anderen Zeit.</p>
<p>Entschlossen klettert das Mädchen auf den Fahrersitz. Die hellrosa lackierten Fingernägel finden den Knopf in der Fahrertür. »Ich bin so ein Fensteraufmachmensch«, die vorderen zwei Fenster fahren gleichzeitig hinunter.</p>
<p>Bei den Schritten der Vorbereitung, x-mal unter genauester Beobachtung des Fahrlehrers absolviert, scheint kein Griff Zufall zu sein. Kritische Testblicke in sämtliche Spiegel. »Blubb – feddich.« Lässig pustet Miriam sich eine blonde Haarsträhne aus der Stirn. Der Motor springt an.</p>
<p>»Gute Fahrt wünscht Fahrschule Boom« steht auf der schwarzen Hülle, die den erst vor einigen Stunden ausgestellten Führerschein schützt. Er liegt auf dem Armaturenbrett. Die in runder Mädchenschreibschrift gemalte, bislang wichtigste Unterschrift der ersten 18 Jahre begleitet die erste Fahrt.</p>
<p>Der Motor springt an, und der Wagen rollt im Schritttempo durch die Ausfahrt. Miriams Nase ist dicht ans Lenkrad gepresst, beide Hände umklammern das Steuer. Ein Blick links, ein Blick rechts, noch einer links. Butterweich gleitet das Auto auf die rechte Spur.</p>
<p>»Tadaa!«</p>
<p>Die Straße. Das Mädchen. Der Hammer.</p>
<p>Es geht hundert Meter geradeaus, kein Auto weit und breit. Freiheit? »Hmm, weiß nich. Axel fehlt, das ist merkwürdig.«</p>
<p>Axel, das ist der Fahrlehrer. Das war der Fahrlehrer. Die erste kleine Kurve, »määääääum«, rechts herum. Gegen Fahrschullehrerphantomschmerz hilft nur das Selbstgespräch. »30er Zone, och, wie süß!« Miriam fährt 28. Alle paar Meter eine Schwelle, die die Langsamkeit weiter, ins Unerträgliche, verlangsamt, in guter Voraussicht immer schon einen Meter vorher.</p>
<p>Auf der Franzosenkoppel, der ersten großen Straße, kommt Gegenverkehr. Gleich ein Bus. Miriam wartet hinter geparkten Autos. Ein kurzer kollegialer Blick zwischen Miriam und dem Busfahrer.</p>
<p>Zone 50. Alle Ampeln sind grün. Die cremefarbenen Ballerinas drücken mutiger in die Pedale. Ein bisschen Fliehkraft für die nächste Kurve. Radio Energy übernimmt die Vertonung. Alors, on danse, Miriam nickt zum Beat.</p>
<p>Draußen ziehen die Schenefelder Highlights vorbei: OBI, die Harry-Brotfabrik, Taverna Naxos, der China-Imbiss, Aldi. Miriams blonde Locken fliegen im Fahrtwind. Es läuft.</p>
<p>Kurve drei.</p>
<p>Der Ballerina schreckt vom Gas. »Uupps!« Der Wagen schrappt bei 45 km/h den Straßenrand. Es regnet Hecke durchs offene Fenster. Kein Axel, der schimpft. »Eeehm, ja. Nix passiert!«</p>
<p>Zurück zur Häusersiedlung. An der Straßenecke steht ein blonder Junge in Badeshorts. Miriams Freund, Christian. Er wohnt zwei Häuser weiter. Ein Kuss durchs offene Fenster. »Hallo, Schatz«, sagt Miriam und lächelt. Christian steigt ein. Weiterfahrt mit Beifahrer. Nix passiert.</p>
<p>»Mach doch bitte mal die Klimaanlage an, Schatz«, sagt Christian. »Du, ich bin eigentlich mehr so der Fensteraufmachtyp.« Der Junge fummelt an Knöpfen herum, kalte Luft pustet in den Wagen. Er dreht das Radio auf, »Kann aus einem Urlaubsflirt eine Beziehung werden?«, fragt die Moderatorin.</p>
<p>Der erste Kreisverkehr auf der Strecke, »Yeah baby, yeah«, ruft Miriam.</p>
<p>Erneuter Stopp am Straßenrand. »Hallo, Jule.« Jule setzt sich auf den Rücksitz. Miriam rollt langsam weiter, Gang eins, Gang zwei. »Oh, dreh das lauter!« – »Hey, Soulsister«, singen die Mädchen.</p>
<p>Gang drei.</p>
<p>Die Fahrt läuft von allein. »Sie fahren 47«, der Smiley auf der elektronischen Tafel am Straßenrand lächelt. Bei allen anderen Autos lächelt es nicht. Hinter dem Ortsausgang beginnt die Landstraße. Willkommen in Schleswig-Holstein – Land der Horizonte.</p>
<p>»Mein Bruder und ich wollen uns jetzt besser ernähren, keine Süßigkeiten, keine Kohlenhydrate«, sagt Christian und wechselt den Sender.</p>
<p>»Das geht raus an alle Spinner, wir sind die Gewinner«, singt Radio Schleswig-Holstein. »Wir kennen keine Limits, ab heute, für immer.«</p>
<p>»Schatz, sag schnell, wo muss ich hier abbiegen? Pass ich da hinten durch? Guckst du mal? Ist das hier richtig, ist das richtig hier?«</p>
<p>Halt auf dem Schotterweg. Alle wischen sich den Schweiß aus der Stirn. Der Baggersee liegt hinter Bäumen.</p>
<p>»Wie soll ich eigentlich zurückfahren?«</p>
<p>»So wie du gekommen bist. Oder halt einen anderen Weg. Du kannst wirklich ganz so fahren, wwie du möchtest, Schatz! Bis später.« Beifahrer eins steigt aus, Beifahrer zwei bleibt, Chauffeur fährt weiter.</p>
<p>»Weil das Leben ohne Sinn wär, ohne Spinner wie dich und mich«, dudelt es.</p>
<p>Ob sie auch Spinner sind?</p>
<p>»Ich bin eher so mainstream«, sagt Miriam, die rückwärts von der Schotterpiste rollt, »aber ich liebe es, Spaß zu haben. Doch. Ich glaub, wir sind schon ein bisschen verrückt.«</p>
<p>So Lena Meyer-Landrut-mäßig?</p>
<p>»Ich finde Lena bescheuert«, sagt Miriam.</p>
<p>Routinierte Auffahrt auf die Autobahn, dort, wo die Linie gestrichelt ist. Immer unter dem Limit. Immer 98 km/h.</p>
<p>Wieder hinein ins Stadtgebiet. Plötzlich Fahrräder, Gegenverkehr, Zebrastreifen.</p>
<p>»Wo kann ich gleich wenden, Jule? Ich muss das immer vorher wissen.«</p>
<p>Zweiter Gang. »Boah, ich hasse Drängler!« Ein böser Blick in den Rückspiegel. »Hier ist alles viel schwerer.« In Hamburg lächeln keine Smileys.</p>
<p>Ottensen. Vertraute Wege. Die Große Rainstraße. Stopp am Straßenrand. Jule springt aus dem Wagen. »Grüß Axel«, sagt Miriam.</p>
<p>Das Auto ist wieder leer. Die Freundin verschwindet in der Fahrschule. »100% Begeisterungsgarantie« steht an der Tür.</p>
<p>Das Navi, bislang unangetastet, piepst. »Dynamische Fahrt starten?« blinkt auf. »Dynamisch? Nein«, Miriam schaltet es aus. »Noch nicht.«</p>
<p><em> </em></p>
<p><em></em><strong> </strong></p>
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